Die Staaten Lateinamerikas folgen der positiven Entwicklung Asiens auf dem Fuß. Während der Wirtschaftskrise zeigte sich die Region ungewöhnlich robust. Dass sich die Lage für die Unternehmen stetig verbessert, zeigt sich auch in ihrem Zahlungsverhalten. Coface bewertet gleich mehrere lateinamerikanische Länder neu. Unter anderem stellt der Forderungsspezialist Brasilien und Peru unter Beobachtung für eine Aufwertung.

Von Dr. Dirk Bröckelmann, Referent Unternehmenskommunikation, Coface Deutschland AG

Nach dem weltweiten Rückgang der Wirtschaftsleistung um 1,6% im Jahr 2009 erwartet Coface für 2010 mittlerweile wieder ein Wachstum von 3,6%. Während sich die Industrieländer allerdings noch schwer tun, allen voran in Westeuropa, erreichen die aufstrebenden Länder nahezu wieder ihr Niveau von vor der Krise. Hier ist 2010 mit einem BIP-Wachstum von 6,3% zu rechnen. Die lateinamerikanischen Länder haben entscheidenden Anteil daran. Laut Coface sollte die Region mit ihrem Wachstum bei 5,1% liegen. Brasilien dürfte 2010 ein Wachstum von über 7% verzeichnen.

Der vergleichsweise starke Aufschwung in Lateinamerika stützt sich auf die dynamische Inlands- und Auslandsnachfrage und ein Wiederaufleben der Kapitalströme. Obwohl die während der Krise aufgelegten Konjunkturprogramme auslaufen, blieben in der ersten Jahreshälfte die öffentlichen Ausgaben wesentlicher Bestandteil der Inlandsnachfrage, vor allem bedingt durch die anstehenden Wahlen in einigen Ländern. Angesichts der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung in Asien und besonders in China zieht die Nachfrage nach Rohstoffen aus der Region stark an. Auch die allmähliche Erholung in den Industrieländern stützt den Export. Die hohen Unterschiede bei den Zinssätzen stimulieren den Kapitalfluss in die Region. Die Wachstumsraten stimmen ausländische Investoren zuversichtlich.

Abgesehen von den Besonderheiten jedes Landes hat der unterschiedliche Kurs, den die Volkswirtschaften Lateinamerikas jeweils einschlagen, unmittelbare Auswirkungen auf ihren Erfolg im Außenhandel. Die Länder Südamerikas erholen sich besser als diejenigen in Mittelamerika. Südamerika unterhält geographisch besser diversifizierte Handelsbeziehungen und seine natürlichen Ressourcen machen den Subkontinent insbesondere für Abnehmer aus Asien attraktiv. Die wieder anziehenden Rohstoffpreise auf den Weltmärkten tragen angesichts der bedeutenden Ausfuhren von Rohstoffen zu den verbesserten Aussichten für diesen Teil der Region bei. Dies gilt insbesondere für Brasilien, das bislang weitaus bescheidenere Wachstumsraten gewohnt war. In Mexiko, Mittelamerika und der Karibik setzt die Erholung hingegen nur langsam ein, da sie bei Ausfuhren, Überweisungen, ausländischen Direktinvestitionen sowie beim Tourismus sehr stark von der nordamerikanischen Wirtschaft abhängen.

Alles in allem ist Lateinamerika widerstandsfähiger gegenüber Einflüssen von außen geworden. Die globale Wirtschafts- und Finanzmarktkrise wurde weitaus besser überstanden als anderswo, gerade im Vergleich mit dem südeuropäischen Teil der Euro-Zone. Dies ungeachtet der Probleme, die einige lateinamerikanische Länder angesichts ihrer bilateralen Handelsverflechtungen mit Spanien haben könnten, würde die Staatsverschuldung den historischen Partner der Region in die Knie zwingen. Einige staatliche und private lateinamerikanische Firmen mit laufenden Krediten haben jedenfalls in weiser Voraussicht ihre Finanzierungsmaßnahmen Anfang des Jahres beschleunigt.

