Der Aufschwung in Russland geht mit einer regen Investitionstätigkeit und einer hohen Importnachfrage einher. Logistikunter­nehmen stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen, zumal sich Russland bei der Erteilung von Genehmigungen an Transportunternehmen aus Drittländern restriktiv verhält. Kleine Fortschritte gibt es bei der Umsetzung der Eurasischen Zollunion. Sven-Boris Brunner, ­Mitglied der Geschäftsleitung, Hellmann East Europe, erläutert die aktuellen Trends im Liefergeschäft mit Russland.

Interview mit Sven-Boris Brunner, Mitglied der Geschäftsleitung, Hellmann East Europe GmbH & Co. KG

Herr Brunner, wie entwickelt sich zurzeit die Nachfrage nach Transportleistungen im russischen Markt?

Russland erfährt seit einigen Monaten eine sehr rege Investitionstätigkeit, die die Importe aus Deutschland und folglich die Nachfrage nach Logistikdienstleistungen stark anheizt. Es gibt erhebliche Engpässe bei der Bereitstellung von Transportkapazitäten. Dies führt zu einem starken Anstieg der Frachtpreise, die im Februar 2011 einen historischen Höchststand erreicht haben. In der Regel unterliegen die Frachtpreise starken saisonalen Schwankungen mit niedrigen Preisen im ersten Quartal und Jahreshöchstpreisen im vierten Quartal. 2011 befinden sich die Preise bereits in den ersten zwei Monaten auf einem Niveau, das deutlich über dem Durchschnittspreis von 2010 liegt.

Wie erklären Sie den Nachfrageboom?

Nicht nur der Maschinen- und Anlagenbau, sondern auch die Landtechnik mit der Entwicklung des Agribusiness sowie die Automobilbranche, die weitere Montagewerke baut, setzen viele Projekte in Russland um. Die russische Regierung versucht, die Wertschöpfung verstärkt ins Land zu holen und unterstützt die Ansiedlung von Fertigungsbetrieben durch eine entsprechende Zollpolitik. Was zunächst vor allem für die Automobilindustrie galt, wird jetzt auf weitere Industriebranchen, insbesondere die Landtechnik und Medizintechnik, angewendet. Der Importboom geht einher mit der Gründung von ausländischen Tochtergesellschaften und Distributionszentren. Alle diese Faktoren zusammen generieren eine starke Nachfrage nach Transportdienstleistungen.

Warum gibt es Engpässe bei den Transportkapazitäten?

Die Lieferung nach Russland erfolgt über zwei Haupttransportwege: den klassischen Containertransport über den Seeweg und den Lkw-Landverkehr. Bei beiden Transportwegen gibt es zurzeit Engpässe. Die Engpässe beim Lkw-Landverkehr hängen vor allem mit der restriktiven Handhabung von Transportgenehmigungen zusammen. Polnische und weißrussische Frachtunternehmen erhalten nicht ausreichend Transportgenehmigungen von Russland für Drittlandtransporte. So waren z.B. die im Januar erfolgten bilateralen Verhandlungen zwischen Polen und Russland über Drittlandkontingente sehr schwierig und das Ergebnis unbefriedigend. Viele Fuhrunternehmen können keine europäischen CEMT-Genehmigungen bekommen, weil ihre Flotten die hohen EU-Standards nicht erfüllen.

Wie gehen Sie mit den Engpässen um?

Wir versuchen, mit dem Kunden die Verkehrsroute und den Verkehrsträger zu optimieren und Flaschenhälse zu vermeiden. Das stellt uns Logistiker allerdings 2011 vor besonders große Herausforderungen. Es gibt die Möglichkeit, auf den Verkehrsträger Schiene auszuweichen. Damit sind aber auch einige Nachteile verbunden. Die russische Staatsbahn passt bei steigender Nachfrage die Preise sehr schnell nach oben an. Wegen der unterschiedlichen Spurenweite der Gleise (an den Grenzen von Polen zu Weißrussland bzw. zu den baltischen Staaten) sind Umladungen notwendig. Für Destinationen im Norden und Westen Russlands bietet sich die Seefracht (kombinierte Verladung mit Containern ab einem Nordsee- oder Ostseehafen) an. Eine sehr gute Lösung ist der Transport über Roll-on-Roll-off-Fähren z.B. ab Lübeck nach Sankt Petersburg. Die Frachtabwicklung über St. Petersburg ist zunehmend effizient, weil dort die Hafen- und die Zollinfrastruktur modernisiert werden. Diese Route rechnet sich aber nicht, wenn der Zielort im Süden Russlands liegt.

Können Sie über aktuelle Fortschritte bei der gesetzlichen und operativen Umsetzung der Eurasischen Zollunion berichten?

