Vor dem Hintergrund der anhaltend hohen Auslandsnachfrage erlebt das Exportakkreditiv zurzeit als Zahlungs- und Risikoab­sicherungsinstrument eine Renaissance. Gerade die Erschließung neuer Märkte erfordert eine gute Analyse des damit verbundenen Debitoren- und Länderrisikos. Die Deutsche Bank rät zu einer möglichst detaillierten Ausarbeitung der Akkreditivbestimmungen bei der Gestaltung des Kaufvertrags mit dem Kunden.

Von Oliver Fischbach, Leiter Trade Finance/Cash Management Corporates Region Stuttgart, Deutsche Bank AG

Der Exportmotor brummt! Die Ausfuhren deutscher Unternehmen sind anhaltend stark. So meldet der Branchenverband VDMA in den ersten beiden Monaten dieses Jahres einen Anstieg von 39% bei der Auslandsnachfrage nach deutschen Maschinenbauprodukten. Ebenso erfreuliche Nachrichten gibt es aus der Automobilindustrie. Im ersten Quartal 2011 stieg der Export an Personenkraftwagen um 11%. Dies liegt auch darin begründet, dass die Volkswirtschaften vieler Schwellenländer weiterhin mit großer Dynamik wachsen. Positive Beispiele sind Brasilien, Indien und allen voran China, das mit einem Wirtschaftswachstum von über 10% im Jahr 2010 die Statistik anführt.

Die Exportindustrie ist bereits heute die Lokomotive Deutschlands auf dem Weg aus der Finanz- und Wirtschaftskrise. Doch auch in Zukunft dürften die Ausfuhren Freude bereiten. In einer längeren Pers­pektive werden weitere Länder und Regionen hohen Investitionsbedarf und wachsenden Konsum aufweisen und somit auf unterschiedlichste Weise neues Potential bieten. In diesem Zusammenhang werden häufig der Irak und dessen Wiederaufbau genannt, aber auch die künftigen Investitionen für geplante Sportereignisse wie die Olympiade 2014 in Sotschi oder die Fussballweltmeisterschaften in Russland und Qatar in den Jahren 2018 bzw. 2022. Vermehrt rückt auch der afrikanische Kontinent in den Fokus, welcher letztes Jahr Gegenstand eines Mc-Kinsey-Reports war. Gemäß der Studie „Lions on the move: the progress and potential of African economies“, die vom Mc Kinsey Global Institute erstellt wurde, soll das gesamte Bruttoinlandsprodukt Afrikas im Zeitraum 2008 bis 2020 von 1,6 Bio US$ auf 2,6 Bio US$ steigen, bei den Konsumentenausgaben wird im selben Zeitraum ein Wachstum von über 60% erwartet.

Doch bei aller Euphorie ist nach wie vor Wachsamkeit gefragt, um die mit den Ausfuhren verbundenen Risiken zu steuern. Für die Exportgeschäfte stehen da beispielhaft das Debitoren- und das Länderrisiko. Im Gegensatz zu den ökonomischen Risiken, die in der Situation des ausländischen Unternehmens begründet sind, resultieren Länderrisiken aus Maßnahmen ausländischer Regierungen oder aus der Lage des Partnerlandes. Um Verluste zu vermeiden, ist es empfehlenswert, auch für boomende Regionen insbesondere das gesamtwirtschaftliche und politische Länderrisiko zu beobachten bzw. die mit dem Wachstum verbundenen steigenden Außenstände zu kontrollieren.

Momentan erleben wir unruhige Tage auf der Welt, und zwar auf unterschiedlichste Art und Weise. Im nahen europäischen Raum mehren sich die wirtschaftlichen Risiken beispielsweise in Griechenland, Irland oder jüngst in Portugal. In Nordafrika und dem arabischen Raum wachsen die Unruhen zu erhöhten politischen Risiken an, mit schwer zu prognostizierendem Ausgang. Kaum zu kategorisieren ist das Schicksal Japans. Die Folgen der Naturkatastrophe im März 2011 in einer der größten Industrienationen der Welt sind nach heutigem Stand nicht absehbar.

