Von Gunther Schilling, Redaktionsleiter ExportManager, F.A.Z.-Institut

Die traditionellen Absatzmärkte deutscher Produkte in Europa und Nordamerika sind 2009 deutlich eingebrochen und bleiben zum Teil auch 2010 hinter der Dynamik der aufstrebenden Märkte zurück. Dagegen haben einige große Schwellenländer, aber auch zahlreiche kleinere Entwicklungsländer 2009 unterdurchschnittlich verloren oder sogar Zuwächse verzeichnet. 2010 bestehen dort die besten Exportchancen. Doch es muss auf diesen Märkten auch mit höheren Risiken gerechnet werden.

Zum Beispiel bezog China 2009 aus Deutschland einen um 7,0% höheren Warenwert als im Vorjahr. Und dies, obwohl die deutschen Exporte und die chinesischen Importe im gleichen Zeitraum stark rückläufig waren. Diese außergewöhnlich positive Entwicklung dürfte auf Lieferungen im Rahmen des chinesischen Konjunkturprogramms zurückzuführen sein. China investiert massiv in seine Infrastruktur und die technologische Modernisierung seiner Wirtschaft. Hinzu kommt eine rege Nachfrage nach Fahrzeugen.

Mit Blick auf die Warenstruktur des China-Exports zeigten im Jahr 2009 insbesondere die chemische Industrie – allen voran Pharmazeutika mit einem Plus von 17,1% –, einige Bereiche des Maschinen- und Anlagenbaus, die Medizintechnik und der Fahrzeugbau eine positive Entwicklung. Der Maschinenbau konnte insgesamt ein Plus von 4,5% erzielen und kam auf einen Exportanteil von 29,5%. Fahrzeuge legten um 22,6% zu und stellten 25,0% der deutschen Exporte nach China.

Der Anteil Chinas am gesamten deutschen Export erreichte im Maschinenbau 8,7%, in der Elektrizitätstechnik 9,3%, in der Messtechnik 7,8% und bei Luftfahrzeugen 8,1%. Er lag in diesen Warengruppen damit weit über dem durchschnittlichen Anteil Chinas an den deutschen Exporten von 4,4%. Weit unterdurchschnittlich war dagegen mit 1,1% der Anteil der Pharmazeutika.

Nicht allein China stabilisierte die deutsche Ausfuhr. Eine positive Absatzentwicklung erreichte die deutsche Wirtschaft 2009 auch in Libyen (+23,3% auf 1,3 Mrd Euro), der Export nach Vietnam konnte ein Plus von 11,5% auf 1,1 Mrd Euro verbuchen. Nur geringe Einbußen wiesen die Ausfuhren nach Ägypten (–2,4% auf 2,7 Mrd Euro) und Algerien (–1,6% auf 1,5 Mrd Euro) auf. Auch in den Golfstaaten gab es positive Ausnahmen: Der Export in den Iran sank um lediglich 5,3% auf 3,7 Mrd Euro. Saudi-Arabien nahm Waren für 4,8 Mrd Euro ab und damit 6,7% weniger als 2008.

Der deutsche Export nach Indien nahm lediglich um 2,4% auf 8,0 Mrd Euro ab, obwohl auch die indischen Importe deutlich stärker gesunken waren. Kernthemen waren der Ausbau von Infrastruktur und Energiegewinnung sowie zusätzlich der Ausbau der Automobilproduktion.

Die deutschen Automobilhersteller investieren verstärkt in den bevölkerungsreichen Schwellenländern, in denen eine anhaltend starke Nachfrage nach günstigen Fahrzeugen erwartet wird. Dabei punkten die deutschen Hersteller weniger bei den Kosten als vielmehr bei Energieeffizienz und Fertigungstechnik.

Hier liegen allerdings auch die Risiken einer starken Abhängigkeit von Schwellenländern wie China. Die hohe Qualität der deutschen Produkte rechtfertigt oft einen höheren Preis als den lokaler Produkte. Da preisgünstige Kopien ausländischer Produkte in China allerdings weit verbreitet sind, schädigen diese die Absatzmöglichkeiten und im Fall von Qualitätsmängeln auch den Ruf des deutschen Anbieters.

