Weil die Handelspartner in Südasien nicht mehr produzieren, nehmen sie kein Geld ein – und können ihren Verbindlichkeiten gegenüber Geschäftspartnern aus Deutschland kaum nachkommen. In solch herausfordernden Zeiten sind Exportabsicherungen wichtiger denn je.

Das Coronavirus stellt die Exportbranche vor nie dagewesene Herausforderungen. Der Umgang mit wichtigen Handelspartnern wie Indien und Bangladesch wird über Nacht zu einer großen Herausforderung. Jetzt gilt es, die Risiken so weit wie möglich zu minimieren.

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Wo sich sonst Tuk-Tuks, Rikschas und Taxis hupend durch den dichten Verkehr in Mumbai und Neu-Delhi quälen, herrscht Stille. Indien befindet sich seit dem 24. März im totalen Shutdown – es ist einer der restriktivsten weltweit. Rund 1,4 Milliarden Inder dürfen ihr Zuhause nur in Ausnahmefällen verlassen, Geschäfte bleiben geschlossen, der öffentliche Nahverkehr hat Pause. Selbst die Post liefert keine Briefe und Pakete aus. Deutsche Autobauer haben ihre Werke längst geschlossen, auch die Produktion in weiteren Bereichen der verarbeitenden Industrie steht still.

Das Wirtschaftswachstum der drittgrößten Volkswirtschaft Asiens droht auf einen historischen Tiefstand zu fallen. Allein der Shutdown der ersten drei Wochen hat das Land Analysten zufolge 120 Mrd USD gekostet. Die Ratingagentur Moody’s prognostiziert, dass das reale, inflationsbereinigte Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr statt um die erwarteten 6% nur um 2,5% zulegen dürfte. Andere Analysten rechnen sogar mit einem Minus von bis zu 2,6%.

Auch Indiens Nachbar Bangladesch ist stark vom Virus gezeichnet. Der Motor der bangladeschischen Wirtschaft, die Textilindustrie, steht still. Zehntausende Arbeiter haben ihren Job komplett verloren, Millionen weitere warten sehnsüchtig darauf, dass die Fabriken wieder öffnen und sie wieder zur Arbeit gehen können. Die ersehnte Normalität dürfte allerdings noch viele Wochen auf sich warten lassen.

Auswirkungen auf die Exportbranche

Überall stehen die Maschinen still. Das trifft die Bundesrepublik hart: Denn viele dieser Maschinen kommen traditionell von deutschen Exporteuren. Im Jahr 2019 lieferten hiesige Unternehmen Waren im Wert von 813 Mio EUR nach Bangladesch, hauptsächlich Maschinen und Industrieausrüstung. Auch in Indien entfällt knapp die Hälfte des deutschen Exportvolumens von 12 Mrd EUR auf diesen Bereich.

Weil die Handelspartner in Südasien nicht mehr produzieren, nehmen sie kein Geld ein – und können ihren Verbindlichkeiten gegenüber Geschäftspartnern aus Deutschland kaum nachkommen. Dazu kommt, dass die Lieferketten durch Produktionsstopps in China wesentlich beeinträchtigt sind. Bereits bestellte, längst verschickte Maschinen hängen in den Häfen oder stecken in Logistikzentren fest. Kurzum: Die Coronakrise belastet die Handelsbeziehungen immens, macht nicht vor Landesgrenzen halt. Zahlungsverzug oder gar komplette Ausfälle häufen sich – bei Geschäftspartnern in Indien, Bangladesch und Deutschland gleichermaßen.

In solch herausfordernden Zeiten sind Exportabsicherungen wichtiger denn je. Die meisten Geschäfte in Südasien sind mit ECA-gedeckten Finanzierungen oder Akkreditiven abgesichert. Akkreditive, oder, wie sie im englischen Sprachgebrauch heißen: Letters of Credit, sind dabei häufig das Mittel der Wahl: Vor allem bei Großprojekten, die sich über mehrere Monate hinziehen, kommen diese unwiderruflichen Zahlungsversprechen zum Einsatz.

Mittel der Wahl: Akkreditive

Das Konstrukt ist leicht erklärt: Sobald der deutsche Lieferant seine Maschinen vertragsgemäß verschickt hat, erhält er das volle Auftragsvolumen ausgezahlt – egal ob seine Maschine nun verpackt in der stillstehenden Textilfabrik in Bangladesch auf ihren Einsatz wartet oder im Hafen festhängt. Das Geld kommt von seiner Hausbank, die sich das Geld wiederum bei der Bank des Käufers holt. Die ausländische Bank bürgt dafür, dass der Importeur auch wirklich zahlt.

