Der Anteil der älteren Bevölkerung und damit verbundene Krankheitserscheinungen nehmen zu, die Bevölkerung wächst unverändert, neue und teure patentierte Medikamente werden in das staatliche Gesundheitsprogramm aufgenommen, und die Ausgaben der Privathaushalte für Medikamente steigen weiter.

Vor allem der attraktive Gesundheitsmarkt Brasiliens bietet Chancen für die pharmazeutische Industrie.

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In den vergangenen 20 Jahren erlebte Brasilien einen konstanten Zyklus von wirtschaftlicher und politischer Stabilität und Weiterentwicklung. Diese Entwicklung veränderte auch das sozioökonomische Erscheinungsbild des größten Landes des Kontinents. Mehr als 40 Millionen Brasilianer sind in die Mittelschicht aufgestiegen und beteiligen sich als Konsumenten am Wirtschaftsleben.

Jedoch ist Brasiliens Wirtschaftsmotor seit 2012 durch Rezession, Korruptionsskandale, politische Instabilität und damit verbundener Planungsunsicherheit bei den Wirtschaftsakteuren ins Stottern geraten. Die Wirtschaft des fünftgrößten Landes der Erde wächst praktisch seit 2014 nicht mehr (das BIP stieg von 3.316 Mrd USD 2014 nur auf 3.367 Mrd USD 2018), die internationale Wettbewerbsfähigkeit wird durch Infrastrukturschwächen sowie ein komplexes und schwieriges Geschäftsumfeld beeinträchtigt.

Dennoch erwartet die Weltbank für die Jahre 2020–2024 ein Wirtschaftswachstum zwischen 2,2% und 2,4%. Das wäre eine deutliche Steigerung gegenüber dem Jahr 2019, in dem die Wachstumsrate voraussichtlich nur 0,8% erreicht. Gründe für das prognostizierte Wachstum sind der angekündigte Reformwille und die liberalere Wirtschaftspolitik der aktuellen Regierung in Richtung Marktöffnung, Entbürokratisierung und Stärkung des Privatsektors.

Ziel ist die Stabilisierung der Staatsverschuldung

Als Basis für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes sieht die Regierung die Stabilisierung des Staatshaushalts und eine nachhaltige Einnahmen- und Ausgabenpolitik. In Anbetracht der bereits als hoch geltenden Steuerbelastung fokussiert sich die Regierung auf stringentere Ausgabendisziplin. Ab dem Jahr 2020 soll ein „Ausgabendeckel“ eingeführt werden, mit der Folge, dass die Staatsausgaben für acht Jahre jährlich um 0,5% des BIP sinken sollen. Damit soll eine Stabilisierung der zuletzt stark gestiegenen Staatsschulden bei 95% des BIP erreicht werden. Hierbei steht insbesondere die notwendige Reform des Renten- und Sozialversicherungssystems im Mittelpunkt.

Die Regierung hat bereits eine Rentenreform auf den Weg gebracht, deren Verabschiedung aufgrund der fragmentierten Parteienlandschaft im Parlament aber noch nicht sicher ist. Positiv anzumerken ist jedoch, dass die Notwendigkeit einer Rentenreform sowohl von der Bevölkerung als auch von politischen Vertretern aller Parteien anerkannt wird. Die Implementierung der Rentenreform wird von den Ratingagenturen sowie den meisten Finanz- und Entwicklungsinstituten als die Basis für erfolgreiche Budgetkonsolidierung betrachtet.

Herausforderungen für das Gesundheitssystem

Doch nicht nur das Rentensystem steht vor großen Veränderungen. Die steigende Lebenserwartung der Bevölkerung in Kombination mit einer Ausgabenbeschränkung der Regierung stellt auch das staatliche Gesundheitssystem SUS (Sistema Único de Saúde) vor große Herausforderungen. Das SUS wurde 1988 ins Leben gerufen und ist weltweit eines der größten Gesundheitssysteme. Jeder Brasilianer hat einen in der Verfassung verankerten Anspruch auf eine unentgeltliche Gesundheitsversorgung.

