Mit einem erwarteten jährlichen Wachstum von etwa 8% wird Indien in den kommenden zehn Jahren zu den Volkswirtschaften mit den weltweit höchsten Wachstumsraten zählen. Dies verhilft auch dem indischen Gebrauchsgütermarkt zu einem starken Wachstum in allen Segmenten, stellt der MarktMonitor Juli 2011 des Forderungsspezialisten Atradius (www.atradius.de/debitorenmanagementpraxis/publikationen/wirtschaftstrends.html) fest.

Von Dr. Thomas Langen, Hauptbevollmächtigter, Atradius Deutschland

Das indische Pro-Kopf-Einkommen stieg in den letzten zwanzig Jahren kontinuierlich an, und diese Entwicklung wird sich voraussichtlich weiter fortsetzen. Das Wirtschaftswachstum wird durch privatwirtschaftliche und öffentliche Investitionen in die Infrastruktur (z.B. in die Elektrifizierung ländlicher Regionen) und in die Bildung gestützt.

Indiens Gebrauchsgütermarkt wurde 2010 auf etwa 33 Mrd US$ geschätzt, wobei Elektronikprodukte (Computer, Mobiltelefone und Unterhaltungselektronik) nahezu 76% des Marktes ausmachten. Infolge des Wachstums der Gesamtwirtschaft steigen das verfügbare Einkommen und die Nachfrage nach Konsumgütern.

Ferner ist eine Verschiebung der Nachfrage festzustellen. Denn Verbraucher kaufen inzwischen auch Produkte, die sie an ihre finanziellen Grenzen oder darüber hinaus bringen. Smartphones, Spielekonsolen (X Box & Nintendo) usw. werden immer stärker als Statussymbole wahrgenommen. Der zunehmende Tourismus sorgt für Wachstum in der Hotelbranche, die ihrerseits verstärkt LCD-Fernseher und Computer nachfragt.

Das Wachstum der Gebrauchsgüterindustrie wird durch folgende Faktoren unterstützt:

  • 45% der indischen Bevölkerung sind jünger als 25 Jahre
  • Unter­versorgung der länd­lichen Gegenden
  • vielfältige Marken
  • wachsende Haushaltseinkommen und problemlose Finanzierungsmöglichkeiten
  • Wandel von Groß- zu Kleinfamilien
  • sinkende Preise infolge von Wettbewerb und der hohen Nachfrage nach Hightech-Geräten

Indiens Markt für Verbraucherelektronik – Computer, Mobiltelefone und Unterhaltungselektronik – wird 2011 voraussichtlich von 25 auf 30 Mrd US$ wachsen. Bis 2015 werden die Ausgaben für Verbrauchelektronik bei einer kumulierten jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 12% voraussichtlich auf 52,6 Mrd US$ steigen, wobei der Schwerpunkt auf günstigen Mobiltelefonen, Farbfernsehern, Set-Top-Boxen und Notebooks liegen wird. Die boomende Wirtschaft und die robuste Entwicklung der Aktienmärkte des Landes trugen ebenfalls zur Verbesserung des Verbrauchervertrauens bei, so dass auch Flachbildfernseher, Blue-Ray-Player und Digitalkameras zu den Verkaufsschlagern zählen.

32% der Ausgaben für Verbraucherelektronik entfielen 2010 auf Mobiltelefone. Die Marktdurchdringung wird bis 2015 von jetzt 85% auf 128% steigen. Gleichzeitig werden die Preise sinken. Bis 2015 werden in Indien schätzungsweise 235 Mio Mobiltelefone verkauft. Die Anbieter werden sich wahrscheinlich stärker auf randstädtische und ländliche Kunden konzentrieren. Derzeit liegt die Marktdurchdringung in ländlichen Gegenden bei unter 15%, also weit unter dem nationalen Niveau. Kostengünstige Mobiltelefone werden das Hauptproduktsegment sein. Doch Smartphones und Touchscreen-Modelle sind ebenfalls ein starkes Wachstumssegment. Indische und internationale Anbieter bringen Geräte mit vermeintlichen High-End-Features zu erschwinglichen Preisen auf den Markt.

Die Marktdurchdringung im PC-Segment liegt in Indien derzeit bei etwa 2%. Bei Computer-Hardware wird die kumulierte jährliche Wachstumsrate für den Zeitraum 2010 bis 2014 auf etwa 15% geschätzt.

