In Deutschland rechnet Atradius in diesem Jahr mit einem beträchtlich zunehmenden Risiko für Zahlungsausfälle- und Verzögerungen bei Geschäften mit Abnehmern aus der Lebensmittelbranche. Die Insolvenzen dürften in diesem Jahr um bis zu 2% steigen.

Die wirtschaftliche Situation in der Lebensmittelbranche ist aktuell noch als „stabil“ zu bewerten. Der Sektor verhält sich in unsicheren Zeiten nicht zyklisch – gegessen wird immer. Dafür ist die Branche anfällig für unvorhersehbare Ereignisse wie schwankende Rohstoffpreise oder auch Seuchen wie die aktuell in einigen Teilen der Welt grassierende afrikanische Schweinepest.

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Die Lebensmittelindustrie ist ein Schlüsselsektor der französischen Wirtschaft, die eine führende Position in der Produktion von Käse, Wein, Geflügelprodukten oder auch Zucker einnimmt. Das Land ist der sechstgrößte Nahrungsmittelexporteur weltweit. Nach Angaben des nationalen Verbandes der Lebensmittelindustrie (ANIA) erwirtschaftete die Branche im Jahr 2018 Einnahmen in Höhe von 184 Mrd EUR, 1,5% mehr als im Vorjahr. Blickt man auf die einzelnen Untersektoren, zeigt sich jedoch ein differenziertes Bild. So ist die aktuelle Handelsbilanz nur für die französische Getränke-, Milch- und Getreidebranche positiv. Rechnet man die Getränkebranche heraus, wurden in Frankreich zuletzt sogar mehr Lebensmittel ein- als ausgeführt.

Ein Grund hierfür ist, dass französische Lebensmittelverarbeiter, insbesondere in der Fleischindustrie, aufgrund mangelnder Wettbewerbsfähigkeit Marktanteile im Inland verlieren. Volatile Rohstoffpreise bleiben eine Herausforderung. Viele Firmen haben angesichts der großen Marktmacht der Einzelhändler und der starken Konkurrenz aus anderen EU-Ländern Mühe, die höheren Rohstoffpreise weiterzugeben. Die 2017 eingeführte nationale Lebensmittelkonferenz, die die jährlichen Preisverhandlungen zwischen Herstellern und Verarbeitern neu regelte, greift aus Sicht vieler Marktteilnehmer zu kurz, um die Situation nachhaltig zu verbessern. Weitere Herausforderungen sind steigende Arbeitskosten sowie ein Fachkräfteengpass.

Mehr Insolvenzen in französischer Fleischindustrie erwartet

In Frankreich ging der Verbrauch bestimmter Milchprodukte wie Frischmilch oder Joghurt zuletzt zurück. Die Nachfrage nach Käse und Bioprodukten blieb hingegen robust, ebenso die Exportquote dieser Produkte. Die deutlich größeren Probleme bestehen derzeit im französischen Fleischsektor, wo es zuletzt vermehrt zu Zahlungsverzögerungen und Insolvenzen kam.

Außer den Rohstoffpreisen und dem Verlust von Marktanteilen gegenüber den ausländischen Wettbewerbern macht der Branche das sich verändernde Ernährungsverhalten der Bevölkerung zu schaffen. So aßen die Franzosen zuletzt weniger Rindfleisch­produkte, was als Zeichen des spürbar zunehmenden Gesundheits- und Umweltbewusstseins gedeutet wird. Im Geflügelsegment wird die wachsende Nachfrage zunehmend durch Importe (hauptsächlich aus Polen) gedeckt. Die Schlachtpreise für Schweine haben aufgrund der afrikanischen Schweinepestepidemie in China stark zugenommen. Das setzt die Schweinefleischverarbeiter zusätzlich unter Druck.

