Die Türkei bietet eine Vielzahl von Investitionsprojekten in Industrie und Infrastruktur, die das Land zu einem modernen Industriestandort entwickeln sollen. Durch das Angebot langfristiger Finanzierungen der KfW IPEX-Bank werden auch deutsche Anbieter in die Lage versetzt, vom Importbedarf der Projekte zu profitieren. Im Interview mit dem ExportManager gibt Thomas ­Selzer, Leiter der Repräsentanz Istanbul, Einblick in seine Arbeit vor Ort.

Interview mit Thomas Selzer, Leiter Repräsentanz Istanbul, KfW IPEX-Bank GmbH

Herr Selzer, wie sehen Sie die aktuelle Situation in der Türkei nach den Unruhen des Frühjahrs?

Die politische Auseinandersetzung existiert weiter, doch die ökonomischen Folgen sind geringer als zunächst befürchtet. Die in Deutschland häufig gesehene Gleichsetzung des Tahrir-Platzes in Kairo mit dem Taksim-Platz in Istanbul verkennt bei allen oberflächlichen Ähnlichkeiten die weitreichenden strukturellen Unterschiede zwischen Ägypten und der Türkei in den Bereichen demokratische Tradition, allgemeines Bildungsniveau und Unternehmerkompetenz. Daher halten sich meines Erachtens die ökonomischen Auswirkungen nach den Unruhen in der Türkei im Frühjahr in Grenzen.

Drei Beispiele, die für diese Interpretation sprechen: 1. Zwei der drei relevanten Ratingagenturen haben ihre positive Sicht der Türkei in ihren Länderratings in den letzten beiden Monaten bestätigt. 2. Langfristige Investoren wurden nicht abgeschreckt, wie das Beispiel der erfolgreichen Refinanzierung des Hafens Mersin im August zeigt: Ein über sieben Jahre laufender endfälliger Projektbond war mehrfach überzeichnet und erzielte ein für die Eigentümer sehr gutes, niedriges Pricing. 3. Ein deutscher Energiekonzern hat die vorher geplante Investitionsstrategie fortgesetzt und im Sommer sehr hohe Investitionsmittel für den weiteren Ausbau der Energieinvestitionen freigegeben.

Wie unterscheidet sich die KfW IPEX-Bank von anderen internationalen Banken in der Türkei?

Zunächst einmal zur Ähnlichkeit: Mit unserem Fokus auf Projekt- und Exportfinanzierung arbeiten wir in vergleichbaren Bereichen wie die meisten internationalen Banken hier in Istanbul. Wir werden in Deutschland durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht überwacht und zahlen Steuern. Die Repräsentanz in Istanbul wird durch die türkische Bankenaufsicht überwacht. Wie die anderen Banken auch, muss sich die KfW IPEX-Bank mit ihrem modernen Finanzierungs-Know-how am Markt behaupten. Ihre Kredite der Projekt- und Exportfinanzierung werden zu Marktkonditionen vergeben. Die Anforderungen an die Besicherung und Verzinsung dieser Darlehen sind daher denen anderer kommerzieller Banken vergleichbar.

Die Besonderheiten ergeben sich aus unserer Historie in der KfW Bankengruppe, unserem speziellen Know-how und unserer Aufstellung: Die KfW Bankengruppe hat in ihrem Geschäftsfeld Entwicklungszusammenarbeit bereits in den frühen 60er Jahren mit der Türkei im Infrastrukturbereich zusammengearbeitet. Auf diesen Erfahrungen bauen heute alle drei Teilbanken der KfW auf: Die KfW Entwicklungsbank unterstützt Energieeffizienz und KMU-Maßnahmen. Die KfW DEG begibt kommerzielle Finanzierungen für kleinere Vorhaben bis 20 Mio EUR, und die KfW IPEX-Bank finanziert größere Projekt- und Exportfinanzierungen.

Die Besonderheit der KfW IPEX-Bank liegt dabei in ihrer Strukturierungskompetenz für maßgeschneiderte Finanzierungslösungen und ihrem erfolgreichen Branchenansatz: Die Abteilungen der Bank sind nach Sektoren aufgestellt. Dadurch können die Experten der Sektoren Energie, Industrie, Transport etc. durch ihre weltweiten Erfahrungen im jeweiligen Sektor schnell maßgeschneiderte Lösungen entwickeln. Der Großteil unserer Kunden wie z.B. Eren, Kardemir, Enerjisa kommt daher nach der ersten Finanzierung mit weiteren Projekten auf uns zu. Aufgrund unserer Zugehörigkeit zur KfW Bankengruppe können wir uns zusätzlich auf eine langfristige Perspektive und eine zuverlässige Langfristrefinanzierung verlassen.