Der wesentliche Grund für die neue Widerstandsfähigkeit liegt sicherlich darin, dass die meisten Länder der Region in den letzten Jahren ihre grundlegenden Hausaufgaben gemacht haben. Dazu gehören die Sanierung der öffentlichen Finanzen, die bessere Eigenkapitalquote der Kreditinstitute und die Rückführung des Finanzierungsbedarfs auf ein handhabbares Maß. Selbst Argentinien gewinnt an Vertrauen zurück. In den vergangenen Monaten räumte das Land mit der zweiten Umschuldung ausgefallener Anleihen ein großes Hindernis für eine Rückkehr an die internationalen Kapitalmärkte aus dem Weg.

Der wirtschaftliche Aufschwung 2010 ebnet zum einen den Weg für eine künftig einfachere Kreditvergabe nicht nur an die großen multinationalen Konzerne, sondern auch an kleine und mittlere Unternehmen in Lateinamerika. Zum anderen schafft er die Voraussetzung dafür, dass sich das Zahlungsverhalten der Unternehmen stetig verbessern kann.

Im Zuge der Finanzmarktkrise kam es in den letzten beiden Jahre zu einem drastischen Anstieg der Zahlungsausfälle bei Unternehmen. Ende 2009 waren erste Anzeichen für eine Besserung in Sicht. Anfang 2010 konnte Coface dann erste Bewertungen lateinamerikanischer Länder aus der Beobachtung für eine Abwertung nehmen. So im Januar das Rating Chiles (A2) und Kolumbiens (A4) sowie im April das von Mexiko (A4). Die chilenische Wirtschaft entwickelt sich ungeachtet der Auswirkungen des schweren Erdbebens im Februar dynamisch.

Auch bei weiteren Ländern bessern sich nun die Aussichten. Der negative Ausblick für Costa Rica und Panama (beide A4), die Dominikanische Republik, El Salvador, Guatemala (alle B) und Ecuador © wurde aufgehoben. Brasilien (A4), Peru und Uruguay (beide B) sowie Bolivien (D) wurden unter Beobachtung für eine Aufwertung gestellt. In Ecuador und Bolivien ist die Erholung der Wirtschaft allerdings noch zurückhaltend und das Zahlungsrisiko bleibt weiterhin sehr hoch.

Der wirtschaftliche Aufschwung in Brasilien ist branchenübergreifend: die Industrie wächst weiter, die Landwirtschaft erholt sich wieder und der Dienstleistungsbereich macht signifikante Fortschritte. Coface rechnet damit, dass sich das Zahlungsverhalten brasilianischer Unternehmen weiter verbessert. Allerdings ist das Wachstum in diesem Land vor allem der Binnennachfrage geschuldet und es gibt Anzeichen einer möglichen Überhitzung des Marktes.

Ungeachtet der positiven Entwicklung der Region nimmt Coface noch keine Aufwertungen in eine nächsthöhere Ratingstufe vor. Schwächen, wie eine zu große Abhängigkeit von Rohstoffen, mangelnde Investitionen vor allem in die Infrastruktur und eine zu hohe Verschuldung der öffentlichen Haushalte sind geblieben.

Wie alle aufstrebenden Länder sieht sich Lateinamerika vor der Herausforderung, neue Wachstumstreiber zu finden, die weniger abhängig von der Nachfrage in den Vereinigten Staaten sind. Dazu muss der private Konsum in den Ländern weiter steigen und der Handel der lateinamerikanischen Länder untereinander dem Beispiel des Handels mit Asien folgen.

Textkasten: Einstufungskriterien des Länderrisikos

Mit dem Länderrating dokumentiert ­Coface das durchschnittliche Risiko eines Zahlungsausfalls bei Unternehmen in einem bestimmten Land. So fließen neben makroökonomischen Daten vor allem die Zahlungserfahrungen mit den Unter-nehmen ein. Darin unterscheidet es sich von den Länderratings anderer Agenturen, die in der Regel die Staatsbonität oder Sicherheit von Anleihen zum Gegenstand haben. Regelmäßig werden 156 Länder analysiert und bewertet.

Die Bewertungsskala reicht von A1 bis D, wobei die Bewertungsstufen A1 bis A4 ein niedriges Länderrisiko kennzeichnen. Die Stufen B bis D stehen dagegen für ein mittleres bis hohes Risiko. Mehr zur aktuellen Einschätzung der Länderrisiken von Coface und Informationen zu ­Zahlungsausfällen sind auf der Website www.coface.de unter der Rubrik „Country Risk and Economic Research“ gebührenfrei abrufbar.

Kontakt: dirk.broeckelmann[at]coface.de

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