Atradius geht davon aus, dass der Druck auf die Margen in der französischen Lebensmittelindustrie hoch bleibt und die Insolvenzzahlen in den kommenden sechs Monaten zunehmen. Besondere Unsicherheiten sieht der Kreditversicherer weiterhin bei den Abnehmern aus der fleischverarbeitenden Industrie.

Italienische Nahrungsmittelbranche: Konsolidierung setzt sich fort

Auch in Italien gehört die Nahrungsmittelbranche zu den wichtigsten Säulen der Volkswirtschaft. 2018 erzielte sie einen Gesamtumsatz von mehr als 140 Mrd EUR, was 8% des italienischen Bruttoinlandsproduktes ausmachte.

Während der Export von italienischen Agrarprodukten im ersten Halbjahr 2019 um 5,5% zunahm, erholt sich die lokale fleischverarbeitende Industrie nur schleppend. 2018 und 2019 sind die Fleischverkaufszahlen zwar einigermaßen stabil geblieben, zuvor war die Nachfrage jedoch mehrere Jahre gesunken, unter anderem aufgrund eines sich verändernden Konsumverhaltens.

Fleischverarbeitende Firmen in Italien haben zwar zuletzt von einem leichten Anstieg der Verkaufspreise profitieren können. Im Bereich Schweinefleisch bekamen aber auch die italienischen Unternehmen die Zunahme der Rohstoffpreise zu spüren, die durch die afrikanische Schweinepest und die erhöhte Nachfrage in China ausgelöst wurden.

Derzeit gilt die italienische Nahrungsmittelbranche als relativ widerstandsfähig, begünstigt durch einen positiven Kreditzyklus, der das Risiko von Liquiditätsengpässen abmindert. Die Rentabilität ist jedoch weiterhin verhältnismäßig gering. In dem Markt herrscht ein intensiver Wettbewerb vor. Insbesondere im Lebensmittelhandel gibt es eine Vielzahl von kleineren Marktteilnehmern, die nicht nur untereinander konkurrieren, sondern sich auch gegen große, internationale Konzerne behaupten müssen. Vor diesem Hintergrund ist damit zu rechnen, dass sich der Konsolidierungsprozess, der 2019 schon zu sehen war, in diesem Jahr fortsetzt.

Insgesamt gehen die Atradius-Risikoanalysten davon aus, dass sich die Zahlungsverzögerungen in der Branche in den kommenden sechs Monaten leicht erhöhen und die Insolvenzzahlen stagnieren werden. Weiterhin groß ist hingegen das Betrugsrisiko, dem italienische Lebensmittelunternehmen ausgesetzt sind, insbesondere Großhändler von Fleisch und Fisch.

Lebensmittelbranche Deutschland: Anstieg der Insolvenzen um bis zu 2%

In Deutschland rechnet Atradius in diesem Jahr mit einem beträchtlich zunehmenden Risiko für Zahlungsausfälle- und Verzögerungen bei Geschäften mit Abnehmern aus der Lebensmittelbranche. Die Insolvenzen dürften in diesem Jahr um bis zu 2% steigen.

Eine der Ursachen hierfür sind die anhaltend schwierigen Marktbedingungen. Trotz zunehmender Verkaufszahlen sind die Margen im vergangenen Jahr abermals gesunken, unter anderem wegen steigender Herstellungskosten und eines intensiven Wettbewerbs. Weiterhin be-sonders hoch dürften die Unsicherheiten in der fleischverarbeitenden Industrie sein, daneben erhöhen sich aber auch die Unsicherheiten in der Getränkewirtschaft und im Segment Obst und Gemüse. Darüber hinaus hat Atradius eine zunehmende Zahl von Betrugsversuchen bei Abnehmern aus den Bereichen Fisch sowie Obst und Gemüse festgestellt.

Die vollständige Analyse der Lebensmittelbranche von Atradius kann kostenlos im Menüpunkt Publikationen unter www.atradius.de heruntergeladen werden.

michael.karrenberg@atradius.com

www.atradius.de

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