Sanktionen, Brexit, Widerstand gegen CETA und TTIP – die deutsche Außenwirtschaft erlebt wohl gerade einen Tiefpunkt der Globalisierung. Unter dem Motto „Unternehmen in bewegten Zeiten“ versammelten sich am 29. September 2016 rund 1.000 Teilnehmer des 9. IHK-Außenwirtschaftstags NRW in Bielefeld, um mit Unternehmern und Politikern über die Zukunft des internationalen Geschäfts zu diskutieren.

Von Gunther Schilling, Leitender Redakteur ExportManager, FRANKFURT BUSINESS MEDIA

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Globalisierung in der Kritik

Noch ist TTIP nicht gescheitert! US-Botschafter John B. Emerson machte in seiner Eröffnungsrede klar, dass die US-Regierung weiterhin für eine Vertiefung der Zusammenarbeit werben werde. Er sieht im Widerstand gegen die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft vor allem eine im Zuge der Globalisierung gewachsene Distanz zwischen Bürgern und Regierungen. Die Menschen schauten eher auf den Arbeitsplatzverlust des Nachbarn als auf den stark gesunkenen Preis für einen Flachbildschirm, wenn sie die Auswirkung der Globalisierung bewerteten. Angefeuert werde die Frustration vieler Menschen durch die Flut von Nachrichten auf neuen Informationskanälen wie Twitter, mit denen die Regierungen nicht mithalten könnten.

Komplexität kostet Geld

In der anschließenden Unternehmerrunde stand vor allem der zunehmende Protektionismus im Fokus. Zahlreiche Märkte seien durch nichttariffäre Handelshemmnisse belastet, beklagte Dr. Markus Miele, Geschäftsführender Gesellschafter des Haushaltsgeräteherstellers Miele & Cie. KG, und brachte die Situation auf den Punkt: „Komplexität kostet Geld.“ Auch Dr. Reinhold Festge, Persönlich haftender Gesellschafter des Maschinenbauers HAVER & BOECKER OHG, beklagte den zunehmenden Protektionismus, der für die Seitwärtsbewegung der Maschinenexporte in den vergangenen fünf Jahren verantwortlich sei. Vor allem in Russland und Brasilien habe man Schwierigkeiten. Man wolle aber an diesen Märkten festhalten, auch wenn die Erträge geringer seien.

Ralf Kersting, Geschäftsführender Gesellschafter der Olsberg GmbH, empfahl, im aktuellen Umfeld die Kosten zu senken und nach neuen Märkten Ausschau zu halten. Dr. Miele berichtete von den Bemühungen seines Unternehmens, das Länderportfolio auszubalancieren: Weiße Ware sei in Russland nicht von Sanktionen betroffen, aber die Erträge würden durch die Abwertung des Rubel geschmälert. Märkte wie die Türkei oder Großbritannien seien interessant, aber schwierig. Notwendig sei ein fairer Wettbewerb im Sinne eines „Level Playing Field“.

Kooperation statt Rückzug

Dr. h.c. August Oetker, Vorsitzender des Beirats der Dr. August Oetker KG, erinnerte daran, dass es auch früher Währungsrisiken gegeben habe. Anknüpfend an den Vortrag von Botschafter Emerson, sah er das größere Problem in der Digitalisierung und der hohen Geschwindigkeit, in der Informationen verfügbar seien. Die Gesellschaft fühle sich verlassen und von der Politik nicht mehr vertreten.

Dr. Festge bezog dies auf die Diskussion um TTIP und gab zu bedenken, dass die Industrie ohne die mit TTIP verbundene Angleichung weiterhin sowohl nach amerikanischen als auch nach deutschen Normen produzieren müsse. Japaner und Koreaner hätten dagegen die gleichen Normen wie die USA.

Im anschließenden Panel zu den USA berichtete Dr. Martin Heubeck, CFO der Phoenix Contact GmbH, von den Aktivitäten seines Unternehmens vor Ort. Man habe zunächst auf die technologische Überlegenheit der eigenen Produkte gesetzt, bis man festgestellt habe, dass man die Produkte an die Bedürfnisse des US-Markts anpassen müsse. Entwicklung und Produktion wurden in die USA geholt, US-Manager wurden eingesetzt und ins Führungsteam der Gruppe integriert.

Digitalisierung ernst nehmen

Zur HANNOVER MESSE ließ Phoenix Contact 100 Kunden einfliegen, die von der Leistungsfähigkeit der deutschen Industrie begeistert waren. Zwar sei der Maschinenpark in den US-Unternehmen oft veraltet, die IT-Fähigkeiten seien jedoch hoch. Dies biete gerade für die Industrie 4.0 gute Möglichkeiten zur Zusammenarbeit. Sein Unternehmen arbeite bereits mit digitalisierter Fertigung in kleinen Losgrößen. Dr. Heubeck zeigte sich von dieser Entwicklung überzeugt: „Die deutsche Industrie muss in die Cloud.“

Auch Garrelt Duin, Minister für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk des Landes NRW, hatte in seinem Grußwort auf die Chancen der technologischen Entwicklung für die Globalisierung hingewiesen und von der erfolgreichen Verzahnung der Außenwirtschafts- mit der Technologieförderung in NRW berichtet. Dr. Heubeck bekräftigte in seinem Statement noch einmal, dass man nicht die eigene technische Überlegenheit im Blick haben sollte, sondern die Bedürfnisse der Kunden.

Kontakt: gunther.schilling@frankfurt-bm.com

 

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