Myanmar war für viele Jahrzehnte vom Rest der Welt wirtschaftlich weitgehend abgeschottet. Seit sich das Land 2011 geöffnet hat, verzeichnet es einen Entwicklungsboom. Vor allem die Privatwirtschaft entwickelt sich schwungvoll. Auch die stark wachsenden Auslandsinvestitionen haben einen wichtigen Anteil an der Wirtschaftsdynamik. Die Bedingungen für ein Engagement in Myanmar sind allerdings nach wie vor in vieler Hinsicht schwierig. Die Chancen, die daraus resultieren, lohnen jedoch den Einsatz.

Von Lutz Dunker, Abteilungsdirektor, Financial Institutions – ­Emerging Markets, BHF-BANK

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Der südostasiatische Staat Myanmar, der im deutschen Sprachraum auch Birma oder Burma genannt wird, hat im Norden die Volksrepublik China, im Osten Laos und Thailand sowie im Westen Indien und Bangladesch zu Nachbarn. Im Süden liegt der Indische Ozean. Das vielgestaltige Land zwischen den Ausläufern des Himalaya und dem Irrawaddy-Delta ist der Fläche nach knapp doppelt so groß wie Deutschland. Die rund 51 Millionen Einwohner gehören einer Vielzahl von Ethnien an, unter denen die Birmanen mit einem Anteil von etwa 70% die größte sind. Die größte Stadt Myanmars ist mit etwa 4,4 Millionen Einwohnern das Wirtschaftszentrum Rangun am Irrawaddy-Delta. Seit 2005 ist die zentral gelegene Planstadt Naypyidaw anstelle von Rangun Hauptstadt.

Für rund fünf Jahrzehnte regierte in Myanmar das Militär. Die Beziehungen zu westlichen Staaten waren nach der Niederschlagung einer Demokratiebewegung 1988 stark belastet. 2011 vollzog die Regierung einen grundlegenden Kurswechsel, um die internationale Isolation des Landes zu durchbrechen. Viele politische Gefangene wurden amnestiert, Gewerkschaften zugelassen, die Medienzensur gelockert und die prominente Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi freigelassen. Ende dieses Jahres sollen Parlamentswahlen stattfinden. Um ausländische Investoren zu gewinnen, liberalisierte die Führung das Investitionsrecht. Ausländer dürfen nun in vielen Branchen einen 100-Prozent-Anteil an Unternehmen halten. Ein Gesetz zur Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen gewährt Investoren Privilegien wie mehrjährige Steuerbefreiungen. Bisher wurden drei Sonderwirtschaftszonen eingerichtet. Die Lockerung der zuvor restriktiven Einreisebestimmungen ist vor allem auch dem Tourismus zugutegekommen.

Von demokratischen Verhältnissen nach westlichen Vorstellungen ist das Land aber immer noch weit entfernt. Das Militär nimmt weiterhin starken politischen Einfluss und geht gegen lautstarke Proteste hart vor. Konflikte mit verschiedenen Rebellengruppen und Minderheiten in den Grenzregionen haben Myanmar in der Vergangenheit immer wieder belastet. Die Europäische Union hat die Liberalisierungsschritte dennoch honoriert und inzwischen die meisten ihrer Sanktionen gegen Myanmar aufgehoben. Nur das Waffenembargo besteht noch.

Bis 2011 war Myanmar unter der Herrschaft von Militärdiktatoren weitgehend von der Außenwelt abgeschottet und wirtschaftlich entsprechend rückständig. Mit einem BIP von 1.420 USD pro Kopf zählt Myanmar zu den armen Ländern der Welt. Rund 70% der Beschäftigten arbeiten in der Landwirtschaft, die über 40% zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt. Sie wird von kleinbäuerlichen Betrieben mit geringer Produktivität bestimmt. Ihre wichtigsten Erzeugnisse sind Reis, Hülsenfrüchte, Sesam, Erdnüsse und Zuckerrohr. Einen etwa gleich großen Anteil am BIP hat der Dienstleistungssektor, während auf Industrie und Bergbau etwa 20% entfallen. Wichtigste Industriebranche ist die Textilindustrie.

