Die zweitgrößte Wirtschaft Afrikas steht auf einem robusten wirtschaftlichen Fundament. Die Liquiditätslage ist solide und das ­wirtschaftliche Potential enorm. Doch es besteht die Gefahr, dass sich die ethnischen und politischen Konflikte zuspitzen und das Land destabilisieren. Als sehr schwierig erweist sich die Eindämmung der Korruption, was jedoch erforderlich ist, damit das Land reformfähig wird und soziale und wirtschaftliche Fortschritte machen kann.

Von Christoph Witte, Direktor Deutschland, Delcredere N.V.

Präsident Goodluck Jonathan, der Anfang 2010 die Nachfolge des verstorbenen Präsidenten Obasanjo antrat, kämpft noch heute mit den Folgen jahrzehntelanger Militärherrschaft. Hierzu zählen die verbreitete Armut, ethnische und politische Konflikte, widersprüchliche Reformen und insbesondere die Schwierigkeit, die auf allen Ebenen verbreitete Korruption einzudämmen.

Nach seiner Wiederwahl im Jahr 2011 hat Jonathan versprochen, das verschwenderische Regierungssystem Nigerias zu reformieren, den Stromsektor zu privatisieren, die Treibstoffsubventionen zu kürzen und den Ölsektor umzustrukturieren. Doch es bestehen Zweifel, ob er erfolgreich sein wird. Die geplanten Reformen werden sowohl durch Regierungsmitglieder, die vom Status quo profitieren, als auch von öffentlichen Protesten, die die Wirtschaft lahmzulegen drohen, verhindert. Die Bevölkerung ist nicht bereit, höhere Öl- und Strompreise zu akzeptieren, solange das Korruptionsverhalten hochrangiger Funktionäre nicht untersucht und strafrechtlich verfolgt wird.

Die sich in Nigeria verschärfenden ethnischen und religiösen Konflikte beeinträchtigen die Entwicklung des Landes. Seit den ungeschickten militärischen Eingriffen im Jahr 2009 hat die salafistische Gruppe Boko Haram ihre Angriffe auf die Regierung und christliche Einrichtungen verstärkt und geographisch ausgedehnt. Der Konflikt dürfte nicht zu einer Trennung des Nordens vom Süden führen. Die nationale Einheit ist höchste Priorität der nigerianischen föderalen Regierung. Boko Haram strebt auch keine Unabhängigkeit des Nordens an. Doch Präsident Jonathan hat außer Militäreinsätzen kein Konzept, um für Sicherheit zu sorgen, was zunehmend kritisiert wird. Ein weiterer Gefahrenherd besteht im südlichen Nigerdelta, wo die miserable Lage der Bevölkerung, die unter Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung und Unterentwicklung leidet, fortbesteht. Zwar gelang es der Regierung, die Feindseligkeiten der Aufständischen durch ein Amnestieprogramm und Zugang zu Bildung und finanzielle Unterstützung schnell zu beenden. Doch die ökologische Sanierung und der Wiederaufbau der Region schreiten nur langsam voran. Sabotageaktionen gegen Ölförderanlagen und staatliches Vermögen durch Delta-Milizen nehmen wieder zu. Vor dem Hintergrund steigender Gewalt und Militarisierung hat ONDD, die belgische Muttergesellschaft von Delcredere, im Dezember 2011 das Kriegsrisiko in Nigeria von 5 auf 6 auf der von 1 bis 7 reichenden Bewertungsskala heraufgestuft.

Mit einem Export von mehr als 2 Mio Barrel Öl pro Tag ist Nigeria führender Ölproduzent in Afrika und rangiert weltweit auf Platz 10. Doch das Wachstum wurde in den vergangenen Jahren vor allem durch andere Sektoren, insbesondere Telekommunikation und Banken, getragen. Das BIP-Wachstum wird 2012 voraussichtlich um 6,9% zulegen, ohne Erdölsektor gar um 7,8%, und somit über dem regionalen Durchschnitt von 5,8% liegen.

Nigeria bietet mit seinen fast 160 Millionen Einwohnern und einer jungen Bevölkerung ein großes Marktpotential. Die Mittelschicht wächst und mit ihr der Bedarf an Konsumgütern. Ein großes Investitionspotential besteht im Gassektor, in der Infrastruktur, im noch unterentwickelten Bergbau und in der reichen Landwirtschaft. Die Gasreserven, die noch erkundet und erschlossen werden müssen, dürften die Ölressourcen Nigerias übersteigen. Die Regierung möchte ausländische Direktinvestitionen für den Ausbau der Infrastruktur und des Stromsektors anlocken. Privatisierungen im Energiesektor und die Einführung von Stromgebühren, die in einem vernünftigen Verhältnis zu den Kosten stehen, sollen die Voraussetzungen dafür schaffen.

Jahrelang haben die Militärs nur auf Erdöl gesetzt und eine ungesunde wirtschaftliche Abhängigkeit vom schwarzen Gold geschaffen, während andere Sektoren vernachlässigt wurden. Wegen seiner schmalen Exportbasis hat die Weltwirtschaftskrise 2009 Nigeria stark getroffen. Seitdem befindet sich der Staatshaushalt in den roten Zahlen. Langfristig drohen niedrige Ölpreise den öffentlichen Finanzen Probleme zu bereiten. Die Hälfte der Staatsausgaben fließt in die Finanzierung der Benzinsubventionen und der Sicherheitsmaßnahmen. Damit sich die Lage der öffentlichen Haushalte strukturell verbessert, müsste der Staat die Steuerverwaltung reformieren und sich Einnahmen außerhalb des Ölsektors erschließen.

