Das große Interesse der deutschen Wirtschaft an Nordamerika bestätigte sich erneut auf der Industriefachmesse Industrial Auto­mation North America, die im September in Chicago zum ersten Mal in Zusammenarbeit mit der Deutsche Messe AG ausgerichtet wurde. Wir sprachen mit Simone Pohl, Geschäftsführerin der AHK USA-Chicago, über die Resonanz auf die Industriemesse und die gegenwärtige Attraktivität des US-amerika­nischen Marktes für deutsche Unternehmen.

Interview mit Simone Pohl, President und CEO, AHK USA-Chicago

Frau Pohl, warum wurde mit der Industrial Automation North America ein neues Messeformat gegründet?

Im Jahr 2012 wurde diese Messe zum ersten Mal im Rahmen der bestehenden International Manufacturing Technologies Show (IMTS) durchgeführt. Da die IMTS rein auf Maschinenwerkzeuge und -zubehör fokussiert ist, fehlte eine breit aufgestellte Industriemesse wie die Hannover Messe. Die Zusammenarbeit zwischen zwei hochkompetenten Partnern, der Deutsche Messe AG und der Association for Manufacturing Technology (AMT), war ein „perfect match“ für die Ausweitung in diesen neuen Themenbereichen. Als erstmalige Veranstaltung war die Messe schnell ausgebucht und sehr erfolgreich. Sowohl die Firmen als auch die Organisatoren zeigten sich sehr zu-frieden mit dem Verlauf der Messe und blicken sehr positiv auf die nächste Messe, die im Jahr 2014 stattfinden wird.

Die deutschen Exporte in die USA steigen zurzeit überdurchschnittlich. Was sind die treibenden Faktoren?

Aktuell erholt sich das Land von der Krise, und US-Unternehmen sind sehr erfolgreich: Der Dow Jones ist in einem stabilen Aufwärtstrend, und Unternehmen erzielen zum Teil Rekordumsätze. Die hohe US-amerikanische Nachfrage nach deutschen Produkten beruht auf der hohen Wettbewerbsfähigkeit deutscher Fabrikate. Viele der Produkte in den traditionell starken deutschen Exportbranchen wie Maschinenbau und Elektroindustrie sind Industrieprodukte (B2B). Die Umsätze wachsen zusammen mit der Industrie und sind weniger abhängig von Endverbrauchern. Lieferungen von Industriemaschinen sind z.B. gegenüber dem Vorjahr um 11,2% gestiegen. Und die Autobauer profitieren aktuell vom Nachfragestau der vergangenen Jahre.

Wie ist die Wettbewerbsposition deutscher Unternehmen im Bereich Investitionsgüter gegenüber anderen Konkurrenten?

Eine starke industrielle Basis, hohe Technologiestandards und die daraus resultierende hohe Innovationskraft ­verleihen deutschen Firmen eine starke Wettbewerbsposition und einen Vorteil auf dem hart umkämpften US-Markt. Häufig spiegelt sich das in den „Hidden Cham­pions“ wider, die durch Alleinstellungsmerkmale einen Markt für sich gewonnen haben. Langfristig braucht man innovative Nischenprodukte mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis, um auf dem Markt erfolgreich bestehen zu können.

Was sind derzeit die Erfolgsfaktoren der deutschen Automobilindustrie in den USA?

Die Automobilindustrie boomt wieder in den USA. Nicht nur die deutschen Hersteller, auch viele deutsche Zulieferer kommen kaum noch der hohen Nachfrage hinterher. Insbesondere im mittleren Preissegment findet ein Nachfragestau statt, weil in den vergangenen Jahren spürbar weniger Autos gekauft wurden als sonst. Nun sind die Käufer wieder bereit, ihr angespartes Kapital in ein Auto zu investieren. Hinzu kommt, dass deutsche Automobilhersteller, die in den USA investieren, ein großes Presseecho erhalten – das wurde zum Beispiel bei der Eröffnung der neuen VW-Werke in Chattanooga, Tennessee, sichtbar. Im Premium-Segment sind die Verkaufszahlen unter anderem von der Entwicklung des Dow Jones abhängig. Die erfolgreichen Börsenwerte der letzten Jahre spielen beim Erfolg von BMW, Mercedes-Benz und Audi eine wichtige Rolle. Dabei haben die Autobauer allerdings auch aktiv mitgeholfen: Audi hat z.B. in den vergangenen Jahren in den USA enorm viel Werbung gemacht – und dies erfolgreich! Das spiegelt sich in den Verkaufszahlen wider.

Wo sehen Sie weitere interessante Ge-schäftsperspektiven für deutsche Anbieter am US-amerikanischen Markt?

