Der deutsch-türkische Handel hat sich rapide von der Krise erholt. Bis auf einige Ausnahmen erfolgt der Warenverkehr mit dem assoziierten Mitglied der EU zollfrei. Das Liefergeschäft ist eingespielt, doch für den reibungslosen Ablauf und die Optimierung der Lieferzeit gibt es eine Reihe von Punkten zu beachten. Mit Cem Akgul, Geschäftsführer Hellmann Türkei, und Senol Kocdemir, Route Development Manager Türkei, Hellmann Worldwide Logistics, sprach Sylvia Röhrig, Redakteurin ExportManager.

Interview mit Cem Akgul, Geschäftsführer, und Senol Kocdemir, Route Development Manager Türkei, Hellmann Worldwide Logistics

Herr Kocdemir, Herr Akgul, wie entwickelt sich zurzeit das Logistikgeschäft von Hellmann mit der Türkei? Wie schätzen Sie die Perspektiven für 2011 ein?

Nach dem starken Einbruch im Krisenjahr 2009 haben sich der Außenhandel der Türkei und insbesondere auch der Warenverkehr zwischen Deutschland und der Türkei rapide erholt, so dass wir schon wieder an der Kapazitätsgrenze arbeiten. Wir befinden uns bezüglich des Geschäftsvolumens auf dem Niveau des Rekordjahres 2008, Tendenz weiter steigend. Auch das Jahr 2011 lässt angesichts des robusten Wirtschaftswachstums in Deutschland und in der Türkei eine Fortsetzung des Aufschwungs erwarten.

Was sind die hauptsächlichen Antriebskräfte für den wachsenden Außenhandel zwischen Deutschland und der Türkei?

Deutschland ist der wichtigste Handelspartner der Türkei. Produkte „made in Germany“ sind hochangesehen. Mit der Erholung der privaten Nachfrage wird in der Türkei bereits wieder investiert, und Kapazitäten werden ausgebaut. Unter den deutschen Ausfuhren in die Türkei nehmen Maschinen den größten Anteil ein, gefolgt von Kfz und Kfz-Teilen.

Der bilaterale Handel wird zudem durch die Drehkreuz- und Brückenkopffunktion von Istanbul angetrieben. Die Belieferung der Anrainerstaaten Iran und Irak, der „Stan-Staaten“ (Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan), Aserbaidschans, des Nahen und Mittleren Osten, bis hin nach Afghanistan (z.B. für die US-Army) geht meist über die Türkei. D.h., der Warenfluss ist nicht nur für den lokalen Markt, sondern für die genannten Märkte bestimmt. Dabei kommt der Türkei nicht nur die geographische, sondern auch die kulturelle Nähe zu diesen Ländern zugute.

Welche Vorteile hat der Markt Türkei aus der Perspektive der Logistik zu bieten?

Ein großer Vorteil ist die geographische Nähe zu Europa, die eine hohe Flexibilität bei den Transitzeiten der Waren erlaubt. Hierdurch verfügt die Türkei über komparative Vorteile z.B. in der Automobilproduktion oder bei der Herstellung hochwertiger Markenartikel in der Textilbranche. Deutsche Firmen, die in der Türkei einkaufen, profitieren davon, dass die türkischen Produzenten geringe Stückzahlen in sehr guter Qualität bereitstellen. Zudem sind die hohe Flexibilität und die kurzen Lieferzeiten von großem Vorteil, denn in Deutschland setzt jeder „Retailer“ in der Bekleidungsbranche an die zwölf Kollektionen im Jahr um.

Die Türkei eignet sich deshalb auch gut für die Just-in-Time-Produktion, ein Produktions- und Bereitstellungssystem, bei der eine Minimierung der Lagerbestände angestrebt wird. Um „just in time“ beliefern zu können, halten die Unternehmen eine sehr geringe Stückzahl im eigenen Lager in Deutschland oder in den Produktionsstätten der Türkei.

Die Luftfracht ist zwar auch eine Option, sie ist aber viel teurer als die Seefracht. Mit der Seefracht sind die Waren, die aus Asien kommen, vier bis sechs Wochen unterwegs. Zwischen Deutschland und der Türkei haben wir Anlieferungszeiten von fünf bis sechs Tagen. Da kann man als Unternehmen ganz anders planen.

Welche Lieferstrecken sind möglich bzw. werden empfohlen?

Im Zentrum der Überlegungen steht immer die Zeit- und Kostenoptimierung. Von Deutschland bis Istanbul ist eine ­Strecke von 2.500 km zu bewältigen. Dafür gibt es drei mögliche Routen: Die sogenannte Nordroute geht durch Österreich, Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Ein zweiter Weg, die sogenannte Europaroute, führt durch die ehemaligen jugoslawischen Länder, die nicht Mitglieder der EU sind. Und drittens gibt es den Seeweg. Der Lkw fährt nach Italien und geht in Triest auf die Fähre. Von dort wird er meist unbemannt nach Istanbul (was täglich möglich ist) oder nach Izmir oder Mersin (was jeweils dreimal in der Woche möglich ist) verschifft. Die Lkw-Fahrer werden meist in die Türkei geflogen, wo sie dann den Lkw in Empfang nehmen und weiterfahren. Die Laufzeiten der drei genannten Wege sind fast gleich. Der Landweg ist aber nur für bis zu maximal 21,5 t Zuladung erlaubt. Bis maximal 24 t muss man den Seeweg benutzen, weil einige Länder es nicht zulassen, dass Lkw mit dieser Tonnage über Land fahren.