Mit einem Wachstum um 8% pro Jahr verzeichnete die Wirtschaft Myanmars 2013 und 2014 einen ungekannten Boom. Vor allem die Privatwirtschaft entwickelte sich schwungvoll. Einen wichtigen Anteil an dieser neuen Dynamik haben die stark gewachsenen Auslandsinvestitionen, die von niedrigem Niveau ausgehend 2014 auf rund 5 Mrd USD stiegen. Vor allem China, Singapur und Hongkong investieren in Myanmar. Ihr Kapital fließt allerdings fast ausschließlich in die Erdgas- und Erdölförderung sowie die Energieerzeugung. Erst in jüngster Zeit sind auch die Textilindustrie und der Tourismus in den Fokus gerückt.

Immer mehr international agierende Unternehmen wie etwa Coca-Cola und Toyota werden vor Ort aktiv. Wenn Myanmar wie erwartet den Reformkurs beibehält, dann werden steigende ausländische Investitionen weitere große Wachstumsfortschritte nach sich ziehen. Beispielhaft hierfür sind die Öffnung des Telekommunikationsmarkts und die Vergabe von Banklizenzen an ausländische Institute. Auch in der Agrarwirtschaft dürften Investitionen schnell zu großen Fortschritten führen. Die Land- und Forstwirtschaft weist derzeit schon neben dem Tourismus die höchsten Wachstumsraten auf. Nach der Lockerung der Einreisebestimmungen stieg die Zahl der Touristen von 800.000 im Jahr 2010 auf drei Millionen im Jahr 2014. Dass Thailand fünfmal so viele Besucher verbucht, zeigt, welche Perspektiven sich Myanmar bieten.

Der Außenhandel Myanmars hat ein Gesamtvolumen von etwa 25 Mrd USD. Eingeführt werden vor allem Maschinen, Fahrzeuge und Erdöl. Hauptlieferanten sind China, Singapur und Thailand. Für die Ausfuhr haben Erdgas, Nahrungsmittel, Jade, Holz und Textilien/Bekleidung die größte Bedeutung. Hauptabnehmer sind Thailand, China und Indien.

Die Außenhandelsbeziehungen zu Deutschland haben bisher nur einen bescheidenen Umfang. Deutschland exportierte 2014 Waren im Wert von 130 Mio EUR nach Myanmar (vor allem Maschinen) und importierte Güter im Wert von 86 Mio EUR (überwiegend Textilien). Trotz der niedrigen Zahlen ist Deutschland der wichtigste Außenhandelspartner Myanmars in der EU.

Ein Engagement in Myanmar erfordert derzeit noch die Bereitschaft und Fähigkeit, mit vielen Hemmnissen umzugehen. Die Verkehrsnetze, egal ob Straßen, Bahn oder Luftfahrt, sind schlecht entwickelt. Die Energieversorgung ist mangelhaft und bricht selbst in Rangun häufig zusammen. Unternehmen, die eine Produktion vor Ort planen, müssen zudem mit großen Schwierigkeiten rechnen, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden. Einen Markteintritt vorzubereiten ist auch mangels verlässlicher Statistiken und Markt­informationen problematisch. Selbst internationale Organisationen müssen häufig mit Schätzungen arbeiten. Im ­defizitären Staatshaushalt haben die Ausgaben für Militär, Polizei und Geheimdienste einen großen Anteil, während Gesundheit und Bildung hintanstehen. Das Handelsbilanzdefizit vergrößert sich seit der wirtschaftlichen Öffnung und betrug von April bis Dezember 2014 fast 4 Mrd USD.

