Trotz einer mittlerweile beschlossenen Reduzierung der Fördermengen gibt es einen massiven Angebotsüberhang. Öl wird bis an die Kapazitätsgrenzen eingelagert, und die Preise fallen.

Das Coronavirus und der damit einhergehende Nachfragerückgang setzen den schon volatilen Ölpreis nicht – wie zunächst vermutet – nur temporär unter Druck. Die Risikoexperten von Atradius haben die Situation in der Ölindustrie in einer Studie, die Ende März veröffentlicht wurde, untersucht und potentielle Länderrisiken anhand mög­licher Szenarien für Exporteure identifiziert.

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Bereits im vergangenen Jahr schwankte der Ölpreis aufgrund geopolitischer Spannungen zwischen den USA und dem Iran sowie der Anschläge auf eine saudische Ölraffinerie zwischen 50 und 70 USD pro Barrel. Der massive Preiseinbruch durch das Coronavirus stellt eine unvorhersehbare Krisensituation für die Ölmächte dar, die heftiger ausfallen könnte als der Einbruch zwischen 2014 und 2016.

Anfang des Jahres 2020 sorgte zunächst der Nachfragerückgang in China durch den „Lockdown“ zur Eindämmung des Coronavirus für einen Preiseinbruch am Weltmarkt. Im März verhandelten die OPEC-Länder und Russland über die Kürzung von Fördermengen, um den Preis zu stabilisieren. Dabei kam es zum Streit zwischen den OPEC-Staaten und Moskau, in dessen Folge neben Russland insbesondere Saudi-Arabien als einflussreichstes OPEC-Mitglied seine Strategie änderte. Durch die Aufhebung der Förderobergrenzen versuchten beide Staaten, Marktanteile für sich zu gewinnen, was den Preiseinbruch weiter befeuerte.

Durch die Verbreitung des Coronavirus und die damit einhergehenden Eindämmungsmaßnahmen ging die weltweite Nachfrage noch weiter zurück und sorgte nicht nur – wie zunächst angenommen – für eine kurzfristige Talfahrt, sondern für einen massiven globalen Rückgang der Nachfrage nach Rohöl um 30%. Sowohl der Bedarf der Industrie als auch die Nachfrage nach Kraftstoffen brachen aufgrund der Reisebeschränkungen und Produktionsstopps nachhaltig ein. Trotz einer mittlerweile beschlossenen Reduzierung der Fördermengen gibt es einen massiven Angebotsüberhang. Öl wird bis an die Kapazitätsgrenzen eingelagert, und die Preise fallen. Ende März 2020 notierte der Referenzpreis für amerikanisches Öl (WTI) unter 20 USD je Barrel. Mitte April gab es erstmals überhaupt negative ­WTI-Notierungen am Terminmarkt, weil Rohstoffhändler ihre Mai-Kontrakte verkauften, um das Öl nicht abnehmen zu müssen.

Auch die USA mischten sich in die Diskussion um die Fördermengen ein. Aufgrund der teureren Frackingtechnik der amerikanischen Unternehmen fahren diese im Vergleich zu den OPEC- und OPEC+-Staaten bei einem Preisverfall unter 30 USD je Barrel höhere Verluste ein. Die Folgen sind in den USA bereits in Form von Entlassungen in der Ölindustrie spürbar. Bisher konnten die Vereinigten Staaten trotz hoher Kosten durch die immer weiter steigenden Fördermengen Wachstum und damit Gewinne erzielen. Doch welche Folgen hat der Preisverfall generell für die OPEC- und die OPEC+-Länder?

Welche Ölförderländer haben den längsten Atem?

Saudi-Arabien und Russland werden den Preisverfall wohl am längsten durchhalten können. Saudi-Arabien zum Beispiel verfügt außer über niedrige Produktionskosten auch über ausreichend vorgehaltene Devisen. Viele andere ölexportierende Länder werden hingegen einen starken Druck auf ihre Budgets bis hin zur Devisenknappheit spüren. Denn für die meisten Länder, die Öl exportieren, ist die Rohölförderung eine Haupteinnahmequelle. Das gilt insbesondere für die Golfstaaten, aber auch für Äquatorialguinea, Brunei, Turkmenistan, den Kongo, Angola und Aserbaidschan.

Obwohl es seit 2016 Warnsignale gab, vernachlässigten die meisten Länder das Thema Diversifikation ihrer Einnahmequellen zur Sicherung der Staatsein­nahmen im Fall von Einbrüchen beim Ölpreis. Trotz durchgeführter Steuer­reformen in einigen Ländern, wie der Ein­führung der Mehrwertsteuer in Saudi-Arabien, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten, wurden die Einnahmequellen aus anderen Branchen nur leicht ausgebaut.