Die Leistungsbilanz weist seit acht Jahren einen Überschuss auf, der 2012 etwa 6,4% im Verhältnis zum BIP betragen wird. Doch nur ein geringer Betrag der Ölex-porteinnahmen wird im neu gegründeten staatlichen Vermögensfonds (SWF), der als finanzieller Puffer vorgesehen ist, angespart. Der SWF sollte einen anderen Fonds, den Excess Crude Account (ECA), ersetzen. Die Regierungen der Bundesstaaten, die Zugang zu den Mitteln der ECA-Fonds haben, bestehen darauf, beide Fonds aufrechtzuerhalten. Das angesparte Vermögen im ECA ist seit 2007 von 8,5% auf 2% des BIP gesunken. Ein gut ausgestatteter SWF-Fonds ist unerlässlich für die Stabilisierung der Staatsfinanzen und ihren Schutz gegen externe Schocks.

Präsident Jonathan plant eine Reform des Erdölsektors. Nach jahrelangem Boykott durch hohe Funktionäre könnte es ihm gelingen, das neue Gesetz zur Regulierung der Erdölindustrie noch 2012 im Parlament durchzusetzen. Allerdings wurde es mehrmals überarbeitet, und die ursprünglichen Ziele des Gesetzes dürften inzwischen stark verwässert sein.

Die staatliche Ölgesellschaft NNPC hat über ihre für Benzinimporte zuständige Tochtergesellschaft (PPMC) Zahlungsrückstände in Millionenhöhe angehäuft. Wegen mangelnder Transparenz ist es schwer, die finanzielle Lage der NNPC und ihrer Tochtergesellschaften einzuschätzen. Eine Reform der verschwenderischen staatlichen Ölgesellschaft ist unerlässlich für die Zusammenarbeit mit den multinationalen Unternehmen. Eine Untersuchung über Betrügereien im Ölsektor – Schätzungen zufolge verlieren Staat und Ölunternehmen zusammen ca. 1 Mrd USD monatlich durch Öldiebstahl oder kriminelle Machenschaften – und zunehmend frustrierte Investoren erhöhen den Druck für eine Verabschiedung des Gesetzes. Grassierende Korruption, die schlechte Sicherheitslage und Rechtsunsicherheit halten internationalen Unternehmen davon ab, in Nigeria zu investieren. Seit fünf Jahren hat Nigeria keine Konzession mehr vergeben. Die Investitionen in die Instandsetzung von Anlagen und die Erschließung von Ölquellen sind zurückgegangen.

Die Zentralbank von Nigeria (CBN) zeichnete sich 2008/2009 durch eine gute Handhabung der Krise aus. Sie rettete acht lokale Banken durch Kapital- und Liquiditätsspritzen und stellte schnell das Vertrauen in den Finanzmarkt wieder her. Die Rekapitalisierung der Banken wurde Ende 2011 erfolgreich abgeschlossen. Notleidende Kredite konnten stark reduziert und der Rückgang bei der Kreditvergabe gebremst werden. Die Gefahr einer Ansteckung des nigerianischen Bankensektors durch die Banken- und Schuldenkrise in der Euro-Zone ist relativ gering, da die lokalen Banken wenig abhängig von externer Finanzierung sind. Zudem verfügt Nigeria als Nettogläubigerland über ein gutes Polster an Währungsreserven.

Die Kreditwürdigkeit Nigerias hat sich seit der Umschuldung mit den Gläubigern des Pariser Clubs wieder gebessert. Nigeria befindet sich in einer soliden finanziellen Lage mit Auslandsschulden und Schuldendienst auf niedrigem Niveau. Die öffentlichen Schulden des Landes werden überwiegend über den lokalen Markt finanziert. Doch das Finanzministerium möchte den Anteil der lokalen Finanzierung wegen der hohen Zinsen und der Crowding-out-Effekte für den Privatsektor senken. Auch steigende Ausgaben für Infrastrukturprojekte sowie ein möglicher Rückgang der Ölpreise oder der Ölproduktion könnten somit Nigerias Auslandsschuldenlast mit der Zeit wieder stark steigen lassen. Zurzeit jedoch ist die Ausgangslage mit einem niedrigen Risiko einer Überschuldung sehr günstig.

Sollte es Nigeria gelingen, das Geschäftsklima und die Rechtssicherheit durch Gesetze, die für mehr Transparenz und Effizienz sorgen, spürbar zu verbessern, könnte ONDD in Betracht ziehen, Nigerias mittel- bis langfristige Risikoeinschätzung von 5/7 auf 4/7 heraufzustufen, zumal die wirtschaftlichen Fundamentaldaten gut und das Risiko einer Überschuldung gering sind. Derzeit jedoch wird die Risikoeinschätzung Nigerias durch das hohe politische Risiko einer destabilisierenden Gewalteskalation belastet.

Kontakt: c.witte[at]delcredere.eu

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