Die Welt ist im Wandel – so weit so viel Binsenweisheit. Sehr gut greifbar und konkret wird dieser Satz allerdings für deutsche ­Exporteure, wenn sie ihre Kundenlisten aus den achtziger Jahren ansehen. Während damals europäische und amerikanische Adressen dominierten, finden sich heute vermehrt Firmen aus Asien unter den Abnehmern. Vielen wird dabei auffallen, dass es insbesondere in Schwellenländern mehr und mehr echte Weltkonzerne gibt.

Von Michael Waitz, Vice President Oil & Gas, Petrochemicals, KfW IPEX-Bank

Diese mittlerweile sehr selbstbewusst auftretenden Unternehmen sind auf klarem Expansionskurs und lassen sich von konjunkturellen Schwankungen – ob in ihren Heimatmärkten oder anderswo – selten von der Implementierung von Großprojekten abhalten. Denn ihr Ziel ist es, Weltmarktführer zu werden (oder zumindest nahe an die Spitze zu kommen).

Deutsche Exporteure haben die sich hier bietenden Chancen längst erkannt und beliefern die neuen Weltunternehmen nach Kräften. Neu ist im aktuellen, von diversen Krisen geschwächten Finanzierungsumfeld die Herangehensweise der Besteller an die Finanzierung: Lange Zeit herrschte im Bankenmarkt (über-)große Liquidität. Zudem war es kein Problem, sich an den Anleihemärkten günstig zu finanzieren. In Zeiten drastisch reduzierter und dazu wesentlich teurer gewordener Möglichkeiten der Unternehmensfinanzierungen sind auch Bankfinanzierungen mit Risikoabsicherung über staatliche Exportkreditgarantien (ECA-Finanzierungen) wieder zu einem gefragten Finanzierungsinstrument geworden. Mit Hilfe dieser ECA-Deckungen lassen sich noch immer schlagkräftige Bankkonsortien finden, die auch Großprojekte aus einer Hand unterstützen. Dies gilt auch für die neuen Weltmarktführer.

Viele der in Rede stehenden Importeure sind „alte Bekannte“ der Exportkreditversicherer: Bereits in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren wurde ein Teil des Wachstums dieser Unternehmen mit Hilfe von ECA-Deckungen finanziert – oft als Standardbestellerkredit und als einzige Finanzierungsquelle in harter Währung.

Im neuen Jahrtausend ist vieles anders: Zwar bieten ECA-gedeckte Finanzierungen für diese anspruchsvollen Kunden (sowohl der deutschen Exporteure als auch der Banken) eine sinnvolle Finanzierungsalternative, jetzt aber wird auf Augenhöhe über die Finanzierung verhandelt. Dass dabei günstige Lösungen für alle Parteien gefunden werden können, zeigt der Fall Reliance Industries Ltd. (RIL) aus Indien.

Reliance Industries Ltd. (RIL) ist das größte privatwirtschaftliche Unternehmen Indiens. Der Konzern ist außer auf die Öl- und Gasförderung vorrangig auf die Raffination sowie Produktion petrochemischer Zwischen- und Enderzeugnisse spezialisiert. Die von RIL hergestellten petrochemischen Stoffe finden ihren Einsatz in der Kunststoffproduktion, in Verpackungen (zum Beispiel PET-Flaschen und Kunststoffboxen) sowie im Fertigungsprozess von Kunstfasern wie Polyester und anderen petrochemischen Zwischen- und Endprodukten. Das Unternehmen gehört in vielen Bereichen bereits zu den Weltmarktführern.

Aktuell erweitert RIL seine Kapazitäten für petrochemische Produkte an vier seiner Standorte in Indien, darunter auch am Standort der Großraffinerie in der Sonderwirtschaftszone Jamnagar im westlichen Bundesstaat Gujarat. Dieser gigantische Industriekomplex ist der größte Raffineriestandort der Welt.

Das Expansionsprogramm hat ein Volumen von ca. 12 Mrd USD. Bei der Erweiterung sollen so viele Lieferungen modernster deutscher Anlagentechnik meist mittelständischer Exporteure erfolgen, dass Anfang Mai ein Kreditvertrag über 2 Mrd USD zwischen RIL und einem von der KfW IPEX-Bank geführten internationalen ­Bankenkonsortium unterzeichnet wurde. Die Bundesregierung übernahm für die Finanzierung eine der größten Hermes-Deckungen der Geschichte.