Weitere Hemmnisse für den Export in Schwellenländer sind die zum Teil noch hohen Zollsätze, abweichende Standards und Normen, bürokratische Hindernisse sowie die je nach Land divergierenden Finanzierungsmöglichkeiten und Zahlungsausfallrisiken. Aber die Überwindung dieser Hürden lohnt sich zumeist und ist in der derzeitigen Marktlage wohl Pflicht.

Für die Umsatzplanung im Auslandsgeschäft sind insbesondere die konjunkturelle Entwicklung, die Wachstumsschwerpunkte, der daraus resultierende Importbedarf und die Konkurrenzsituation für das eigene Angebot entscheidend. Bei einem realen Wachstum der Weltwirtschaft von 3,0% erwartet der IWF für 2010 eine nominale Importzunahme von 5,8%. Zu diesem höheren Anstieg trägt neben steigenden Preisen auch die Tatsache bei, dass Waren während ihrer grenzüberschreitenden Wertschöpfung mehrmals in die Außenhandelsstatistik einfließen – in der Automobilindustrie entspricht der Außenhandelswert etwa dem Dreifachen der in die Produktionsstatistik einfließenden Wertschöpfung.

Für die Importentwicklung der einzelnen Märkte ist insbesondere entscheidend, ob deren Wachstum von der Nachfrage nach Konsumgütern, Investitionsgütern sowie Rohstoffen und industriellen Vorprodukten bestimmt ist oder eher von der Nachfrage nach Dienstleistungen. Während Großbritannien und Italien, aber auch Polen und Tschechien nach einer Prognose der OECD 2010 nur geringe Importzuwächse verzeichnen, nimmt die Einfuhr der USA, der Niederlande, Österreichs, Chinas und Russlands deutlich zu.

Der deutsche Export dürfte auch 2010 von der regen Nachfrage in Nordafrika, dem Nahen Osten und Asien profitieren. Wichtige Rahmenbedingungen für den erfolg­reichen Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen sind die derzeit laufenden EU-Initiativen zum Abschluss von Freihandelsab­kommen mit einzelnen ASEAN-Staaten und der engeren Anbindung der Mittelmeer-anrainerstaaten an die Europäische Union. Bereits 2009 gelang der Abschluss eines Freihandelsabkommens mit Südkorea; Singapur, Kolumbien und Peru dürften 2010 folgen.

Mit Blick auf die führenden Absatzmärkte zeigen 2010 nach unserer Einschätzung insbesondere die USA sowie China und Russland eine beachtliche Dynamik der deutschen Exporte. Auch der Absatz in der ­Türkei und in Südkorea dürfte deutlich zu­legen. Dagegen bleibt die Entwicklung in Groß­britannien und Italien sowie in Spanien verhalten. Auch die meisten anderen westeuropäischen Nachbarländer tragen 2010 nur unterdurchschnittlich zum deutschen Exportwachstum bei.

Weit überdurchschnittlich dürfte sich die Nachfrage nach deutschen Waren in Indien und den Tigerstaaten Asiens entwickeln. Dort greift die Nachfragebelebung in China stärker als in Deutschland. Im Fall Indiens kommen der Ausbau der Infrastruktur und der Aufbau der Automobilindustrie den deutschen Exporteuren zugute.

Auch in den anderen Schwellenländern, vor allem in Brasilien, Südafrika und Saudi-Arabien, verzeichnen die deutschen Exporte 2010 voraussichtlich zweistellige Zuwachsraten. Sie ersetzen damit zum Teil die eingebrochene Nachfrage in den Hauptabsatzmärken Europas. So steigt zum Beispiel der Anteil Asiens an den deutschen Exporten 2010 auf 15%, 2008 waren es noch 12% gewesen.

Kontakt: g.schilling[at]faz-institut.de

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