Der Warenhandel zwischen Deutschland und Bulgarien sowie zwischen Deutschland und Rumänien expandierte 2010 jeweils ­zweistellig, und die Zuwächse fallen auch 2011 noch ordentlich aus. Der EU-Beitritt der beiden Länder im Jahr 2007 hat bedeutende Erleichterungen bei der Abwicklung des Warenverkehrs gebracht. Herr Ewald Kaiser, CEO, Militzer & Münch, erläutert zudem die besondere Bedeutung Bulgariens als Logistikdrehscheibe für die europäisch-asiatischen Transportströme.

Interview mit Ewald Kaiser, CEO, Militzer & Münch, International Holding AG

Herr Kaiser, Militzer & Münch hat sich bereits vor 20 Jahren als erster westlicher Dienstleistungslogistiker in Bulgarien etabliert. Was waren damals die strategischen Überlegungen?

Bereits damals war zu erkennen, dass Bulgarien über ein großes Entwicklungspotential verfügt und der Bedarf an Speditions- und Logistikleistungen rasch wachsen würde. Das Land liegt zentral zwischen Rumänien, Serbien, Mazedonien, Griechenland und der Türkei und ist damit eines der wichtigsten Transitländer für die europäisch-asiatischen Transportströme. Durch Bulgarien verlaufen vier paneuropäische Verkehrskorridore. Der Großteil aller Transporte wird auf dem relativ engmaschigen Straßennetz bewegt. Noch gibt es keine komplett fertiggestellte Autobahn, doch die Regierung hat ein Investitionsprogramm für rund 1.000 km Autobahnstrecken aufgelegt.

Wie war die Marktentwicklung für Ihr Geschäft im Raum Südosteuropa und speziell in Bulgarien und Rumänien in den Jahren 2010 und 2011?

Die Region stand 2010 und auch noch 2011 unter dem Einfluss der Weltwirtschafts- und Finanzkrise. Obwohl Bulgarien im Vergleich zu seinen Nachbarn Rumänien, Mazedonien und Serbien bessere makroökonomische Kennziffern verzeichnet, konnte es wirtschaftlich sein Vorkrisenniveau nicht wiedererlangen. Dennoch dürfte unsere lokale Niederlassung Militzer & Münch Bulgarien im Jahr 2011 eine Umsatzsteigerung von 10% bis 12% verbuchen. Bei Militzer & Münch Rumänien rechnen wir für 2011 mit einem Umsatzplus von 25% und einem Zuwachs des Bruttogewinns von 30%. Das gute Ergebnis in einem krisenhaften Umfeld verdanken wir unserer offensiven Unternehmensstrategie. Diese setzt auf eine Steigerung der Transporte durch eine Neuorientierung der Handelsstrategie gegenüber Exportfirmen, die Schwerpunktverlagerung auf individuelle und komplexe Transportlogistiklösungen sowie die Akquisition zusätzlicher Transitgeschäfte.

Wie sind vor dem Hintergrund der EuroKrise Ihre Erwartungen für das Jahr 2012?

Unsere Prognosen hinsichtlich Transportdienstleistungen in Bulgarien sind für 2012 verhalten. Das voraussichtlich sinkende Export- und Importvolumen wird in Verbindung mit der wachsenden Konkurrenz und den steigenden Liquiditäts- und Betriebsproblemen von Kunden und Spediteuren die Preise weiter drücken. Dennoch verfügen unsere zwei Tochtergesellschaften in Bulgarien und Rumänien über hervorragende innerbetriebliche Voraussetzungen für einen dauerhaften Erfolg: eine adäquate Infrastruktur, das Angebot standardisierter Produkte auf der Grundlage von aktuellen IT-Standards und ISO-Systemen, motivierte Mitarbeiter und verantwortungsbewusste Geschäftsführer. Zudem können sich unsere Gesellschaften auf das integrierte Netzwerk der Militzer & Münch-Gruppe stützen.

Bulgarien ist ein relativ kleiner Liefermarkt. Wie wichtig ist die Drehscheibenfunktion Bulgariens?

Die zentrale Lage Bulgariens macht das Land zu einem der wichtigsten Transitländer der europäisch-asiatischen Warenströme. Militzer & Münch Bulgarien bietet daher die komplette Produktpalette für alle fünf Geschäftsbereiche, Road, Rail, Sea, Air und Projects, an. Wir betreiben am Standort Sofia ein modernes Logistikterminal. Das Warehouse ist komplett IT-gesteuert, verfügt über 20.000 qm überdachte Lagerfläche plus 30.000 qm Freifläche und ein Zollfreilager. Es gibt effektive Sicherheitsvorkehrungen wie Videoüberwachung und Wachdienst rund um die Uhr.

Wo liegen die Schwerpunkte Ihres Logistikgeschäfts in Bulgarien?