Die Bank des Exporteurs gewährt Akkreditive in der Regel problemlos nach einer Bearbeitungsdauer von nur wenigen Werktagen. Voraussetzung ist allerdings, dass die Dokumente zwischen allen Beteiligten ausgetauscht werden können. Da in Indien derzeit keine Post ausgeliefert wird, erfolgt der Vertragsabschluss aktuell vermehrt per E-Mail oder Fax, sofern rechtlich möglich. Zudem enthalten die Akkreditivbestätigungen durch die Coronakrise mitunter Strafklauseln, die sicherstellen, dass der Importeur direkt nach Erhalt der Ware zahlt und die Zahlung nicht unnötig aufschiebt.

Ein Akkreditiv wird allerdings nur dann vergeben, wenn die Korrespondenzbank im Ausland das Akkreditiv bestätigt. Falls der Importeur nämlich nicht zahlt, muss sie einspringen. Außerdem sollte die Laufzeit des Akkreditivs die Dauer des Auftrags komplett abdecken – von der Produktion der Ware bis zur Lieferung. Um das Akkreditiv zu beantragen, muss der Exporteur keine Sicherheiten hinterlegen. Die Bank des Exporteurs prüft die Bonität der Korrespondenzbank im Ausland und errechnet dann den Preis, den der Exporteur für die Absicherung zahlen muss.

Bei Großprojekten, die sich über Monate oder Jahre hinziehen, braucht es zumeist mehrere Akkreditive, um den Auftrag abzusichern. Für jede Phase wird eine separate Risikobeurteilung fällig. Die Risikobewertung kann sich während eines Auftrags ändern – der Exporteur muss bei gestiegenem Risiko dann unter Umständen einen höheren Preis zahlen.

Know-how vor Ort

Die LBBW betreibt seit mehr als 20 Jahren eine Niederlassung in Singapur, von der aus sie die gesamte Region Asien/Pazifik, also auch die Länder Indien und Bangladesch, betreut. Die Experten dort unterstützen unter anderem Exporteure aus dem deutschsprachigen Raum beim Markteintritt und stehen diesen mit Finanzierungslösungen und Marktkenntnis zur Seite.

Um optimale Marktexpertise zu bieten, deckt die LBBW-Repräsentanz in Mumbai mit vier Experten zudem den kompletten indischen Markt ab – von Neu-Delhi über Mumbai und Pune bis nach Bangalore und Kalkutta. So hat das Team Asien/Pazifik zusammen mit der Zentrale in Stuttgart im vergangenen Jahr beispielsweise den Debütschuldschein des Mischkonzerns Reliance Industries mit einem Volumen von rund 400 Mio EUR begeben. Es war die weltweit größte Transaktion im Erdöl- und Erdgassektor und die erste vermarktete Transaktion mit einem asiatischen Unternehmen überhaupt.

In diesem Jahr feiert die Repräsentanz in Mumbai auch ihr 20-jähriges Bestehen. Erfahrung und ein breites Netzwerk vor Ort helfen, mit den aktuellen Herausforderungen umzugehen. Es ist nämlich nicht nur die Coronakrise, die speziell Indiens Wirtschaft auf die Probe stellt.

Als die Regierung im Oktober 2019 ein neues Plastikgesetz auf den Weg brachte, brach für zahlreiche Firmen ein wichtiger Teil ihres Geschäfts weg. Ab 2022 darf in Indien nämlich kein Einwegplastik mehr verkauft werden. Was einerseits der Umwelt zugutekommt, stellt andererseits die indische Plastikindustrie vor Herausforderungen. Sie müssen ihre Lieferketten überdenken, die Kosten für Waren erhöhen sich, was sich wiederum direkt auf die Lebensmittel- und Konsumgüterindustrie auswirkt. Die Landesbank Baden-Württemberg arbeitet seit Jahrzehnten eng mit Unternehmen der Verpackungsindustrie zusammen und hat sie dabei unterstützt, die Investitionspläne gemäß den neuen Richtlinien zu überarbeiten. In Krisen stehen Partner zusammen – denn der nächste Aufschwung kommt bestimmt.

Timo.Noetzel@lbbwsg.com

Sandeep.Babbar@lbbwin.com

www.lbbw.com

 

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