In welchen Sektoren arbeiten Sie in der Türkei?

Aktuell finanzieren wir vor allem in Sektoren, die für das hohe Wirtschaftswachstum der Türkei besonders wichtig sind, das sind der Energiesektor, Stahl- und Zementwerke und auch verschiedene Industriebereiche. In der Vergangenheit haben wir u.a. Schiffe, Flughäfen und Containerhäfen finanziert.

Haben Sie konkrete Beispiele für Finanzierungen der vergangenen Jahre?

Im Energiesektor haben wir die erste Hermes-gedeckte echte Projektfinanzierung für einen Windpark (120 MW Lodos Karaburun) sowie aktuell ein 540-MW-Gas-und-Dampfkraftwerk mit Siemensturbinen finanziert. Weitere Projekte sind Erweiterungsinvestitionen für Kardemir und Habas im Stahlsektor und Limak im Zementsektor; auch finanzieren wir das neue Werk für den türkischen Glasproduzenten Sisecam in Bulgarien, eine Lackieranlage für den Automobilbauer Ford Otosan und die Erweiterung der Metrolinie in Istanbul.

Welches sind dabei die Aufgaben einer Repräsentanz?

Die türkische Wirtschaft hat erhebliche Möglichkeiten und Potentiale. Mit Hilfe der Finanzierungsexpertise der KfW IPEX-Bank kann die Repräsentanz zum Gelingen wichtiger Projekte beitragen. Da die Finanzierung oft ein ganz wichtiger Erfolgsfaktor ist, braucht man Profis und einen verlässlichen Partner. Aufgabe der Repräsentanz ist es, hier direkt vor Ort als Kontaktstelle zur Verfügung zu stehen. Zusätzlich beobachten wir in der Repräsentanz volkswirtschaftliche und sektorale Entwicklungen und unterstützen die Frankfurter Spezialisten bei der Betreuung laufender Finanzierungen. Eine Repräsentanz bewegt sich dabei allerdings in einem engen rechtlichen Rahmen.

Wo sehen Sie die Schwerpunkte für die kommenden Jahre?

Wir wollen auf unserer Stärke im Energiesektor aufbauen. Sowohl thermische als auch Windkraftwerke bieten dabei viel Potential aufgrund der massiven Ausbauerfordernisse und der guten Marktposition der deutschen Industrie. Das Gleiche gilt für den Stahl- und den Zementsektor, wo wir ebenfalls mit vielen Kunden über ihre Investitionspläne sprechen. Daneben sehen wir echte Chancen im Industriebereich: Wenn türkische Exporteure bereits so stark sind, dass sie jetzt in Nachbarländern und in Deutschland Kapazitäten aufbauen wie etwa Sisecam, gibt es hier sicherlich auch viel Finanzierungsbedarf.

Letztlich sind wir aber auch offen für andere Branchen wie Infrastruktur, Transport und Handelsfinanzierung. Gute Projekte werden auch hier immer das Interesse und Engagement unserer Finanzierungsexperten in Frankfurt am Main finden. Außerdem werden wir uns in den nächsten Jahren das Potential der Nachbarländer der Türkei genauer ansehen.

Was reizt Sie persönlich an Ihrer neuen Aufgabe in der Repräsentanz?

In den letzten neun Jahren habe ich als Sektorspezialist der KfW IPEX-Bank viele Finanzierungen weltweit, u.a. in Südafrika, Brasilien, Costa Rica, Israel, Vietnam, Deutschland und der Türkei, betreut. Meine neue Aufgabe ist eine spannende Erweiterung von der intensiven Prüfung aller Risiken und Chancen eines Einzelvorhabens hin zur Marktbeobachtung und Betreuung verschiedener Branchen. Durch fünf abgeschlossene Projekte in der Türkei war mir das Land bereits gut bekannt: Ich habe in der Vergangenheit sowohl die professionelle Kompetenz als auch die pragmatische und positive Lebenseinstellung der türkischen Partner geschätzt. Nun bot sich in Istanbul die Gelegenheit, in einer der dynamischsten Städte und Volkswirtschaften Europas zu leben und zu arbeiten und die Türkei wirtschaftlich ein Stück weiter voranzubringen: Wer hätte zu dieser Aufgabe nicht ja gesagt?

Kontakt: thomas.selzer[at]kfw.de

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