In den vergangenen zehn Jahren hat sich die gesamtwirtschaftliche Lage in Kolumbien deutlich verbessert. Günstige externe ­Bedingungen und stabile politische Rahmenbedingungen haben dem Land ein robustes Wachstum und sinkende Inflationsraten beschert. Zudem zeigt sich Kolumbien angesichts eines komfortablen Devisenpolsters relativ unbeeindruckt von den sinkenden internationalen Ölpreisen.

Von Christoph Witte, Direktor Deutschland, Credimundi, Member of the Credendo Group

Geringes Zahlungsrisiko

Wegen der guten Liquiditätsausstattung hält sich die Abhängigkeit Kolumbiens von kurzfristigem Fremdkapital in Grenzen. Deswegen stuft die Credendo Group Kolumbien hinsichtlich des kurzfristigen politischen Risikos in die beste Kategorie (Kategorie 1/7) ein. Bei der Betrachtung der mittel- bis langfristigen politischen Risiken kann Kolumbien mit einer hohen Investitionsquote und einer geringen Auslandsverschuldung punkten. Doch die Abhängigkeit vom Ölsektor und beträchtliche Schuldendienstzahlungen machen das Land anfällig für externe Schocks. Hinzu kommen die Gefahren durch die prekäre Sicherheitslage. Folglich bewertet die Credendo Group das mittel- bis langfristige politische Risiko des Landes mit Kategorie 4. Das Geschäftsumfeld ist hinsichtlich der Qualität der Institutionen in Kolumbien verbesserungswürdig. Auch die jüngste Abwertung des Peso erklärt, warum die Credendo Group das syste­mische Geschäftsrisiko auf einer Skala von A bis C in der mittleren Kategorie B einordnet.

Herausforderung innenpolitischer Frieden

Die Präsidentschaftswahl im Mai 2014 stand im Zeichen der inneren Sicherheit. Staatspräsident Santos wurde für seine neue Sicherheitsagenda kritisiert und insbesondere für die Aufnahme von Friedensverhandlungen mit den marxistischen Rebellen der FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia), die die Vorgängerregierung noch abgelehnt hatte. Sein Vorgänger Uribe unterstützte den Vorstoß von Óscar Iván Zuluaga, Präsident Santos bei den Wahlen herauszufordern. Allerdings blieb Zuluaga erfolglos: Obwohl er in der ersten Wahlrunde die meisten Stimmen auf sich vereinte, scheiterte er in der Stichwahl gegen Santos (mit nur 45% zu 51% der Stimmen).

Dass die innere Sicherheit der Hauptstreitpunkt der zwei
Präsidentschaftskandidaten war, unterstreicht die Bedeutung dieses Themas in der kolumbianischen Politik. Paradoxerweise leidet Kolumbien stärker als viele seiner Nachbarländer unter Gewalt, obwohl sich das Land schon lange zur Demokratie und zur Verfassungsstabilität bekennt.

Vor diesem Hintergrund wird die Bedeutung eines umfassenden Friedensabkommens mit der FARC klar. Sollte dieses zustande kommen, dürften das politische Risiko in Kolumbien abnehmen und sich das Geschäftsumfeld spürbar verbessern. Die höhere politische Stabilität dürfte mittelfristig die Investitionstätigkeit anregen, die Ressourcenallokation verbessern und das Wirtschaftswachstum antreiben. Bislang haben die Verhandlungspartner der Regierung und der FARC Vereinbarungen zu den Themen ländliche Entwicklung, politische Teilhabe und Drogenhandel getroffen. Nach seiner Wiederwahl strebt Santos nun Abkommen zu den verbleibenden zwei Punkten der Verhandlungsagenda an: den Entschädigungszahlungen für die Opfer und der umstrittenen Frage der gesellschaftlichen Reintegration der Rebellen. Bereits Anfang 2015 soll die Umsetzung dieser Vereinbarungen in Angriff genommen werden.

