Die Europäische Union und Japan haben sich Anfang Juli auf die Grundzüge eines Freihandelsabkommens geeinigt. Der Teufel steckt jedoch noch im Detail. Kritik an einem unzureichenden Umwelt- und Verbraucherschutz sowie an außergerichtlichen Streitbeilegungsverfahren wird auch gegenüber Japan laut. Bis 2019 sollten aber alle Hürden genommen sein. Dann sollen die Warenlieferungen in beide Richtungen kräftig steigen und den beteiligten Volkswirtschaften Auftrieb geben.

Von Arne Mielken, BA(Hons) MA MIEx (Grad), Senior Trade Specialist, ­Content (European Union), Amber Road

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Seit dem 25. März 2013 haben die Europäische Union (EU) und Japan über ein umfassendes Freihandelsabkommen (FHA) und ein politisches Rahmenabkommen (Strategic Partnership Agreement, SPA) verhandelt. JEFTA (Japan – EU Free Trade Agreement) soll in den Unterzeichnerstaaten Zölle und andere Handelshemmnisse abbauen, das Wirtschaftswachstum beschleunigen und neue Arbeitsplätze schaffen.

Die Europäische Kommission geht davon aus, dass durch die schrittweise Abschaffung der Zölle EU-Unternehmen jährlich Kosten in Höhe von bis zu 1 Mrd EUR einsparen können. Außerdem erwartet sie einen Anstieg der Exporte von verarbeiteten Nah­rungsmitteln nach Japan um 180%, was etwa 10 Mrd EUR/Jahr entspricht. Japan profitiert im Gegenzug unter anderem von Zollsenkungen für Industriegüter. Für japanische Personenfahrzeuge liegt der Zolltarif in der EU derzeit bei 10%. Nach einer Übergangsfrist von sieben Jahren wird er auf null reduziert. Allerdings sollen auch die Importschranken für europäische Autohersteller in Japan fallen.

Der Abbau sogenannter nichttarifärer Handelsschranken, unterschiedlicher Normen und Vorschriften, speziell im Kraftfahrzeug- und Lebensmittelsektor, sowie ein besserer Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen in Japan sollen außerdem Exporte in beide Richtungen vereinfachen.

Insgesamt wird eine Steigerung der EU-Ausfuhren um 33% und der japanischen Ausfuhren um 23% prognostiziert. Des Weiteren könnten bis zu 420.000 zusätzliche Arbeitsplätze in der EU geschaffen werden, so die optimistischen Aussagen in Brüssel. Das Freihandelsabkommen würde ein Drittel der globalen Wirtschaftsleistung umfassen. Darüber hinaus enthält es Verpflichtungen zu Sozial- und Umweltstandards.

FHA-Stolperfallen

Hier entzündet sich der meiste Widerstand in Europa. Kritiker meinen, dass europäische Verbraucher- und Umweltschutzstandards im Abkommen zu kurz kämen. Abgelehnt werden auch die privaten Schiedsgerichte, vor denen Konzerne die Unterzeichnerstaaten verklagen könnten, wenn Gesetze ihre Profite schmälern.

In Japan müssen Parlament und Öffentlichkeit außerdem noch vom Nutzen des Abkommens für Landwirtschaft und Automobilindustrie überzeugt werden. Hier droht in Zukunft – bisher ungewohnt – erheblicher Wettbewerb. Die Frage ist, ob sich Japan angesichts der Bedeutung der Automobilindustrie für die Beschäftigung wirklich auf eine Liberalisierung dieser Branche innerhalb von sieben Jahren einlassen wird.

Stabile Wirtschaftsbeziehungen

Japan ist der zweitwichtigste Absatzmarkt für die EU in Asien. Rund 74.000 europäische Firmen exportieren Waren im Wert von über 1 Mrd EUR nach Japan. Rund 600.000 Jobs hängen von diesem Handel ab. Circa 10% der japanischen Ausfuhren gehen in die EU.

Japan und Deutschland unterhalten seit über 150 Jahren diplomatische Beziehungen. Die Wirtschaftsbeziehungen zeichnen sich durch eine hohe Stabilität aus. Beide Länder sind stark exportorientiert. 2015 lag das Handelsvolumen knapp über 37 Mrd EUR. Japan ist nach China Deutschlands wichtigster Handelspartner in Asien und ein kaufkräftiger Markt mit 127 Millionen Konsumenten. Andersherum ist Deutschland für Japan der wichtigste europäische Handelspartner. Während Japan für knapp 17 Mrd EUR Produkte aus Deutschland einführte, kamen für mehr als 22 Mrd EUR japanische Produkte auf den deutschen Markt.