Die Duma hat im November 2010 ein Gesetz über die Zollvorschriften der Russischen Föderation verabschiedet, das Ende des Jahres in Kraft getreten ist. Es bildet den rechtlichen Rahmen zur Harmonisierung des nationalen russischen Zollrechts mit den Bestimmungen des Kodexes der Zollunion zwischen Russland, Weißrussland und Kasachstan. Allerdings gibt es kaum Fortschritte bei der Umsetzung der Durchführungsverordnung auf Ebene der Zollunion, d.h. bei der Übertragung von Verantwortung auf eine übergeordnete Organisation der Zollunion (Integrationsausschuss). Die russischen föderalen Zollbehörden sind nach wie vor zuständig für die operative Umsetzung aller Zollprozesse im Land. Und es ist nicht abzusehen, dass diese in nächster Zeit über die neuen Strukturen abgewickelt werden. Hier ist noch kein neuer Ansatz oder ein Wechsel in Sicht. Die „verbindliche Zollauskunft“ sollte z.B. auf die Kommission der Zollunion übergehen. Das ist nicht erfolgt, sondern läuft weiter über die föderalen Zollbehörden. Auch die Zusammenlegung der Zollämter in der Moskauer Region in einen Bezirkszoll ist über die föderalen Zollbehörden, nicht über die Zollunion gelaufen. Das heißt, die Berichtskette ist die gleiche geblieben.

Was wird mit dem Ansässigkeitsprinzip geschehen?

Der große Fortschritt seit Beginn der Zollunion ist, dass Drittlandsgüter ohne Verzollung und steuerfrei innerhalb der Union weiterverkauft werden können. Die Einfuhrumsatzsteuer wird am Ende zum lokalen Satz im Zielland erhoben. Das Ansässigkeitsprinzip verpflichtet jedoch das Unternehmen, die in die Zollunion eingeführten Waren in dem Land zu verzollen, in dem es ansässig ist. Möchte z.B. ein deutsches Tochterunternehmen mit Sitz in Russland auch den weißrussischen Markt beliefern, muss es erst alle Waren nach Russland an der Binnenzollstelle einführen und dann nach Weißrussland (wenn auch ohne zolltechnische Behandlung) wieder ausführen.

Das Ansässigkeitsprinzip soll gemäß den Bestimmungen der Eurasischen Zollunion Anfang 2013 wegfallen. Für die Unternehmen ist das gut, weil sie dann ihre Lieferketten besser optimieren bzw. Transportkosten sparen können. Zudem entstünde ein Wettbewerb in der Zollabfertigung (Zollterminals, Zollvertreter, Zollämter etc.) der verschiedenen Mitgliedsländer der Zollunion, was den Markt beweglicher machen und beflügeln würde.

Obwohl der Wegfall des Ansässigkeitsprinzips rechtlich vorgesehen ist, besteht aus heutiger Sicht eine gewisse Skepsis, ob dieser Punkt termingerecht umgesetzt wird. Voraussetzung dafür ist, dass die Mitgliedsländer genügend gegenseitiges Vertrauen aufbauen. Für sie ist die Aufgabe des Ansässigkeitsprinzips ein großer Meilenstein, denn die Zollabgaben würden dann an den Außengrenzen erhoben und unter den Ländern aufgeteilt. Zolleinnahmen sind insbesondere für Russland sehr wichtige Fiskaleinnahmen.

Die Produktzertifizierung nach Ghost-R-Standard wird im Rahmen der Zollunion durch „Technische Reglements“ ersetzt. Wie sind die Erfahrungen bislang in der Praxis?

Gemeinsames Ziel der Zollunionsländer ist es, eine einheitliche Produktzertifizierung einzuführen. In der Praxis ist die Abwicklung der Zertifizierung nach den „Technischen Reglements“ nicht einfacher geworden. Das Thema ist nach wie vor kompliziert mit einer Reihe von unterschiedlichen Organen, die für die Zertifizierung zuständig sind. Es gibt also noch keine einheitliche Vorgehensweise, die Komission der Zollunion hat noch keine Produktzertifizierungsunternehmen akkreditiert. Diese für alle Länder einheitliche Struktur muss noch geschaffen werden. Russland plant, bis Januar 2012 ein zentrales Organ ins Leben zu rufen, das dann Zertifizierungsunternehmen in der Zollunion akkreditieren kann.

Wir raten unseren Kunden, das Zertifizierungsthema im Vorfeld der Lieferung ernst zu nehmen, da es sich auf die Kostenkalkulation auswirkt. Manchmal ist es einfacher, ein Einmalzertifikat über den Importeur zu bekommen als ein Serienzertifikat. Um beim Markteintritt sicher durch den Zoll zu kommen, besorgt man sich am besten beide Zertifikate. Unternehmen sollten auf jeden Fall gute Verbindungen zu Zertifizierungsunternehmen und Zollvertreter unterhalten. Hier ist Hellmann East Europe als Inhaber der russischen Zollrepräsentanten-Lizenz ein wertvoller Partner.

Kontakt: sven-boris.brunner[at]de.hellmann.net

Aktuelle Beiträge