Interessant für deutsche Firmen sind etwa Industriezweige wie Medizintechnik, Wasser- und Abwassermanagement, energieeffizientes Bauen sowie Informations- und Kommunikationstechnologie. Die AHK USA und ihre Partner unterstützen interessierte Firmen mit innovativen Geschäftsperspektiven bei Markteintritt und -expansion und tragen mit ihren Dienstleistungen und ihrem breiten Veranstaltungsprogramm zum Erfolg der Unternehmen bei.

Wo liegen die größten Hürden beim Liefergeschäft mit den USA?

Trotz der immer enger vernetzten Welt stellt die geographische Entfernung ein Hindernis dar – insbesondere mit Blick auf die mangelnde Kundennähe und die langen Reaktionszeiten. Ausgezeichneter Kundenservice ist unerlässlich, aber von Deutschland aus sehr schwierig zu gewährleisten – dies spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Kaufentscheidung amerikanischer Konsumenten. Weiterhin können viele Produkte nicht effektiv durch Dritte verkauft werden. Unvorhersehbare Einfuhrkontrollen, Zölle sowie unübersichtliche Genehmigungsprozesse können die Abwicklung des Handels hemmen. Hinzu kommt, dass es in den USA auf Bundesstaatsebene verschiedene Steuersätze und Gesetzge­bungen gibt – dies ist für viele deutsche Firmen undurchsichtig.

Deutsche Firmen, die bereits vor Ort in den USA produzieren, stehen vor dem Problem, ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte zu finden – dies wird in den kommenden Jahren eine der größten Herausforderungen bleiben.

Viele deutsche Unternehmen sind dabei, wieder stärker in den USA zu investieren. Was sind Ihrer Meinung nach die treibenden Faktoren dafür?

Wir ermutigen deutsche Firmen, in den USA zu investieren – denn es ist sehr schwierig, in einem umkämpften Markt wie den USA durch das reine Anbieten von Produkten aus Deutschland heraus langfristig erfolgreich zu sein.

Generell gilt, dass deutsche Investitionen in den USA dem Trend folgen, dort zu produzieren, wo der Endverbraucher sitzt, um der jeweiligen Nachfrage des Marktes weitestgehend entgegenkommen zu können. Ferner werden so Transportkosten reduziert und dem Wunsch nach besserem Service und Spezialanfertigungen Rechnung getragen. Den Unternehmen wird außerdem wieder klarer, dass die USA den größten Markt weltweit darstellen – der Markteintritt mag nicht ganz einfach sein, aber der Erfolg zahlt sich aus. Eines unserer Mitgliedsunternehmen erzielt so z.B. ein Drittel seines weltweiten Umsatzes – in einem einzigen Land. Zusätzlich sind die USA politisch stabil und bieten ein unternehmensfreundliches Klima, ein produktives Humankapital, einen hohen Lebensstandard sowie eine gute Infrastruktur. Somit sind die USA nicht nur als Absatzmarkt hochinteressant – Firmen nutzen den Standort auch als Basis, um z.B. nach Lateinamerika zu expandieren.

Die Verhandlungen zwischen den USA und der EU zur Erleichterung der transatlantischen Investitionen und Handelsströme kommen nur langsam voran. Was wäre aus Ihrer Sicht wünschenswert?

Unser Ziel ist es, eine unternehmerfreundliche Atmosphäre für amerikanische und internationale – insbesondere deutsche – Investoren und Geschäftspartner mitzugestalten. Wir hoffen, weiterhin Handelshemmnisse abbauen zu können, indem wir einschränkende Im- und Export­regulierungen reduzieren und eine Verbesserung der transatlantischen Wirtschaftsintegration vorantreiben. Von der neuen Regierung erhoffen wir uns, dass sie die Anstrengungen der „High Level Working Group on Jobs and Growth“ ­weiterhin unterstützt, um ein umfassendes transatlantisches Handelsabkommen auszuhandeln.

Wie ist Ihr Ausblick für das Jahr 2013?

Bereits im vergangenen Jahr haben deutsche Firmen gezeigt, dass sie trotz politischer und wirtschaftlicher Unsicherheiten weiterhin auf die USA als Investitionsziel setzen. Aktuell wird unsere Unternehmensumfrage „German American Business Outlook 2013“, die jährliche ­Konjunkturumfrage der Deutsch-Amerikanischen Handelskammern (AHK USA) in Zusammenarbeit mit dem Delegierten der Deutschen Wirtschaft in Washington, D.C., (RGIT) und Roland Berger Strategy Consultants, durchgeführt. Die Ergebnisse der Umfrage, in der deutsche Unternehmen in den USA ihre Prognosen für das kommende Jahr abgeben, werden am 3. Dezember in New York vorgestellt.

Kontakt: pohl[at]gaccom.org

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