Die griechische Wirtschaft befindet sich in einem Abwärtsstrudel sinkender Nachfrage. Mit der Verabschiedung des Haushalts 2012 machte das Parlament Anfang Dezember 2011 den Weg frei für weitere staatliche Sparanstrengungen. In einer aktuellen Einschätzung des Länderrisikos zeichnet Atradius ein düsteres Bild der Ausfallwahrscheinlichkeit von Forderungen gegenüber ­griechischen Unternehmen, was eine enge Überwachung des Zahlungsverhaltens erforderlich macht.

Von Gunther Schilling, Redaktionsleiter ExportManager, F.A.Z.-Institut GmbH

„Die Forderungen des neuen griechi-schen Ministerpräsidenten Papademos sind eindeutig: Ein neues Wirtschaftsprogramm sowie schnelle und wirksame Strukturreformen müssen her. Es gilt, die Sparbeschlüsse der Troika umzusetzen, die der Auszahlung der jüngsten Hilfstranche von 8 Mrd Euro zugrunde liegen. Auch die Umsetzung des zweiten EU-Hilfspakets und des Schuldenschnitts muss sichergestellt werden. Griechenland hat diese Veränderungen bitter nötig“, heißt es in der Mitteilung von Atradius.

Die Prognosen für Griechenlands Wirtschaftsentwicklung wurden von Atradius erneut nach unten revidiert: Nach einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes in den Jahren 2010 und 2011 wird für 2012 erneut mit einem Minus in der Größenordnung von 5,0% gerechnet.

Die aktuelle Zahlungsmoral im Land ist nach Angaben des aktuellen Zahlungsmoralbarometers von Atradius ein weiterer Beweis für die angespannte Situation in Hellas. Griechische Unternehmen sind die schlechtesten Zahler in Europa.

Das Ausmaß der Krise wird Atradius zufolge zu einer weiteren Zunahme der Unternehmensinsolvenzen führen – allein um 30% im abgelaufenen Jahr. Am härtesten vom Abschwung betroffen sind danach der Einzelhandel, der Automobilhandel und das Baugewerbe. Die erwartete Ausfallwahrscheinlichkeit börsennotierter Unternehmen in Griechenland hat sich in den letzten zwei Monaten mehr als vervierfacht. Atradius prüft seit einiger Zeit zusätzlich zur Bilanz auch Zwischen- und Planzahlen für 2011 sowie die Belastbarkeit der Hausbanken und den Verschuldungsgrad griechischer Unternehmen.

Das griechische Parlament billigte am 6. Dezember 2011 mit einer großen Mehrheit von 258 Ja- zu 41 Neinstimmen den Haushalt 2012. Er sieht unter anderem den Ausgleich des Primärhaushalts (ohne Zinszahlungen) vor.

Voraussetzung dafür ist neben einer relativ günstigen Einnahmeentwicklung unter anderem durch Privatisierungen die erfolgreiche Verringerung der Anleiheschulden durch einen Schuldenschnitt um 50%. Insgesamt rechnet die Regierung für 2012 mit einem Haushaltsdefizit von 5,4% des BIP nach rund 9% im Jahr 2011.

Der Erfolg des Programms hängt unter anderem von der Umsetzung von Einsparungszielen im Umfang von 5 Mrd Euro und Mehreinnahmen durch die Bekämpfung von Steuerhinterziehung im Umfang von 4,5 Mrd Euro ab.

Allerdings schätzt beispielsweise die OECD in einem aktuellen Bericht die Reformfähigkeit der griechischen Verwaltung als gering ein. Notwendig sei eine grundlegende Änderung der Verwaltung. Die zuständige Abteilungsleiterin der OECD spricht Griechenlands Zentralregierung die Kapazität und Fähigkeit zu großen Reformen ab. Es fehle vor allem an Kommunikation und Kontrolle in und zwischen den Ministerien.

Die griechischen Verbraucher und Unternehmen fahren ihre Ausgaben 2012 weiter zurück, die Industrieproduktion schrumpft, wenn auch weniger stark als 2011. Lediglich vom Außenbeitrag kommen positive Signale, da die Importe noch schneller sinken als die Exporte.

Im deutschen Außenhandel schlug sich die griechische Absatzkrise in den ersten neun Monaten 2011 in einem geringen Anstieg der Einfuhr aus Griechenland um 0,7% gegenüber dem Vorjahr nieder.

Welche Wachstumsmöglichkeiten die griechischen Exportunternehmen nach einer Stabilisierung haben könnten, zeigt der Blick auf Bulgarien, Rumänien und die Türkei: Aus den beiden EU-Staaten nahm Deutschland von Januar bis September 2011 knapp 30% höhere Importe ab als im Vorjahr, aus der Türkei wurden 21,3% mehr importiert.

Die wachsende Unsicherheit im Euro-Raum schlug sich in den ersten drei Quartalen 2011 bereits in sinkenden BIP-Zuwachsraten in den meisten Staaten nieder. Lediglich Rumänien verzeichnete im dritten Quartal eine deutliche Belebung der Wirtschaftsleistung. Für 2012 werden jedoch durchgehend geringere Wachstumsraten erwartet. Dadurch verschlechtern sich die Möglichkeiten der Krisenstaaten, neue Absatzmärkte zu erschließen. Zudem müssen Exportkapazitäten neu aufgebaut werden.

Kontakt: g.schilling[at]faz-institut.de

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