Die hohe Exportnachfrage auf der einen Seite und die sich täglich verändernden Rahmenbedingungen auf der anderen Seite erfordern von den Unternehmen eine enge Überwachung des Länderrisikos. Nach der Schaffung von Transparenz bzgl. der Risikohöhe und deren Bedeutung für das Unternehmen sind die einzelnen Varianten der Absicherungsmöglichkeiten zu erörtern. Unter den zahlreichen Formen der Absicherung erlebt vor allem das Exportakkreditiv eine Renaissance. Die nachfolgende Grafik zeigt einen steigenden Trend bei den durch SWIFT eröffneten Akkreditiven weltweit.

Das Ergebnis ist eine natürliche Folge steigender Exporte, aber auch eines wachsenden Bedarfs, die Ausfuhren mittels Akkreditiv abzusichern. Dies bestätigt die jüngste Umfrage der Internationalen Handelskammer (ICC) in Paris unter 210 Banken in insgesamt 94 Ländern, deren Ergebnisse in ihre „Globale Studie 2011 zu Handel und Finanzierung“ einfließen. Demnach stellten die befragten Banken fest, dass die „klassischen“ Trade-Finance-Produkte wieder deutlichen Zuspruch erfahren.

Allerdings ist vielen Exporteuren ein avisiertes Akkreditiv mit Blick auf das Länderrisiko nicht ausreichend. 74% der befragten Institute stellten eine starke Nachfrage nach Absicherungen von Exportakkreditiven mittels Bestätigung fest. Darüber hinaus wurde eine Zunahme an komplexen, strukturierten Transaktionen beobachtet. Ungefähr ein Viertel der Befragten berichtete von einer Zunahme bei der Einschaltung gerichtlicher Instanzen. Auch das ist eine Begleiterscheinung in Zeiten erhöhter Unsicherheit.

Das Akkreditiv erfreut sich also wieder steigender Beliebtheit. In der bekannten klassischen Form ist es ein etabliertes Instrument zur Verlagerung des Debitorenrisikos auf eine Bank. Mittels Bestätigung lässt sich darüber hinaus das Länderrisiko eindämmen, eine Frage der verhandelnden Parteien und der Kalkulation.

Dabei folgt die Abwicklung den weltweit anerkannten „Einheitlichen Richtlinien für Dokumenten-Akkreditive“, veröffentlicht von der Internationalen Handelskammer in Paris. Zwingende Grundvoraussetzung für den Zahlungsanspruch des Exporteurs ist jedoch die exakte Erfüllung der im Akkreditiv genannten Bedingungen. Dies erfordert eine enge Absprache aller beteiligten Unternehmensbereiche, angefangen vom Vertrieb/Export, über das Treasury bis hin zur Logistik, um die Wirksamkeit des Akkreditivs nicht zu gefährden.

Je besser und detaillierter die Akkreditivbedingungen bei der Ausgestaltung des zugrundeliegenden Kaufvertrages eingearbeitet werden, desto leichter sind eine eventuelle Absicherung und Erfüllung des Akkreditivs hinterher. Dabei können Exporteure auf zusätzliche Dienstleistungen der Deutschen Bank zählen. Mit Dienstleistungen im Bereich „Global Trade Management“ unterstützen wir bei der Ausgestaltung wie auch bei der Inanspruchnahme von Exportakkreditiven. Der Kunde kann dabei die Erstellung der Dokumente, Verhandlungen mit Speditionen und Versicherungen sowie die Abwicklung des Akkreditivs durch die Deutsche Bank ausführen lassen.

Als Fazit kann festgehalten werden: Länderrisiken können nach wie vor mittels Akkreditiv wirksam reduziert werden. Die inhaltliche Ausgestaltung des Akkreditivs, die sich permanent verändernden Situationen in einzelnen Ländern, aber auch neue Embargos oder Regularien wie zum Beispiel Basel III beeinflussen die Wirksamkeit und die Kosten des Akkreditivs und sind ausreichend gute Gründe, um rechtzeitig mit den Bankpartnern über die Exportgeschäfte zu sprechen.

Kontakt: oliver.fischbach[at]db.com

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