Indiens Megacitys sind teuer und infrastrukturell überfordert. Doch es gibt alternative Standorte für deutsche Mittelständler, die sich in Indien engagieren wollen. Zum Beispiel Surat, die achtgrößte Stadt des Landes, von der nur die wenigsten Unternehmer in Deutschland schon gehört haben dürften. Das Zentrum der Diamanten- und Textilindustrie gilt als sauber und effizient – nicht zuletzt dank einer gut organisierten und voll digitalisierten Stadtverwaltung.

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Die Beschwerde ging online auf dem Server der Stadtverwaltung ein. Seit Tagen werkelt ein städtischer Bautrupp auf der anderen Straßenseite, um Leitungen für automatische Wasserzähler zu verlegen. „Die Baustelle kommt einfach nicht voran“, erzählt Snehal Shah. Deshalb hat er per Smartphone-App die Stadtverwaltung informiert. Die hat ihm auf dem gleichen Weg eine Beschwerdenummer zugeschickt, mit der er nachhaken kann, falls die Sache nicht bald erledigt ist.

Die App ist der übliche Kommunikationsweg, den viele Bürger von Surat mit ihrer Stadtverwaltung pflegen. Jüngst hat Shah einen toten Hund auf dem Bürgersteig vor seinem Architektenbüro gemeldet. Es hat keine drei Stunden gedauert, dann war der Kadaver verschwunden – entsorgt von der städtischen Straßenreinigung. Ob Geburtsurkunde, Beantragung von Reisepass oder Infos aus dem Katasteramt, alles läuft über die App der Stadtverwaltung, der „Surat Municipal Corporation“. Selbst Steuerangelegenheiten kann jeder so abwickeln.

Die Zeit ist in Indien nicht stehengeblieben

In Deutschland ist eine digitale Kommunalverwaltung in diesem Umfang bislang noch nicht üblich. Dennoch fühlen sich viele Deutsche den Indern überlegen. Hunger, Slums, Chaos, Dreck, nicht zu vergessen Vergewaltigung – das ist das weitverbreitete Bild; im besten Fall kommen noch Farbenpracht, Gewürze und Bollywood hinzu. Dass auch in der größten Demokratie der Welt die Zeit nicht stehengeblieben ist, registrieren nur wenige. Entsprechend zögerlich agieren vor allem mittelständische Unternehmen. Indien hat 2017 Waren im Wert von 8,5 Mrd EUR nach Deutschland exportiert, umgekehrt waren es 10,7 Mrd EUR. Ein überschaubarer Betrag angesichts einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen.

Dabei ist Indien nicht zuletzt angesichts der Reformen der seit 2014 amtierenden Regierung unter Premierminister Narendra Modi auf gutem Weg, auch wenn das Wirtschaftswachstum mit laut Weltbank 7,1% im vergangenen Jahr unter den Erwartungen geblieben ist. Doch trotz aller Probleme – allen voran mangelnde Infrastruktur und Korruption – hat sich Indien zum Hightechland entwickelt.

Deutsche Unternehmen findet man in den bekannten Wirtschaftsmetropolen Mumbai, Neu-Delhi, Bengaluru und Pune, Letztere ist das indische Zentrum der deutschen Automobilindustrie. „Doch diese Städte platzen förmlich aus allen Nähten und sind inzwischen unbezahlbar“, sagt Amit Kalra. Der Deutsche mit indischen Wurzeln ist in Surat Leiter Business Development des Werkzeugherstellers Hilti. Zuvor hat er in der Zentrale in Liechtenstein gearbeitet, davor wiederum bei Umicore im hessischen Hanau.

Hohe Lebensqualität

Den Umzug in eine der genannten indischen Megacitys hätte er sich wohl lange überlegt, für Surat war er dagegen gleich Feuer und Flamme. „Die Lebensqualität ist hier eine der höchsten in ganz Indien“, schwärmt er. Das sieht man der Stadt freilich nicht an. Mit westlichen Augen betrachtet, ist sie so gesichtslos wie alle anderen indischen Städte. Doch nur weil man die Vorzüge nicht sieht, heißt das nicht, dass sie nicht da sind. „Wenn sich deutsche Mittelständler entscheiden, in Indien zu investieren, kann ich nur empfehlen, Surat als Standort in Erwägung zu ziehen“, so Kalra.

