Deutschlands Investitionsgüter sind weltweit heiß begehrt, doch auch die Konsumgüternachfrage in schnell wachsenden Märkten bietet ein großes Absatzpotential. Im Gespräch mit dem ExportManager erläutern die Fondsmanager Thierry Misamer und Tilo Wannow die Wachstumschancen der neuen Konsumgütermärkte, die die Basis des neuen Aktienfonds FT Emerging ­Consumer Demand bilden.

Interview mit Thierry Misamer, Fondsmanager, FRANKFURT-TRUST und Tilo Wannow, Fondsmanager, BHF-Trust

Sie managen einen Aktienfonds mit Konsumgüterherstellern, die einen bedeutenden Umsatzanteil in Emerging Markets haben. Welche Märkte bzw. dort tätigen Unternehmen wurden aus welchen Gründen in den Fonds aufgenommen? Inwieweit unterscheiden Sie dabei zwischen Staples (Demographie als Treiber) und Discretionaries (Einkommen als Treiber)?

Die Emerging Markets (EM) machen etwa 35% der globalen Landfläche und über 50% der Weltbevölkerung aus. Damit sind sie zu groß und die Entwicklung einzelner Länder zu heterogen, um auf einen einzigen Trend gebracht zu werden. Das Wirtschaftswachstum, die Demographie, die Urbanisierung, eine rasant wachsende Mittelschicht – das sind nur ein paar Schlagworte, die jedoch eines verbindet: Sie führen alle zu einem höheren Konsum, und deshalb ist dieser Bereich für Investments so interessant.

Aber auch dieses Feld ist breit. Nehmen wir die Urbanisierung. Der ehemals ländliche Selbstversorger geht nun im städtischen Supermarkt einkaufen und stellt die Waren zu Hause in einen Kühlschrank, den er früher gar nicht besessen hätte. In erster Linie profitieren also die Hersteller von Basiskonsumgütern (Consumer Staples), aber auch der Kühlschrank muss zwingend angeschafft werden, wenn man nicht täglich einkaufen gehen will.

Tatsächlich haben in China 95% der Stadthaushalte einen Kühlschrank, während
es auf dem Land gerade mal 25% sind. Nach ein paar Jahren in der Stadt steigt dann üblicherweise das Einkommen und wird nicht mehr ausschließlich zur Deckung der Grundbedürfnisse verwendet, sondern zunehmend auch für die persönliche „Infrastruktur“: die Wohnung, den Fernseher, das Auto. Oder für das „Vergnügen“: Restaurants, Glücksspiel, Luxusartikel. Diese „neue Mittelschicht“ stützt natürlich im Wesentlichen die Unternehmen aus dem Bereich der Consumer Discretionaries.

Die Entwicklung in den Emerging Markets ist daher durch Einzelinvestments schwer in ihrer ganzen Breite abzugreifen. Wir investieren in ca. 40 Einzelwerte und können so regional und sektoral breit streuen. Wichtig ist uns aber vor allem, dass im Zeitalter der Globalisierung von diesen Trends nicht nur die einheimischen Unternehmen profitieren, sondern eben auch global aufgestellte Unternehmen der westlichen Welt wie British American Tobacco, Yum! Brands oder Colgate. Beispiele gibt es viele. Es gilt, darunter die richtigen Unternehmen zu finden.

Von welchen demographischen und wirtschaftlichen Entwicklungsszenarien gehen Sie aus? Bleiben China und Russland trotz Bevölkerungsrückgang bzw. Überalterung wegen Nachholbedarf und Urbanisierung interessant?

Unser Investmentprozess geht Bottom-up vor. Wir suchen vielversprechende Aktien aus, ohne uns dabei auf spezielle, länderspezifische Prognosen zu verlassen. Nehmen wir das Beispiel Russland. Tatsächlich ist dort die Nachfrage nach Basiskonsumgütern real sogar rückläufig, während die für Luxusartikel boomt. Dies macht sich natürlich auch in den Ergebnissen der dort aktiven Unternehmen bemerkbar, und auf die kommt es uns in erster Linie an. Gerade demographische Effekte treten ja nicht von heute auf morgen ein.