Aktuell sind rund 75% der Bevölkerung durch das SUS versorgt, der Rest nutzt private Krankenversicherungen. Die Finanzierung des SUS erfolgt zu rund 40% durch den Bundeshaushalt, die restlichen 60% verteilen sich auf die Bundesstaaten und Kommunen. Seit 2016 existiert ein Ausgabendeckel im Bundeshaushalt, der für die nächsten 20 Jahre gültig ist. Mit einem weiteren Kostendruck beim staatlich finanzierten öffentlichen Gesundheitssystem ist jedoch zu rechnen. So stieg die durchschnittliche Lebenserwartung der Brasilianer von 69,8 Jahren im Jahr 2000 auf 76 Jahre im Jahr 2019. Es wird erwartet, dass bis zum Jahr 2030 die Zahl der über 65-Jährigen auf über 30 Millionen ansteigen wird.

Gesundheitsmarkt mit starkem Wachstum

Trotz des steigenden Kostendrucks im öffentlichen Gesundheitssystem bleibt Brasilien ein vielversprechender Gesundheitsmarkt. Besonders attraktiv erscheinen die Entwicklungen im Pharmaziebereich. Bereits heute ist Brasilien mit einem Marktvolumen von ca. 22 Mrd USD der sechstgrößte Pharmaziemarkt der Welt und wird sich perspektivisch im Jahr 2022 auf den fünften Platz vorschieben. Selbst während der letzten Wirtschaftskrise 2014/2015 konnte der Pharmaziemarkt dynamisch zulegen.

Es wird erwartet, dass der Markt auf bis zu 30 Mrd USD im Jahr 2021 anwachsen wird (GlobalData). Obwohl 75% der brasilianischen Bevölkerung in dem staatlichen Gesundheitsdienst SUS versorgt werden, beträgt der Anteil der Pharmazieausgaben der Behörde lediglich 25% (rd. 5,8 Mrd USD) des Marktvolumens, das heißt, ein Großteil der Ausgaben von Medikamenten wird von privaten Patienten und Krankenhäusern getätigt.

Zu einem weiteren Marktwachstum tragen in den nächsten Jahren gleich mehrere Faktoren bei: Der Anteil der älteren Bevölkerung und damit verbundene Krankheitserscheinungen nehmen zu, die Bevölkerung wächst unverändert, neue und teure patentierte Medikamente werden in das staatliche Gesundheitsprogramm aufgenommen, und die Ausgaben der Privathaushalte für Medikamente steigen weiter.

Pharmazieprodukte als Jobmotor

Die prognostizierte Entwicklung des Gesundheitsmarktes eröffnet den internationalen Pharmazieunternehmen zusätzliche Absatzchancen für ihre Medikamente. Doch nur auf Medikamentenimporte will sich das brasilianische Gesundheitsministerium nicht verlassen und hat die „Partnership for Productive Development“ (PDP) ins Leben gerufen. Ziel des Programms ist ein Technologietransfer, um so die lokale Herstellung von Medikamenten zu fördern. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums soll das Programm Impulse für Investitionen in Höhe von 2,1 Mrd USD nach sich ziehen und 7.500 neue Arbeitsplätze in der Pharmazieproduktion entstehen lassen.

Hierbei kommt, insbesondere vor dem Hintergrund des steigenden Kostendrucks, Generika eine immer größere Rolle zu. Die Kaufkraftverluste in der Rezession führten zu einem überproportionalen Wachstum in den vergangenen Jahren. Im Jahr 2018 ist der Anteil der verkauften Generika mit 11,1% deutlich stärker als das Gesamtmarktwachstum mit 6,6% gestiegen. Im Retailsegment beträgt der Anteil der verkauften Generika rd. 33% des Marktvolumens. Lokale Hersteller wie z.B. Ache, EMS Pharma und Eurofarma zählen bereits heute zu den wichtigsten Marktplayern in Brasilien und befinden sich weiterhin auf Wachstumskurs.

Trotz der des steigenden Kostendrucks im öffentlichen Gesundheitssystems sowie der relativ komplexen und restriktiven Zulassungspolitik für neue Medikamente bietet der brasilianische Markt weiterhin gute Aussichten für deutsche Pharmazieunternehmen, Hersteller von Medizintechnik und Equipment für Medikamentenproduktion.

andrej.rempel@helaba.de

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