Im Irak, Angola und Algerien bestehen 90% der Exporte aus Öllieferungen. Es gibt zwar einige Länder, die ernsthaft nach Diversifikation streben, aber sie investieren parallel weiter stark in die Gewinnung von Öl und Gas. Der Export von Rohöl wird daher in absehbarer Zukunft eine vorrangige Einnahmequelle bleiben und die Stabilität dieser Länder unmittelbar beeinflussen.

Die Zukunftsperspektiven

Atradius hat anhand eines ökonomischen Modells von Oxford Economics Szenarien durchgespielt und anhand dieser Länderrisiken bewertet. Der Fokus liegt auf den unmittelbaren Auswirkungen der beiden getroffenen Szenarien.

  • Im ersten Szenario bewegt sich der Ölpreis noch bis 2021 auf dem niedrigen Niveau von 30 USD. In diesem Fall verschlechtert sich die Haushaltsbilanz aller ölexportierenden Staaten. Das wäre insbesondere für zum Beispiel die Länder Kuwait, Irak, Oman, Algerien und Angola der Fall, deren Einnahmen stark von der Ölförderung abhängen. Das mögliche Haushaltsdefizit dieser Länder könnte, in Relation zum Bruttoinlandsprodukt, im zweistelligen Prozentbereich liegen. Auch das ambitionierte Programm Bahrains mit dem Ziel eines ausgeglichenen Staatshaushalts wäre nicht mehr durchsetzbar. Die Verschuldung des Inselstaats am Persischen Golf würde 2021 bei 115% des Bruttoinlandsprodukts liegen.
  • Im zweiten Szenario bricht der Ölpreis nur kurzfristig ein und erholt sich schnell wieder, um bis 2025 einem kontinuierlichen Aufwärtstrend zu ­folgen. In vielen Ländern würde dies die Bilanz verbessern. In Oman, dem Irak und dem Iran würde diese Entwicklung aber nicht ausreichen, um das Ungleichgewicht ganz zu stoppen.

Viele Rohölexporteure werden Schwierigkeiten haben, große Defizite zu finanzieren, wenn auch nur kurzfristig. Saudi-Arabien und Russland hingegen haben finanzielle Reserven. Die öffentliche Verschuldung ist relativ gering. Auch Aserbaidschan, Brunei, Kasachstan, Kuwait, Qatar, Turkmenistan und Osttimor sowie die Emirate sind widerstandsfähiger. Angola, Ecuador, Bahrain, Oman und Nigeria würden als erste Ölexporteure Probleme spüren. Ecuador und Bahrain haben die geringsten internationalen Devisenreserven und sind abhängig vom US-Dollar, ebenso Oman. Die afrikanischen Ölnationen weisen nur wenige Reserven auf. Das Gleiche gilt insbesondere für den Irak, den Iran und Angola, die von politischen Unruhen getrieben und im Fall des Iran von US-Sanktionen betroffen sind.

Einige Länder könnten internationale Hilfen benötigen. Der internationale Währungsfonds stellte schon Hilfen für diese Staaten in Aussicht. Ecuador ist bereits im Gespräch mit seinen Gläubigern. Auch Oman kämpft mit einer steigenden ­Verschuldung. Unsere Experten gehen davon aus, dass Saudi-Arabien seinen Nachbarstaaten wie in der Vergangenheit mit finanziellen Hilfen unter die Arme greifen wird, sobald dies notwendig wird. Auch wenn die Ölmacht in der aktuellen Situation durch eigene Probleme nicht die größte Motivation hat, wird sie die Krisenstaaten im eigenen Interesse unterstützen.

Die langfristige Preisprognose

Das amerikanische Energieministerium (EIA) reduzierte die WTI-Prognose um 21 USD auf 43 USD für das laufende Jahr. Für Brent-Öl liegt die Prognose am Future-Markt bei 55 USD. Allerdings hat die Weltbank in ihrem halbjährlichen Commodity Markets Outlook die Erwartungen an die Entwicklung des Rohölpreises erheblich nach unten korrigiert. Sie geht für das Gesamtjahr von einem Preiseinbruch von 43% aus. Langfristig wird der Ölpreis voraussichtlich wieder steigen, wenn man die aktuelle Entwicklung mit der der vergangenen Jahre vergleicht. Atradius sieht für 2021 wieder steigende Preise, die sich bis 2025 auf das Vorkrisenniveau von 70 USD einpendeln könnten. Wir gehen davon aus, dass es weitere Verhandlungen zwischen den OPEC+-Staaten und den USA benötigt, um die Mengen ausreichend zu verknappen, damit sich das Preisniveau wieder stabilisiert.

Die vollständige Analyse steht kostenlos auf www.atradius.de zum Download bereit.

michael.karrenberg@atradius.com

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