Die Parlamentswahlen vom März 2014 haben die Position des Präsidenten für die Umsetzung von Gesetzen in Verbindung mit dem angestrebten Friedens­abkommen gestärkt – seine Regierungskoalition sicherte sich eine Mehrheit im Kongress. Doch obwohl es endlich eine klare Perspektive für die Lösung des bereits fünf Jahrzehnte dauernden Konflikts gibt, bleiben noch einige Fallstricke zu beseitigen. Es besteht die Gefahr, dass einige Fraktionen der FARC die angestrebte ­Vereinbarung ablehnen und sich mög­licherweise abspalten, um kriminelle ­Banden zu formen. Das Ausmaß solcher Abspaltungen ist schwer einzuschätzen. Einerseits haben die Verhandlungsführer der FARC mit der erfolgreichen Einhaltung des einseitigen Waffenstillstands demonstriert, dass sie die Organisation unter Kontrolle haben. Andererseits sind kriminelle Aktivitäten – vom Drogenhandel über die illegale Goldgewinnung bis hin zu Entführungen und Erpressungen – eine bedeutende Einkommensquelle. Es könnte sich als schwierig erweisen, die Rebellen anstelle der kriminellen Aktivitäten für andere Beschäftigungsfelder zu interessieren.

Stabile politische ­Rahmenbedingungen

Während die Sicherheitspolitik Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen ist, sind sich die Regierung Santos und die „Uribistas“ der Opposition grundsätzlich über den Kurs der Wirtschaftspolitik einig, die liberalen Grundprinzipien folgt und auf Freihandel setzt. Eine angemessene antizyklische Fiskal- und Geldpolitik sorgte am Binnenmarkt für eine effektive Nachfragesteuerung.

Die Finanzpolitik versucht die Vorgabe eines strukturell ausgeglichenen Haushalts zu erfüllen und das in der Verfassung festgeschriebene Prinzip der nachhaltigen Haushaltsführung einzuhalten. Da die Öleinnahmen aufgrund der ge-
sunkenen Weltmarktpreise unter Druck geraten sind und es schwierig ist, auf der Ausgabenseite Effizienzgewinne zu erzielen, steht die Regierung mittelfristig vor der Herausforderung, das Steuer-aufkommen (ohne Warensteuer) auf eine breitere Basis zu stellen, was durch eine Verringerung der informellen Beschäftigung möglich wäre.

Angesichts einer Inflationsrate, die sich im Zielkorridor von 2% bis 4% bewegte, senkte die Zentralbank im März 2013 den Leitzins auf 3,25%, um der konjunkturellen Abkühlung entgegenzuwirken. Erst im April 2014 begann sie, den Leitzins wieder graduell auf zuletzt 4,5% anzuheben, da sich die Produktionslücke geschlossen hatte und die Inflationsrate wieder nach oben tendierte. Angesichts der glaubwürdigen Geldpolitik bewegen sich die Inflationserwartungen derzeit dicht um einen Wert von 3% mitten im Zielkorridor der Zentralbank.
Eine strenge Bankenaufsicht und -regulierung sorgt für einen insgesamt gesunden Bankensektor. Hinsichtlich Rentabilität, Liquidität, Kreditversorgung sowie notleidender Kredite sind die Indikatoren sehr günstig. Es gibt nur wenige Schwach-stellen in Verbindung mit einer Anhäufung von Risiken bei einzelnen großen Darlehensnehmern sowie Aktivitäten von Tochtergesellschaften kolumbianischer Banken in Zentralamerika.

Das Festhalten Kolumbiens an liberalen Wirtschaftsprinzipien kommt auch in den zunehmenden internationalen Verbindungen zum Ausdruck. Die Beziehungen zu Ecuador und Venezuela verbesserten sich unter der Regierung Santos wieder deutlich, nachdem diese unter Uribes Konfrontationskurs stark gelitten hatten. Der regionale Handel profitierte von der wirtschaftlichen Integration im Rahmen der Pazifik-Allianz, einer Freihandelszone von Kolumbien, Mexiko, Peru und Chile. Insgesamt 36% der Wertschöpfung Lateinamerikas vereint dieser Handelsblock auf sich, und alle vier Mitglieder sind einer marktorientierten Politik verpflichtet. Auch außerhalb Südamerikas hat Kolumbien viele Freihandelsabkommen unterzeichnet: eines mit den USA, das im Mai 2012 in Kraft getreten ist, und ein weiteres mit der Europäischen Union, das seit August 2013 umgesetzt wird.

Auf dem Weg zu einem Wachstum, das breiten Bevölkerungsschichten zugutekommt

Das Wirtschaftswachstum lag im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre bei 4,8%, eine Folge der günstigen Weltmarktbedingungen und der stabilen politischen Rahmenbedingungen. Das stetige Wachstum der Investitionen – durch steigende Ersparnisse finanziert – war eine wichtige Triebfeder. Die Investitionen
legten nicht nur nominal stark zu, sondern auch im Verhältnis zum BIP. Dieser Trend dürfte sich in den nächsten Jahren fortsetzen.