Bei solch einem gigantischen Erweiterungsprojekt sind die Interessen einer Vielzahl von Beteiligten zu berücksichtigen, zumal die Anzahl der mittelständischen Exporteure eine besondere Herausforderung darstellt. Bei der Strukturierung der Transaktion fiel dem Konsortialführer darüber hinaus die wesentliche Aufgabe zu, als Vermittler zwischen den Bedürfnissen des Kunden RIL und den Anforderungen der Hermesdeckungen des Bundes zu agieren.

Zur Umsetzung des Expansionsprojekts beabsichtigt RIL, neben anderen Liefer­anten auch etwa 40 deutsche Unternehmen mit Lieferungen und Leistungen zu beauftragen. Im Unterschied zu „normalen“ Exportfinanzierungen ist bislang nur ein geringerer Teil dieser Aufträge fest kontrahiert. Gemeinsam mit Hermes und den beteiligten Bundesressorts war es daher erforderlich, sowohl dem Kredit als auch der Deckung eine Art „Rahmen­struktur“ zu geben, unter der sowohl bereits abgeschlossene als auch zukünf­tige Exportaufträge finanziert werden. Auf diese Art und Weise wird ermöglicht, für zukünftige Exporte bereits jetzt eine verbindliche Finanzierungsbasis zu schaffen und damit auch die Auftragsvergabe nach Deutschland entscheidend positiv zu beeinflussen.

Bei der Umsetzung eines 12-Milliarden-USD-Projekts existieren enge Zeitpläne, die nicht auf das Zustandekommen der Finanzierungslösung warten können. Etliche Liefer- und Leistungspakete auch deutscher Lieferanten waren daher bei Abschluss des Finanzierungsvertrages bereits kontrahiert. Es war wichtig, von RIL bereits an deutsche Exporteure geleistete Zahlungen in die Finanzierung mit einzubeziehen und eine sog. „Reachback“-Periode zu definieren. Die entsprechenden Liefer- und Leistungsverträge werden durch Anwendung des sogenannten Erstattungsverfahrens berücksichtigt.

Um individuelle Sonderlösungen wie im Fall von RIL zu erzielen, ist die enge Abstimmung aller Beteiligten nötig. Wie auch in anderen Industrieunternehmen war zunächst eine enge Verzahnung zwischen der zentralen Einkaufs- und Projektmanagementabteilung des RIL-Konzerns, der RIL-Finanzierungsabteilung und dem Konsortialführer der Banken notwendig, um die Besonderheiten der Finanzierung und ihre Bindung an die Hermes-Regeln gleich bei der Auftragsvergabe berücksichtigen zu können.

In der Entscheidungsfindung hilfreich war für alle Beteiligten die sehr gute Bonität des Bestellers und Kreditnehmers RIL. Überzeugende Zahlen, die hervorragende Performance sowie die Anlehnung an ein externes Rating führten letztendlich zu einer Bonitätseinstufung, die besser war als die des Staates Indien.

Nicht jeder gelungene Einzelfall sollte zu einem Trend hochstilisiert werden. Die Exportfinanzierung für RIL könnte dennoch eine neue Entwicklung an­-­deuten. Neben RIL existiert eine Reihe weiterer großer Unternehmen in Schwellen­ländern, die in ihrem Gebiet führend sind oder die Marktführerschaft anstreben. Diese Unternehmen sind ebenfalls dabei, ihre Kapazitäten kräftig zu erweitern.

Wie bei RIL sind diese Erweiterungsprojekte oft so umfangreich, dass die Finanzierung zum einen aus mehreren „Puzzlestücken“ zusammengesetzt werden muss und zum anderen den hochkomplexen Prozess von Planung und Umsetzung dieser Projekte auf der Beschaffungsseite nicht zusätzlich verkomplizieren darf, sondern ihn durch klare Vorgaben möglichst ergänzen sollte.

Treffen diese Voraussetzungen zusammen, kann es gelingen, den (künftigen) Weltunternehmen Finanzierungslösungen anzubieten, die gleichzeitig deutsche Exporte und ihre Lieferanten mit einem Bonus versehen. Dies zu erreichen sollte gemeinsames Bestreben von Euler Hermes als Federführer des Mandatarkonsortiums für Ausfuhrdeckungen, den für Ausfuhrdeckungen zuständigen Bundesministerien und den Banken sein. Mit dem richtigen Maß an Flexibilität und unter Einhaltung der vorgegebenen Regeln kann dann mit Hilfe der Finanzierung ein kalkulierbarer Rahmen für deutsche Exporte geschaffen werden.

Kontakt: michael.waitz[at]kfw.de

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