Nach fast einem Jahrzehnt rückläufiger Firmenpleiten dürfte sich das Insolvenzniveau wieder erhöhen. Vor allem in der EU verschlechtert sich der Ausblick hinsichtlich der Unternehmensinsolvenzen merklich. Für Westeuropa rechnen die Risikoexperten von Atradius insbesondere aufgrund der Entwicklungen in Großbritannien und Italien für 2019 mit einer Steigerung der Unternehmenskonkurse um 2%.

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Die lange Phase global rückläufiger Unternehmensinsolvenzen neigt sich ihrem Ende zu. Für Asien und die Pazifikregion werden 1% mehr Insolvenzen prognostiziert. Auch in Nordamerika zeichnet sich eine Trendwende ab.

Während für Kanada noch ein leichter Rückgang der Insolvenzfälle um 1% erwartet wird, dürfte die Zahl in den USA stagnieren. Im November 2018 gingen die Risikoanalysten von Atradius noch von einem Rückgang um 2% aus. Diese Einschätzung wurde im Februar 2019 revidiert. Damit erwartet der Kreditversicherer eine schlechtere Entwicklung für den US-Markt als im vierten Quartal 2018.

Zu diesen Ergebnissen kommen die weltweit tätigen Risikoexperten des Kreditversicherers in ihrer jüngsten Analyse. Aber woran liegt der Trendwechsel, warum schneidet insbesondere die EU in der Prognose so schlecht ab?

Negativtrend in der EU

Die steigenden Insolvenzzahlen in Europa liegen vor allem am schwachen Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal 2018, das deutlich hinter den Erwartungen zurückblieb. So betrug das BIP-Plus in der Euro-Zone im vergangenen Jahr lediglich 1,8%, nachdem die Produktion von Gütern und Dienstleistungen 2017 noch um 2,5% gestiegen war. Auch die aktuell vorherrschende politische Unsicherheit in einigen EU-Ländern könnte die Insolvenzen sogar noch mehr anziehen lassen als prognostiziert. Für das laufende Jahr erwarten die Ökonomen von Atradius nur noch ein Wachstum von 1,4% in der EU, weltweit wird mit einem Wachstum von 2,7% gerechnet.

Spitzenreiter bei den europäischen Konkursen ist Groß­britannien, gefolgt von Italien

In Italien droht die Zahl der zahlungsunfähigen Unternehmen 2019 um 6% zuzunehmen. Die Südeuropäer schlitterten im zweiten Quartal 2018 in die Rezession, verursacht unter anderem durch eine rückläufige Inlandsnachfrage. Die Industrieproduktion ging im vierten Quartal um 1,1% zurück. Als Konsequenz hat sich die Vergabe von Krediten verschlechtert. Die politische Unruhe im Land trägt nicht dazu bei, dass die Konjunktur kurzfristig wieder floriert.

Noch stärker dürften die Insolvenzen 2019 in Großbritannien ansteigen, und zwar um mindestens 7% gegenüber dem Vorjahr. Hintergrund sind die großen Unwägbarkeiten im Zuge des Austritts Großbritanniens aus der EU.

in Großbritannien sehen die Atradius-Experten bereits seit vier aufeinander­folgenden Quartalen eine deutliche Abschwächung der Unternehmensinvestitionen. Das hat erhebliche negative Auswirkungen auf kleinere Firmen entlang der gesamten Lieferkette. Vor allem im Einzelhandel sowie im Bausektor leiden die britischen Unternehmen.

Unternehmen, die ihren Sitz im Vereinigten Königreich haben, denken über einen Umzug ins Ausland nach oder haben ihren Hauptsitz bereits verlegt – einige zieht es in die EU, andere wenden Europa den Rücken zu. Diese Verlagerung ins Ausland wirkt sich ebenfalls negativ auf die durch den Brexit geschwächte britische Wirtschaft aus.

Insolvenzentwicklung in Deutschland

Der im März 2019 veröffentlichte Ifo Geschäftsklimaindex stieg nach sechs Rückgängen in Folge erstmals wieder an. Die deutsche Konjunktur scheint die Brexit-Diskussion und die drohenden Handelskonflikte abfedern zu können. Problematisch bleibt es für die exportorientierte Industrie. Das spiegelt auch die Atradius-Analyse wider.

In Deutschland zeichnet sich ein Ende der rückläufigen Insolvenzzahlen im Firmensegment ab. Nachdem die Firmenkonkurse 2018 noch um 3% gesunken waren, weist die Insolvenzprognose für das laufende Jahr einen Zuwachs von 2% aus. Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen hierbei die Abschwächung des Welthandels, die drohenden Importzölle seitens der USA auf Autos sowie ein sich abschwächendes Wirtschaftswachstum, das für 2019 auf 1,3% geschätzt wird und damit unter der Prognose für die EU liegt.

Insolvenzprognose für die übrigen Märkte der EU

Die Atradius-Insolvenzprognose geht jedoch auch für fünf europäische Länder von einer rückläufigen Entwicklung der Firmenpleiten aus. Deutliche Rückgänge bei den Unternehmensinsolvenzen in Europa verzeichnen neben Luxemburg (minus 10%) auch Griechenland (minus 8%) und Spanien (minus 5%).

Allerdings kämpfen die beiden letztgenannten Länder nach wie vor mit einem insgesamt hohen Insolvenzniveau. So gehen beispielsweise in Spanien auch zehn Jahre nach der Finanzkrise mehr als viermal so viele Unternehmen bankrott wie im Jahr 2007. Darüber hinaus dürften auch die Insolvenzzahlen in Finnland und Dänemark in diesem Jahr sinken.

USA: Zahl der Firmenpleiten dürfte zunächst stabil bleiben

Für die Vereinigten Staaten geht Atradius von einer noch stabilen Entwicklung bei den Firmenpleiten aus. Gestützt wird die Prognose von der stabilen Konjunktur. Nach einem recht holprigen Start ins neue Jahr zeichnet sich ein solides Wachstum der US-Wirtschaft ab. Das hängt zum einen mit der gelockerten Geldpolitik der Fed zusammen, zum anderen stützen ein guter Arbeitsmarkt sowie ein stabiles Konsumklima die Wirtschaft. Auch die Fortschritte bei den Handelsgesprächen mit China sowie der beendete Shutdown wirken sich positiv auf das Vertrauen der Märkte aus. In Kanada könnte es 2019 noch einmal zu einem leichten Rückgang der Unternehmensinsolvenzen um 1% kommen.

Die Asien-Pazifik-Region muss sich laut der Atradius Insolvenzprognose auf einen Anstieg der Insolvenzzahlen einstellen: Die Zahl der Geschäftsaufgaben nimmt 2019 voraussichtlich um 1% zu, bedingt vor allem durch die sich abkühlende Volkswirtschaft Chinas sowie Unsicherheiten im Welthandel.

Für Japan erwarten die Analysten – trotz eines sich verbessernden Geschäftsklimas – einen Zuwachs der Firmenpleiten um 2%. Australien und Neuseeland schließlich können sich vom allgemeinen Trend etwas abkoppeln: Hier dürften die Insolvenzzahlen im Unternehmensbereich um 2% bzw. 3% zurückgehen. Beide Länder profitieren dabei von einer schwächeren Währung, die die Exporte und den Tourismus gleichermaßen ankurbelt.

Die vollständige Atradius Insolvenzprognose mit umfangreichen Infografiken und Tabellen finden Sie auf www.atradius.de im Menüpunkt Publikationen.

andreas.tesch@atradius.com

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