Auch der private Konsum hat kräftig expandiert. Der Rückgang der Arbeitslosigkeit – die Arbeitslosenquote erreichte Ende 2013 mit 9,7% den niedrigsten Wert der vergangenen zehn Jahre – hat hierzu einen wichtigen Beitrag geleistet. Er erklärt aber nur teilweise das Wachstum des privaten Verbrauchs. Auch die steigenden Kredite an den Privatsektor – Ende 2013 in Höhe von 39% des BIP – kurbelten den Konsum an. Doch obwohl sich die Wachstumsdynamik verbessert hat, ist die unzureichende Teilhabe der Bevölkerung am wirtschaftlichen Erfolg eine Hürde für ein breiter angelegtes Wachstum in Kolumbien.

Turbulentes internationales Umfeld

Die stabilen politischen Rahmenbedingungen stärken das Vertrauen der Investoren. In den vergangenen Jahren ist reichlich internationales Kapital ins Land geflossen. Dies erleichtert dem Staat und den großen kolumbianischen Firmen die Refinanzierung. Weil die Nettokapitalzuflüsse beständig das Leistungsbilanzdefizit übersteigen, wachsen auch die offiziellen Währungsreserven. Ende Mai 2014 deckten sie 5,7 Monats­importe (von Gütern und Dienstleistungen) ab, was einer soliden Liquidität entspricht.

Ein weiterer positiver Faktor: Dank des starken Zuflusses von Direktinvestitionen, die keine Zunahme der Verschuldung verursachen, haben sich die Schuldenquoten des Landes im Verlauf der vergangenen zehn Jahre deutlich verbessert. Trotz eines strukturellen Leistungsbilanzdefizits sank die Auslandsverschuldung im Verhältnis zum BIP von 35% im Jahr 2004 auf 25% im Jahr 2013, und im Verhältnis zu den Leistungs-bilanzerlösen von 170% auf 133% im gleichen Zeitraum.

Kolumbien profitierte nicht nur von günstigen externen Finanzierungsbedingungen, sondern auch von steigenden internationalen Ölpreisen. Mit einer Produktion von 1 Mio Barrel pro Tag im Jahr 2013 (gegenüber 0,6 Mio Barrel pro Tag im Jahr 2008) ist Kolumbien der drittgrößte Ölproduzent Südamerikas. Fossile Brennstoffe (Erdöl und Erdgas) machen mehr als 40% der Leistungsbilanzerlöse aus und sind bei weitem das wichtigste Exportgut. Dass Kolumbien trotz des Ölreichtums ein Leistungsbilanzdefizit verzeichnet, wird mit den Wirkungen der Kapitalimporte, die Zinszahlungen und Gewinnrücküberweisungen durch internationale Firmen zur Folge haben, erklärt.

Am Finanzmarkt sorgte die Ankündigung der geldpolitischen Wende durch die US-Notenbank für eine höhere Volatilität; mittelfristig dürfte dort mit steigenden Zinsen zu rechnen sein. Folglich wächst auch das Risiko, dass die Kosten des Schuldendienstes steigen, die mit vorhergesagten 42% der Leistungsbilanzerlöse 2014 bereits recht hoch sind.

Mit der wachsenden internationalen Handelsverflechtung steigt auch die Anfälligkeit für ungünstige wirtschaftliche Entwicklungen auf den Auslandsmärkten. Kolumbien ist insbesondere durch zwei Aspekte negativ betroffen: die Konjunkturabkühlung in China mit ihren Folgen für die internationalen Rohstoffpreise und die Krise in Venezuela, die sich negativ auf die Auslandsnachfrage auswirkt. Dennoch scheint Kolumbien insgesamt gut gerüstet zu sein, um diesen Schwierigkeiten zu begegnen. Zum einen verfügt das Andenland über ein gutes Polster an inter-
nationaler Liquidität. Hierfür sorgen die reichlichen Devisenreserven sowie ein
ansehnlicher Staatsfonds. Zum anderen genehmigte der IWF im Juni 2013 eine zweijährige flexible Kreditlinie in Höhe von 6 Mrd USD, die die Liquiditätsrisiken zusätzlich begrenzt. Außerdem ist es Kolumbien in den vergangenen Jahren gelungen, seine Abhängigkeit vom venezolanischen Nachbarmarkt einzudämmen, so dass das Venezuela-Risiko überschaubar bleiben dürfte.

Dies ausführliche Länderstudie Kolumbien steht zum kostenlosen Download unter
www.credimundi.de bereit.

Kontakt: c.witte[at]credendogroup.com

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