Wir bieten nicht nur einfache Transportdienste an, sondern erarbeiten maßgeschneiderte Transportlösungen, die den spezifischen Anforderungen unserer Kunden entsprechen. Im Bereich der Kontraktlogistik bieten wir neben der reinen Lagerung das gesamte Logistikspektrum aus einer Hand an, inklusive Mehrwertleistungen wie Kommissionieren, Packen, Folieren und Belabeln. Zudem können Kunden Leistungen in Anspruch nehmen, die über die Lagerlogistik hinausgehen. Dazu zählen das komplette Zollmanagement, Finanzierungsdienste sowie Wareneingangs- und Qualitätskontrollen.

Wie sehen Ihre Kunden aus? Aus welchen Branchen kommen sie?

Zu unseren Kunden zählen sowohl große internationale Industrie- und Handelsunternehmen wie GlaxoSmithKline oder Hermes Otto International als auch kleine und mittelständische Firmen. Sie alle erhalten von uns individuell zugeschnittene und qualitativ hochwertige Dienstleistungen in Topqualität, die westlichen Standards entsprechen.

Die große deutsche Hermes-Otto-Kette arbeitet z.B. mit 43 Lieferanten in ganz Bulgarien zusammen. Wir übernehmen die Kommissionierung, den Transport bis zu einem Zentrallager, die Qualitätskontrollen, die Dokumentenabwicklung sowie die internationalen Transporte bis zu dem betreffenden europäischen Empfänger und der Verteilung an den Endabnehmer. Für einen weiteren Kunden der pharmazeutischen Industrie führen wir die temperaturgeführten Transporte von Kroatien nach Kasachstan über den zentralen Hub in Bulgarien durch.

Was sind die typischen Lieferwege von Deutschland nach Bulgarien bzw. Rumänien, und wie lassen sich Kosten und Zeit optimieren?

Der Geschäftsbereich Road bildet die Basis für die Aktivitäten von Militzer & Münch Bulgarien. Dazu gehören nationale wie internationale Teil- und Komplettladungsverkehre sowie insbesondere Sammelgutverkehre. Dabei profitiert Militzer & Münch Bulgarien auch stark von der Zusammenarbeit mit der Stückgutkooperation CargoLine, die vor eineinhalb Jahren begann. Die Landesgesellschaft verteilt die Güter von CargoLine-Partnern in Bulgarien, und umgekehrt sorgen die deutschen CargoLine-Mitglieder für die Distribution der bulgarischen Waren in Deutschland. Militzer & Münch Rumänien ist in diesem Jahr der CargoLine-Kooperation beigetreten.

Wie gut kommt der Ausbau der Infrastruktur in Bulgarien voran?

Hinsichtlich der Infrastruktur steht das Land noch immer vor gewaltigen Herausforderungen. Noch gibt es keine komplett fertige Autobahn. Ein umfangreiches Investitionsprogramm soll 1.000 km Autobahnstrecken auf insgesamt fünf Autobahnen verteilt stemmen. Darunter befindet sich ein Teil einer wichtigen internationalen Hauptverkehrsachse, die Albanien, Mazedonien und Bulgarien miteinander verbindet. Wichtig für die internationalen Warenströme sind darüber hinaus zwei Autobahnen, die vom Süden Bulgariens bis in die Türkei und nach Griechenland führen werden. 2015 soll das Autobahnnetz fertiggestellt sein.

Im Bahnbereich werden derzeit die Gleise umfassend modernisiert. Zwischen der serbisch-bulgarischen Grenze und dem südlich gelegenen Plovdiv lässt die Regierung Trassen verlegen, Schienen erneuern und einige Verbindungen elektrifizieren. Nach dem Ausbau soll auf den Strecken Tempo 160 möglich sein. Zurzeit sind die Züge in Bulgarien mit maximal 80 bis 100 km/h unterwegs.

Bürokratie und Korruption sind in Bulgarien und Rumänien bekannte Schwachstellen, die nur langsam überwunden werden. Wie hat sich der EU-Beitritt 2007 auf die zolltechnische Abwicklung im Warenverkehr ausgewirkt?

Durch den EU-Beitritt Bulgariens und Rumäniens wurden die Bürokratie- und Korruptionspraktiken eingeschränkt. Dies ist unter anderem folgenden Faktoren zu verdanken: Es gibt weniger Zolleinschränkungen im Warenhandel mit EU-Ländern, der Status des zugelassenen Wirtschaftsbeteiligten (AEO) wurde eingeführt, die IT-gebundene Dokumentenabwicklung sowie vereinfachte Zollverfahren erleichtern die Abwicklung des Warenverkehrs mit EU-Ländern deutlich.

Dennoch ist das Vorhandensein von Bürokratie und Korruption in den beiden Ländern eine unbestrittene Tatsache, und ihre Bekämpfung wird wohl auch noch die nächsten fünf bis zehn Jahre andauern. Insgesamt hat sich die Ex- und Importabfertigung seit dem EU-Beitritt von Bulgarien und Rumänien kontinuierlich verbessert, und wir haben insbesondere in den vergangenen zwei Jahren keine Schwierigkeiten zu vermelden.

Kontakt: ewald.kaiser[at]mumnet.com

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