Myanmar liegt im Geschäftsklimaindex der Weltbank von 189 untersuchten Ländern auf Platz 177. Zur Bekämpfung der Korruption wurde eine Kommission gebildet. Das Weltwirtschaftsforum sieht Myanmar in seinem Global Competitiveness Index, der Wachstumschancen bewertet, noch auf Platz 134 von 144 Ländern. Viele rechtliche Regelungen lassen einen großen Spielraum für Interpretation oder sind schlicht unklar, wie Fachleute monieren. Dass die Verwaltung Reformen zum Teil erst mit erheblicher Verzögerung umsetzt, belastet die Zusammenarbeit zusätzlich. Hinzu kommt, dass sich der Finanzsektor als wichtige Stütze für den Aufbau noch in einem frühen Stadium der Entwicklung befindet. Dies bedingt auch, dass es bisher im deutschsprachigen Raum nur wenige Banken gibt, die wie die BHF-BANK in der Lage sind, Risiken bei Geschäften mit Partnern aus Myanmar abzudecken und die darüber hinaus verlässliche Korrespondenzbankbeziehungen im Land haben.

Myanmar hat wirtschaftlich einen enormen Nachholbedarf. Die großen Erdgasreserven und die Erschließung von Erdölvorkommen bieten die Aussicht darauf, dass Myanmar seine wirtschaftliche Position weiter stärken kann. Seine strategische Lage zwischen Indien und China verbunden mit dem Zugang zum Indischen Ozean lässt erwarten, dass ausländische Investoren sich verstärkt im Land engagieren und seine Entwicklung damit vorantreiben werden. Myanmar könnte zu einem der größten Reisproduzenten in Asien werden. Das große Arbeitskräftepotential macht den Aufbau von verarbeitenden Industrien, zunächst insbesondere der Textilindustrie und der Nahrungsmittelverarbeitung, interessant.

Die Regierung hat den Ehrgeiz, das BIP pro Kopf in den nächsten Jahren stark zu steigern. Staatsbetriebe sollen privatisiert und ausländische Investoren auch als Know-how-Bringer ins Land geholt werden. Der Reformprozess soll fortgesetzt und das Haushaltsdefizit reduziert werden. Internationale Kredite will Myanmar vor allem für die Verbesserung der Energieversorgung, des Transportwesens und der Wasserversorgung einsetzen. Für die Wirtschaftsmetropole Rangun wurde der „Master Plan 2040“ aufgelegt, der 80 Projekte mit einem Investitionsvolumen von 4,5 Mrd USD umfasst. Unter anderem soll der Containerhafen von Rangun erweitert und ein neuer Großflughafen gebaut werden.

Deutsche Produkte und Dienstleistungen genießen in Myanmar große Wertschätzung. Immer mehr deutsche Unternehmen sondieren deshalb ihre Marktchancen. So hat Siemens im November 2014 sein Leistungsspektrum präsentiert, und sowohl BMW als auch Mercedes haben einen Showroom eröffnet. Die Messe Frankfurt ist seit kurzem mit einer Repräsentanz vertreten.

Der beginnende Bauboom dürfte für Planungsspezialisten und Architekten aus Deutschland interessante Ansätze bieten. Auch Lieferanten von Baumaschinen, Baustoffen, Gebäudetechnik und Innenausstattung zählen zu denen, für die ein Engagement in Myanmar bereits kurzfristig Perspektiven bietet. Auch wenn Myanmar sicher kein einfacher Markt ist, kann es angesichts der in den nächsten Jahren zu erwartenden Aufholjagd durchaus sinnvoll sein, frühzeitig mit dem langfristigen Aufbau von Beziehungen zu beginnen. Sie sind erfahrungsgemäß die Grundlage jeder guten geschäftlichen Zusammenarbeit in Myanmar und tragen − einmal etabliert − sehr verlässlich dazu bei, dauerhaft vom Aufstieg des Landes zu profitieren.

Kontakt: lutz.dunker[at]bhf-bank.com

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