Europas Wirtschaft entwickelt sich überwiegend positiv. In Bezug auf die Zahlungsmoral in den kommenden zwölf Monaten sind die Erwartungen der hiesigen Lieferanten und Dienstleister aber eher verhalten. Ein beträchtlicher Teil von ihnen rechnet damit, dass sich das Zahlungsverhalten ihrer Kunden in den nächsten zwölf Monaten insgesamt verschlechtern wird. Das zeigen zwei aktuelle Zahlungsmoralstudien zu West- und Osteuropa.

Von Andreas Tesch, Chief Market Officer, Atradius Kreditversicherung

Beitrag als PDF (Download)

Der Brexit, ein drohender US-Protektionismus oder die Konjunkturabkühlung in China sind relativ neu in der Liste der internationalen Wirtschaftsrisiken. Wie stark sie sich tatsächlich auf den weltweiten Handel auswirken werden, lässt sich aktuell noch nicht abschätzen. Doch schon jetzt beschäftigen die drei Themen zahlreiche europäische Unternehmen und führen zu vermehrten Maßnahmen zum Schutz vor möglichen Folgen. So haben 18% der für das Zahlungsmoralbarometer Westeuropa befragten Unternehmen ihr Forderungsmanagement wegen des „unberechenbaren Trios“ bereits intensiviert, um die eigene Liquidität zusätzlich abzusichern.

Die Angaben zeigen: Vielen ist bewusst, dass die aktuelle Lage erhebliche Risiken birgt – obwohl die Voraussagen für das Geschäfts- und Konjunkturklima im laufenden Jahr optimistischer sind als zuvor. Der Brexit ist dabei nicht die einzige politische Unsicherheit, die die Prognose in der Euro-Zone mittelfristig beeinflusst. In Osteuropa beispielsweise hemmen die Strukturschwäche und die negativen Auswirkungen der Sanktionen weiterhin das Wachstum in Russland. Aufgrund der engen globalen Handelsverbindungen können sich Verschlechterungen des Geschäfts- und Konjunkturklimas direkt auf andere Märkte auswirken, mit potentiell ungünstigen Folgen für das Insolvenzumfeld weltweit.

Gleichzeitig haben wir zuletzt eine steigende Anzahl von sogenannten „Sudden Defaults“ gesehen – Insolvenzen, die ohne Vorzeichen und aufgrund ihrer erheblichen Größe die Lieferanten und Dienstleister des betroffenen Unternehmens überrascht haben und nicht vorherzusehen waren. Derartige Fälle gab es zuletzt auch in Europa, unter anderem in Polen, der Tschechischen Republik und Dänemark.

Nur wenige erwarten eine ­Verbesserung der Zahlungsmoral

Vor diesem Hintergrund lässt sich erklären, dass in West- wie Osteuropa nur die wenigsten Unternehmen mit einer Verbesserung der Zahlungsmoral in den kommenden zwölf Monaten rechnen. 26% der befragten westeuropäischen und osteuropäischen Unternehmen erwarten eine Verschlechterung. Jeweils knapp zwei Drittel der Studienteilnehmer prognostizieren, dass sich die Forderungslaufzeit in den nächsten zwölf Monaten auf einem ähnlichen Niveau bewegen wird.

2016 wurden im westeuropäischen Durchschnitt 39% der Handelsgeschäfte auf Zahlungsziel vereinbart – ein leicht rückläufiger Trend gegenüber den beiden Vorjahren. In Osteuropa erhöhte sich der Anteil minimal auf 40%. Beim Blick auf die einzelnen Staaten offenbart sich ein heterogenes Bild: Gesamteuropäischer Spitzenreiter ist Ungarn mit 66%. In Dänemark und in Griechenland wurden mehr als die Hälfte der Business-to-Business-Geschäfte (B2B) mit Lieferantenkredit abgewickelt. In Deutschland, Österreich, Polen und der Schweiz nutzten lediglich ein gutes Viertel der Geschäftspartner diese Option. Generell haben die Lieferanten mehr Vertrauen in die Zahlungsmoral ihrer Landsleute als in die Zuverlässigkeit von ausländischen Kunden. Als Hauptgründe für Verzögerungen gaben die Studienteilnehmer in West und Ost Liquiditätsengpässe und komplexe Zahlungsverfahren bei Auslandsüberweisungen an.

Offene Rechnungen als Finanzierungsmittel

Außerdem nutzten Abnehmer offene Rechnungen häufig als Finanzierungsmittel: Wird der Zugang zu traditionellen Finanzierungsmöglichkeiten aufgrund verschlechterter Bonität schwieriger, erscheint es für einzelne Käufer oft als einfachste Möglichkeit, Liquiditätslücken durch das bewusste Überschreiten von Zahlungsfristen zu schließen.

Für Lieferanten und Dienstleister, die unter steigendem Margen- und Liquiditätsdruck stehen, ist ein restriktiveres Gewähren von Zahlungszielen dann oft die einzige Möglichkeit, um ihre eigene Finanzlage stabil zu halten. Zu empfehlen ist dieses Vorgehen, wenn sich die Abnehmerbonität verschlechtert. In vielen Fällen gibt es jedoch bessere Wege, um das eigene Risiko zu optimieren – zumal die Gewährung eines Zahlungsziels in vielen Fällen ein entscheidender Vorteil gegenüber den Mitbewerbern ist.

Westeuropa: Anteil überfälliger Rechnungen leicht angestiegen

In Westeuropa ist der Prozentsatz an überfälligen B2B-Rechnungen moderat angestiegen (41% im Jahr 2016 gegenüber 39% im Jahr 2015). In Osteuropa blieben 41% der Forderungen am Fälligkeitstermin offen, ein Rückgang von 2% gegenüber dem Vorjahr. Letztendlich mussten in Westeuropa 1,3% des Forderungsvolumens als uneinbringlich abgeschrieben werden (2015: 1,4%), im Osten lag die Quote bei 1% (2015: 1,2%).

All das zeigt: Trotz solider Konjunkturprognosen erwartet kaum ein Unternehmen, dass sich die Zahlungsmoral seiner Kunden im gleichen Maße positiv entwickelt. Ein starker Fokus auf das Management des Handelskreditrisikos ist unerlässlich. Instrumente wie die Kreditversicherung von Atradius tragen zur Minimierung von Risiken bei und unterstützen Unternehmen dabei, ihre finanzielle Rentabilität wirkungsvoll und nachhaltig zu bewahren.

andreas.tesch@atradius.com

Aktuelle Beiträge