Wo liegen die Schwerpunkte Ihres Logistikgeschäfts mit der Türkei?

Wir betreuen Kunden aus allen Branchen in der Türkei. Ein Schwerpunkt liegt im Automobilbereich. Ein deutscher Kunde lässt z.B. Kfz-Teile in der Türkei herstellen, die dann von uns nach Deutschland ans Werk „just in time“ geliefert ­werden. Im Textilsektor beliefern wir ­deutsche Hersteller hochwertiger Marken mit Bekleidung, die in der Türkei an fünfzig verschiedenen Standorten hergestellt wird. Die Ware wird bei uns im Lager zusammengeführt und über den Landweg oder, wenn es eilig ist, über den ­Luftweg nach Deutschland geliefert. In der Energiebranche beliefern wir Windparks in der Türkei mit Ersatzteilen. Ein weiteres Beispiel ist die Einfuhr von ­deutschen Papierservietten in unser Lager bei Istanbul und die termingerechte Belieferung der Großhandelsketten mit der Ware.

Welche Logistikdienstleistungen bieten Sie an?

Wir bieten die gesamte Produktpalette des Logistikgeschäfts in der Türkei an: Landtransporte europaweit, Luftfracht – wir sind IATA-Agent – und Seefracht mit unserem weltweiten Netzwerk. Wir verfügen über eine eigene Verzollungsfirma in der Türkei, was ein sehr großer Vorteil ist, denn wir können unseren Kunden alle beim Transport anfallenden Dienstleistungen aus einer Hand anbieten. Dabei kommen uns auch unsere vertikalen Produkte, Hellmann Fashion Logistics, Hellmann Automotive Logistics etc. zugute.

Wo sehen Sie Ihre besonderen Stärken?

Wir haben mit unserer Niederlassung in der Türkei beste Kenntnisse der lokalen Verhältnisse. Unsere Mitarbeiter sind mehrsprachig, was die Kommunikation zwischen den Ländern erheblich erleichtert. Wir sind in ganz Deutschland und in den wichtigsten Zentren der Türkei vertreten, mit all den Produkten, die aufgezählt wurden. Wir sind informationstechnisch miteinander verbunden, so dass wir die gesamte Lieferkette anbieten können, von der Bestellung über die Reservierung bis hin zur Anlieferung, und dabei beherrschen wir den gesamten Ablauf dieses Prozesses informationstechnologisch.

Einen Transport von A nach B kann jede Speditionsfirma bewerkstelligen. Wichtig ist es aber, den gesamten Prozess zu beherrschen. Das geht nur, wenn man eigene Kapazitäten in den verschiedenen Ländern einsetzt. Die Konkurrenz arbeitet oft mit Partnern. In diesem Fall ist es meist schwierig, auf den gesamten Prozess Einfluss zu nehmen.

Hellmann hat während der Krise in ein neues Logistikzentrum in Istanbul investiert – warum?

Unsere Geschäftsführung hat ihre Investitionsentscheidung antizyklisch getroffen und in der Krise Kapazitäten aufgebaut, was sich angesichts des großen Erfolgs heute auszahlt. Auf der europäischen Seite von Istanbul wurde ein Lager mit einer Fläche von 10.000 qm und 20.000 Palettenstellplätzen errichtet. Dieses ist Anfang 2010 in Betrieb gegangen. Das Lager ist bereits heute schon komplett ausgelastet. Nun ist der Bau eines noch größeren Lagers auf der asiatischen Seite des Bosporus geplant. Durch die schnelle Rückkehr des Aufschwungs und die wachsende Bedeutung der Brückenfunktion des türkischen Marktes steigt der Bedarf an logistischen Dienstleistungen spürbar in der Türkei.

Zwischen der Türkei und der EU besteht seit 1996 eine Zollunion. Wie relevant ist heute noch das Thema Zoll?

Wir haben zwar freien Warenverkehr zwischen der EU und dem assoziierten Mitglied Türkei. Bis auf einige Güter wie Nahrungsmittel, Kohle und Stahl werden keine Zölle auf die gehandelten Waren erhoben, wenn man Ursprungsnachweise bzw. die Freiverkehrsbescheinigung A.TR vorlegen kann.