Deutschland exportiert vor allem Produkte der Maschinenbau-, pharmazeu­tischen und chemischen Industrie, der Medizintechnik und Agrarindustrie. Speziell in technologisch anspruchsvollen und Nischenmärkten könnten deutsche Anbieter vom JEFTA profitieren. Vor allem im Bereich Industrie 4.0 ist Deutschland hochangesehen. Ein positives Momentum wird auch von den Olympischen Sommerspielen in Japan 2020 erwartet.

Japan ist eine rohstoffarme Nation, die Öl, Erze, Gas und Holz in großen Mengen aus dem Ausland importieren muss. Seit der Atomkatastrophe von Fukushima, nach der viele Kernreaktoren abgeschaltet wurden, sind die Importe im Energiesektor weiter gestiegen. Zugleich baut Japan seine Energieversorgung aus erneuer­baren Quellen wie Wind- und Solarkraft aus.

Bei Lebensmitteln ist das Bild uneinheitlich. Japan kann zwar den Bedarf an Reis fast komplett mit eigener Produktion decken, bei Fleisch und Milchprodukten ist es aber auf Importe angewiesen. Bisher erhebt Japan hohe Zölle auf Agrar- und Lebensmittelimporte. Deutsche Anbieter rechnen sich daher gute Absatzchancen vor allem für Milchprodukte nach Ab-schluss des JEFTA aus.

Deutschland importiert aus Japan hauptsächlich Fahrzeuge und Autoteile, Datenverarbeitungsgeräte, Maschinen und Maschinenteile, chemische Erzeugnisse, elektrische, elektronische und optische Geräte.

Türöffner IT

Die Komplexität der japanischen Einfuhr- und Marktanforderungen überfordert viele KMUs. Internationale Softwarehäuser wie Amber Road bieten jedoch ausgefeilte Softwarelösungen an, die Unternehmen bei der Feststellung der Dokumentenpflichten und Sonderanforderungen, der Erstellung der notwendigen Export- und Importdokumente und beim Dokumentenmanagement unterstützen. Sie helfen bei der Produktklassifizierung und Identifizierung der korrekten Zolltarife. Sie assistieren beim Erstellen und Verwalten von Ursprungszeugnissen. Und für den Export von Dual-Use-Gütern bieten sie Unterstützung bei der Einrichtung rechtskonformer Exportkontrollprozesse.

Die Software vereinfacht Preisvergleiche auf Landed-Cost-Basis und hilft bei der Festlegung optimaler Lieferbedingungen. Sie erhöht das Bewusstsein für Zollvorteile oder Quotenbeschränkungen und öffnet die Augen für neue Handelsmöglichkeiten. Sie reduziert Trade-Compliance-Risiken, spart Zeit gegenüber manuellen Recherchen und steigert Supply-Chain-Management-Effizienz und -Transparenz.

Die Amber-Road-Global-Trade-Management-Lösungen basieren auf einer umfassenden, tagesaktuellen Datenbank. Mit Inkrafttreten des JEFTA werden die neuen Zolltarife und andere zolltechnische Anforderungen automatisch ins System gespeist. So können Kunden sofort von den Vorteilen des Freihandelsabkommens in Form von niedrigeren Zollabgaben und Gebühren profitieren.

Fazit

Die verbleibende Zeit bis 2019 ist kurz. Das Inkrafttreten des JEFTA eröffnet neue Absatzchancen für deutsche KMUs. Es wird aber in vielen Marktsegmenten keine komplette Zollfreiheit bringen. Der stufenweise Abbau der Zollschranken über mehrere Jahre und komplexe Ursprungsregeln stellen hohe Ansprüche an die Unternehmen.

Letztere sollten dies als Chance sehen und rechtzeitig eine durchgehende Digitalisierung ihrer Exportprozesse in Angriff nehmen. Diese bringt nicht nur mehr Effizienz beim Ausschöpfen von Präferenzabkommen. Informationen können gezielt ausgewertet werden. Vor allem kann die Zusammenarbeit mit den Handelspartnern, Zollbehörden und Verzollungspartnern transparenter, durchgängiger und kostengünstiger gestaltet werden.

Stimmen Sie die Supply-Chain-Digitalisierung mit Ihren Logistikdienstleistern ab! Nutzen Sie Effizienzsteigerungen! Dabei können cloudbasierte IT-Lösungen für Zollprozesse sowie die Integration mit bestehenden Systemen eine wichtige Rolle spielen (siehe den Beitrag „Korrekte Anwendung von Präferenzabkommen“ im ExportManager vom 14. Juni 2017, Seite 16, HIER).

Quellen: eu.europa.com; Statistisches Bundesamt, Wiesbaden; Auswärtiges Amt.

ArneMielken@AmberRoad.com

 

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