Der indische Markt für Video-, Audio- und Spieletechnik wird bis 2014 voraussichtlich auf einen Wert von 19,5 Mrd US$ steigen. Das TV-Gerät bleibt das Hauptprodukt in dieser Kategorie. Der Umsatz mit LCD-Fernsehern stieg 2009 um nahezu 100%. 2010 wurden schätzungsweise 2,5 Mio Geräte verkauft. LED-Fernseher sind dank sinkender Preise ein zunehmender Wachstumsfaktor im Flachbildschirmsegment.

Nach Angaben des Branchenverbands CEAMA ist die Marktdurchdringung bei vielen Haushaltsgeräten wie Kühlschränken, Waschmaschinen, Mikrowellen und Klimaanlagen noch sehr gering. Dieses Segment wuchs 2010 um etwa 13%, und im laufenden Jahr wird mit Zuwächsen von 15 bis 20% gerechnet.

Im Gegensatz zu internationalen Unternehmen wie Samsung, LG, Nokia, Sony und Philips, die am indischen Markt agieren, sind indische Unternehmen wie Videocon, MIRC Electronics, Titan Industries und Blue Star alle in Indien börsennotiert und werden an der Bombay Stock Exchange im Consumer Durable Index geführt.

Wie in allen Branchen fällt die operative Ertragskraft von Unternehmen zu Unternehmen und von Produkt zu Produkt unterschiedlich aus und ist von den jeweiligen Produktmerkmalen und dem Markennamen abhängig. Die operative Ertragskraft liegt in der Regel bei 5 bis 10%. Im Allgemeinen sind die großen nationalen und internationalen Unternehmen finanziell gut aufgestellt und verfügen über ausreichend Liquidität und Bonität.

Alle indischen und internationalen Unternehmen produzieren im Land für den indischen Markt und für die benachbarten Märkte wie Nepal, die Vereinigten Arabischen Emirate, Sri Lanka und Bangladesh. Die Produktion ist nicht auftragsgesteuert, sondern orientiert sich ausschließlich an der Nachfrageentwicklung. Doch der Großhandel vereinbart mit den Herstellern jährliche Produktionsziele, die auf der bisherigen Entwicklung und auf eigenen Planungen basieren.

Da der Markt hart umkämpft ist, wird das Wachstum auf Mikroebene zur Herausforderung. Die jetzigen Anbieter sind gefordert, neue Strategien zu entwickeln und sich entsprechend zu positionieren. Umsatzsteigerungen sind dann möglich, wenn Unternehmen Alleinstellungsmerkmale sowie entsprechende Preisgestaltungs- und Finanzierungsoptionen anbieten. Darüber hinaus sind die indischen Vertriebsnetze sehr unkoordiniert und weitläufig.

Viele kleine Händler verkaufen dieselben Marken. Zahlreiche Anbieter reagierten auf den zunehmenden Wettbewerb von Seiten der lokalen Marken in allen Segmenten mit einer Neupositionierung, indem sie ihr Angebot für niedrigere Einkommensschichten ausrichteten. Denn schließlich bieten die noch relativ unerschlossenen ländlichen Regionen Indiens das größte Wachstumspotential. Doch auch für Produkte im oberen Preissegment besteht ausreichend Nachfrage.

Eine Konsolidierung des Marktes war bislang nicht feststellbar, obgleich Unternehmen wie Videocon in der Vergangenheit Marken wie Akai, Sansui, Toshiba, Hyundai, Electrolux und Kelvinator lokal übernommen haben. Was Partnerschaften angeht, so verwendet zum Beispiel Mirc Electronics (Marke: Onida) für seine LCD-Produktlinie X Peria Bauteile von Samsung oder Sharp.

In der indischen Gebrauchsgüterindustrie werden Rechnungen im Durchschnitt nach 60 Tagen beglichen. In Anbetracht des Marktwachstums ist in dieser Branche nicht mit größeren Insolvenzen zu rechnen.

Indische Gebrauchsgüterbranche

Stärken

  • Einfache Finanzierungsoptionen/Bedarf an Qualitätsprodukten lässt Umsätze steigen
  • Unternehmen mit guter Kapitalbasis und Bonität
  • Globale Konzerne wie Sony, LG & Nokia sind in Indien präsent
  • Marketinginvestitionen, hohes ­Markenbewusstsein

Schwächen

  • Großer Graumarkt
  • Ausgedehntes Vertriebsnetz, Liqui­dität der Händler nicht kontinuierlich gesichert
  • Billigimporte aus China und anderen Ländern Südostasiens
  • Intensivierung des Wettbewerbs aufgrund der hohen Zahl der Anbieter

Kontakt: thomas.langen[at]atradius.com

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