Wo sehen Sie für deutsche Exporteure Absatzmöglichkeiten? Ein großer Teil der Story betrifft ja internationale Vermarktungskonzepte mit weitgehend lokalem Sourcing.

Wir glauben, dass die angesprochenen Trends in den Emerging Markets dauerhaft sind, aber das heißt eben nicht, dass nur lokale Unternehmen daraus Profit ziehen. Der Kuchen ist so groß geworden, dass international aufgestellte Großkonzerne ihr Stück davon abhaben wollen. Ihre Taktiken sind vielschichtig.

SABMiller verkauft in Russland, Südafrika und China scheinbar lokale Biersorten, Procter & Gamble bietet unter eigenem Namen speziell für die Region entwickelte Produkte an, Adidas dagegen setzt auf das Streben nach Statussymbolen der entwickelten Welt, indem das gleiche Produkt unter dem gleichen Namen wie hierzulande auch in den Emerging Markets verkauft wird.

Allen drei Unternehmen gemein ist, dass sie mittlerweile über 30% ihres Umsatzes in den Schwellenländern generieren. Und gerade für Deutschland als Exportnation bietet das natürlich nachhaltige Chancen. Für unseren Fonds sind nur die Konsumwerte interessant. Das Beispiel Adidas wurde schon genannt, aber auch die Autobauer profitieren enorm.

Da wir in der aktuellen Ausgabe des ExportManagers den Schwerpunkt auf Asien setzen, würden wir auch gerne Beispiele aus dieser Region kennenlernen. Können Sie dazu interessante Wachstumsstorys nennen?

Natürlich. Ein lokales Beispiel ist Anta Sports, ein chinesischer Sportartikelhersteller mit Fokus auf Sportschuhen. Das Unternehmen ist seit 2005 an der Börse notiert, hat seitdem jedes Jahr seinen Umsatz um mindestens 20% gesteigert. Das EBIT wächst wie an der Schnur gezogen: von anfangs ca. 50 Mio HK$ über 150, 450, 900, 1.400, 1.750 Mio HK$ auf nun 2.100 Mio HK$. Mit einer operativen Marge von über 20% ist man dabei sogar profitabler als die Konkurrenten Adidas oder Nike.

Aber es gibt eben auch westliche Beispiele. Yum! Brands ist die zweitgrößte Restaurantkette der Welt. Zum Konzern gehören u.a. Pizza Hut und KFC. Gerade letztere Marke ist ein sehr gutes Beispiel. Während man auf dem Heimatmarkt USA im Umsatz stagniert und die Zahl der Restaurants mit ca. 5.000 mittlerweile sogar leicht rückläufig ist, werden in China jedes Jahr 400 neue Länden eröffnet – mittlerweile ist man bei weit über 3.000 Restaurants im Reich der Mitte, und diese sind in Summe profitabler als das US-Geschäft. Ein weniger auffälliges Beispiel wäre British American Tobacco. Der Umsatz des Tabakgiganten in der westlichen Welt geht aufgrund der Gesundheitsdebatte mehr und mehr zurück, aber dies wird durch die Emerging Markets überkompensiert. BAT ist weiterhin eins der cash-flowstärksten Unternehmen der Welt, und das mit einem Umsatzanteil in den EM von mittlerweile mehr als 50%.

In Deutschland sind vor allem die Autobauer zu nennen. Im vergangenen Jahr hat im Prinzip jeder von ihnen gemeldet, dass China zumindest in Teilsegmenten sein größter Einzelabsatzmarkt geworden sei. Mit über 2 Mio nach China exportierten Autos im Jahr 2011 übertrifft z.B. VW sein Deutschland-Geschäft bei weitem, und das soll noch lange nicht das Ende sein. Schenkt man Herrn Winterkorns jüngsten Aussagen Glauben, dann werden dort 2018 sogar 4 Mio Autos verkauft. Das sind Steigerungsraten, wie es sie in den weitestgehend gesättigten Industriestaaten kaum geben kann.

Kontakt: thierry.misamer[at]frankfurt-trust.de ; tilo.andreas.wannow[at]frankfurt-trust.de

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