Polen erreichte 2018 mit 5,1% das höchste Wirtschaftswachstum seit 2011. Trotz dieses positiven makroökonomischen Umfelds sind Zahlungsverzögerungen üblich. 99% der Unternehmen erleben verspätete Zahlungen, nur eins von 100 meldet pünktlichen Zahlungseingang. Das hat der internationale Kreditversicherer Coface in einer Befragung von rund 300 Unternehmen ermittelt.

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Trotz der wirtschaftlichen Beschleunigung hat sich die Situation bei den ausstehenden Forderungen im Jahr 2018 nur leicht verändert. Der durchschnittliche Zahlungsverzug liegt nun bei 59,9 Tagen, das sind drei Tage weniger als 2017.

Mit Zahlungsverzögerungen von nur 26 Tagen ist die Textilbranche noch am besten dran. Die längsten Überziehungen verzeichnen erneut die Transport- und Bauunternehmen mit 140 bzw. 105 Tagen. In dieser Hinsicht gab es zwar in beiden Sektoren eine leichte Verbesserung gegenüber 2017, aber für dieses Jahr wird dennoch wieder eine Verschlechterung erwartet. Den stärksten Anstieg der Zahlungsverzugszeiten verzeichnete der Einzelhandel. Dort haben sich die Überziehungen verdreifacht: von 15 auf 44 Tage.

Mehr als die Hälfte (55%) der Unternehmen hatte einen durchschnittlichen Zahlungsverzug von bis zu 60 Tagen. Ver­spätungen zwischen 60 und 150 Tagen meldeten 26%, sehr lange Überziehungen von über 150 Tagen erlebten fast 10% der Unternehmen. Im Vergleich zur Vorjahresumfrage ist dieser Anteil der großen Verspätungen gestiegen. Zwei Drittel der Transportunternehmen meldeten Zahlungsrückstände von mehr als einem halben Jahr.

Vorsichtig bei Zahlungszielen

Die polnischen Lieferanten und Dienstleister sind durchaus vorsichtig bei der Gewährung von Zahlungszielen. Die Hälfte der befragten Unternehmen legt durchschnittliche Kreditlaufzeiten von bis zu 30 Tagen fest. Etwa ein Drittel gewährt Ziele über 60 Tage. Zu den Branchen, die am großzügigsten sind und über 90 Tage Frist einräumen, gehören Transport (58%), Metall (54%) und Bau (36%). Alle drei ­Sektoren meldeten allerdings eine Verkürzung der Kreditlaufzeiten im Vergleich zur vorherigen Umfrage. Die stärkste Zunahme verzeichnete dagegen der Einzelhandel.

Gemischte Erwartungen zur Konjunktur

Das Zahlungsverhalten der Unternehmen spiegelt nach Ansicht der Coface-Volkswirte sowohl die kurzfristige wirtschaft­liche Situation als auch das eher strukturelle Geschäftsumfeld wider. „52% der Unternehmen gehen davon aus, dass ihre Profitabilität innerhalb der nächsten sechs Monate steigen wird, während 39% einen Rückgang erwarten”, kommentiert Grzegorz Sielewicz, Regional Economist für Mittel- und Osteuropa bei Coface. „Die Textil-, die Automobil- und die Energiebranche erwarten eine Verbesserung des Umsatzes. Dagegen prognostizieren die Branchen Pharma, Metall und Bau einen Umsatzrückgang.“

Laut Coface-Umfrage gehen neun von zwölf Branchen davon aus, dass sich die ausstehenden Forderungssummen in den kommenden Monaten verringern werden. Die polnische Wirtschaft wird nach einer Prognose von Coface im laufenden Jahr um 3,7% und damit langsamer als 2018 wachsen.

Die Umfrage zu den Zahlungserfahrungen polnischer Unternehmen bestätigt den Trend, der auch in anderen MOE-Ländern zu beobachten ist. „Die robuste Konjunktur könnte die Herausforderungen, die Unternehmen erwarten, überdecken”, erklärt Katarzyna Kompowska, Regional CEO bei Coface für Nordeuropa.

Das könnte auch deutsche Exporteure betreffen. „Denn starker Wettbewerb und steigende Kosten haben auf die Margen gedrückt, was zudem die Liquidität der Unternehmen und das Zahlungsverhalten beeinträchtigt. Mit einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums werden die Unternehmen zudem in einem weniger unterstützenden Umfeld agieren“, sagt Kompowska.

Regierung will Konsum anfachen

Unterdessen plant die Regierung eine Reihe neuer sozialer Maßnahmen, um die Einkommen der privaten Haushalte zu verbessern und den Konsum weiter anzuregen. So sollen die verbraucherorientierten Sektoren im Zuge der bevorstehenden Konjunkturabschwächung gestützt werden.

Unter anderem ist vorgesehen, das bereits nach der Wahl 2015 aufgelegte Familienprogramm auszubauen. Derzeit erhält jede Familie ab dem zweiten Kind ohne Auflagen 115 Euro pro Kind. Künftig soll das Geld bereits ab dem ersten Kind gezahlt werden. Für junge Menschen unter 26 Jahren soll die Einkommensteuer wegfallen.

Die sozialen Stimuli summieren sich 2019 auf 0,8% des polnischen BIP und 2020 auf 1,7% des BIP. Derzeit erlaubt die Haushaltssituation solche Maßnahmen. Inwieweit diese Politik aber nachhaltig ist, bleibt abzuwarten, ebenso, ob sich die Liquiditätssituation der Unternehmen angesichts der verspäteten Zahlungen nicht verschlechtert.

Mehr Infos: www.coface.de.

erich.hieronimus@coface.com

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