Dennoch ist das Thema Zollämter und Zolllager immer noch aufregend, weil die Lieferung aus der EU in die Türkei, wie in alle Drittländer, im Carnet-TIR-Verfahren durchgeführt wird. Der Lkw bekommt eine zolltechnische Behandlung im Abgangszollamt, wird verplombt und darf bis zu maximal drei Zollämter in der Türkei anfahren. Doch das Carnet-TIR-Verfahren erschwert den freien Warenfluss. Es kann z.B. bei Problemen auch verkehrstechnischer Art in der Umgebung von Istanbul zu einer Verlängerung der Lieferzeiten kommen, und das muss man dem Kunden im Vorfeld erklären.

Gibt es andere besondere Fallstricke bei der Lieferung in die Türkei zu beachten?

2009 wurde im Rahmen einer Reform des türkischen Zollgesetzes eine neue Regelung eingeführt. Der Empfänger einer Ware aus dem Ausland muss eine Vorverzollung durchführen. Wenn ein Lkw ein Zolllager in der Türkei anfährt, darf dieser erst entladen werden, wenn die Empfänger der Sendung die Vorver­zollung ordnungsgemäß durchgeführt haben. Hat auch nur ein Empfänger die Vorverzollung nicht richtig vorbereitet, müssen alle anderen Empfänger warten. Das verlängert die Laufzeiten und erhöht die Kosten. Die Unternehmer können ihre Rundläufe nicht mehr so optimieren, wie es vor dem Gesetz zur Vorverzollung möglich war. Die Verzollungsfirma von Hellmann kann diese Vorverzollung vornehmen. Der Prozess muss aber mit dem Empfänger abgestimmt werden.

Gibt es sonst noch Punkte, auf die ein deutscher Lieferant oder Importeur im Türkei-Geschäft achten sollte?

Die Türkei ist groß und der Großraum Istanbul hat eine Ost-West-Ausdehnung von über 150 km. Wichtig ist, dass man das richtige Zollamt anfährt. Dabei ist es gut zu wissen, bei welchem Zollamt der Empfänger seine Lizenzen hat. Dann kann man die Sendungen so disponieren, dass sie zu dem entsprechenden Zollamt passen, und hierdurch viel Zeit sparen.

Auch in Deutschland gibt es eine Art Vorverzollung, die der Exporteur über ATLAS machen muss. Der Kunde muss die ATLAS-Verzollung rechtzeitig durchführen oder kann sie uns in Auftrag geben. Der Absender ist verpflichtet, die Sendung 24 Stunden dem Zoll bereitzustellen, damit dieser die Möglichkeit hat, die Ware anzuschauen, wobei nicht alle Sendungen angeschaut werden. Diesen Baustein muss der Kunde im Lieferprozess berücksichtigen.

Stehen 2011 zollrechtliche Veränderungen bevor?

Eine Veränderung gibt es für die deutschen Importe ab dem 01.01.2011 durch ein neues EU-Gesetz, das dann in Kraft tritt: Bei Importen aus Drittländern wird eine Voranmeldung zur Pflicht. Diese beinhaltet 30 Datensätze über Absender, Empfänger, Warengruppe, Warentarifnummer, Stückzahlen, Beschaffenheit der Sendung, Verpackung etc. Erst wenn diese Voranmeldung abgeschlossen und die Freigabe durch die EU-Behörden erfolgt ist, darf im Lieferland beladen werden. Obwohl diese neue Regelung in ein paar Wochen in Kraft tritt, vermuten die Beteiligten, dass die betreffenden Zollbehörden noch nicht richtig vorbereitet sind. Es wurde bislang auch noch kein Testlauf durchgeführt. Wir erwarten folglich einige Schwierigkeiten an den Außengrenzen der EU (Italien, Bulgarien) Anfang des neuen Jahres. Aus unserer Sicht fehlt es noch an einer entsprechenden Software, die die Verbindung zwischen den türkischen Spediteuren und den Zollämtern herstellt. Hierdurch könnte es an den Grenzen zu einem Chaos kommen. Sendungen, die nicht entsprechend voran­gemeldet sind, könnten verhindert oder mit Bußgeldern belegt werden.

Was empfehlen Sie Firmen, die ins Türkei-Geschäft einsteigen?

Die zentralen Themen beim Liefern in die Türkei sind die Auswahl der besten Strecke, die Optimierung der Lieferzeit und das Ansteuern der richtigen Zoll­ämter. Alles andere ist Standardgeschäft. Man sollte sich professionelle Partner für die verschiedenen Fragestellungen suchen, Rechtsanwälte und Wirtschaftsprüfer ansprechen und eine Anfrage beim Logistiker nicht scheuen. Ich habe Unternehmen erlebt, die mit der Vorstellung geliefert haben, innerhalb der Zollunion könne nicht viel passieren. Dann haben sie die falschen INCOTERMS (in diesem Fall frei Haus) vereinbart und wurden durch eine Luxussteuer (ÖTV) überrascht, die sie in der Türkei abzuführen hatten. Im Endeffekt hatte sich ihr Geschäft gar nicht rentiert.

Kontakt: cakgul[at]tr.hellmann.net ; skocdemi[at]de.hellmann.net

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