Surat ist wohl nur den wenigsten bekannt, auch wenn es mit rund 6 Millionen Einwohnern die achtgrößte Stadt Indiens ist. Sie liegt im Bundesstaat Gujarat, gut 300 km nördlich von Mumbai. Etwa 90% der weltweit gehandelten Diamanten werden in Surat geschliffen und poliert. Der andere große historisch gewachsene Wirtschaftssektor ist die Textilindustrie. Allein 60% der gesamten Polyesterproduktion für den indischen Markt findet hier statt. Ein paar Daten, die kaum dem deutschen Indien-Bild entsprechen dürften: Fast 90% der Suratis können lesen und schreiben, die Arbeitslosenquote tendiert gegen null. Slums gibt es praktisch nicht. Surat ist die reichste Stadt des Landes, noch vor Bengaluru und Chennai, die jährliche Wirtschaftsleistung dürfte derzeit bei umgerechnet rund 42 Mrd EUR liegen (zum Vergleich: Frankfurt am Main erwirtschaftet über 60 Mrd EUR).

Investitionen gewünscht

„Unter den indischen Großstädten gehört Surat mit seinem Umland sozusagen zu den ‚Hidden Champions‘“, sagt Kalra. „Die Grundstückspreise in einem Radius von gut 50 km um Surat herum betragen vielleicht ein Zehntel von denen in Mumbai oder Bengaluru.“ In Hazira haben sich heimische und internationale Unternehmen der Stahl- und Verteidigungsindustrie angesiedelt, Ankleshwar und Vapi sind Zentren der Chemie- und Pharmaindus-trie, wo zum Beispiel auch Bayer und die Heubach-Gruppe vertreten sind. Die Verkehrsinfrastruktur ist bestens: Die Straßen sind breiter und intakter als anderswo, die Metro wird in ein paar Jahren rollen, ein neuer Hafen ist im Bau. Und der Flughafen soll bald auch internationalen Anschluss haben.

Gute Voraussetzungen für Investitionen, die durchaus gewünscht sind. „Nach Jahrzehnten der Konzentration auf das Diamanten- und Textilgeschäft soll sich Surats Wirtschaft weiter diversifizieren“, sagt Hetal Metha, Vizepräsident des Southern Gujarat Chamber of Commerce. Raum und Chancen gibt es für viele Branchen: das produzierende Gewerbe, Pharma und Chemie, Ingenieur- und Bauwesen. Als Architekt kann zum Beispiel Snehal Shah anhand seiner Bauaufträge die wirtschaftliche Entwicklung gut einschätzen: „Surat ist auf dem Weg zum ‚Krankenhaus-Hub‘. Die medizinische Behandlung ist hierzulande viel günstiger und gilt vielen auch als besser im Vergleich zu Europa oder den USA. Und dafür müssen wir in Surat die entsprechende Infrastruktur bereitstellen, um ein Wohlfühlumfeld anbieten zu können.“

Einig sind sich Wirtschaftsvertreter über die generellen Pluspunkte, die die Stadt auszeichnen: Surat wurde als drittsauberste Stadt des Landes ausgezeichnet und gilt als eine der sichersten. Es gibt bestens ausgebildetes Personal. Für Unternehmer besonders interessant: Es gibt keine Gewerkschaften. Während in vielen anderen indischen Bundesstaaten streikende Arbeiter fast schon zum Straßenbild gehören, müssen das Arbeitgeber hier nicht fürchten. Den Grund beschreibt Amit Kalra so: „Das Leben hier ist ‚easy going‘ und das Einkommen überdurchschnittlich hoch. Die Menschen sind mit sich und ihrer Lebensart zufrieden, zugleich jedoch offen für alles Neue, auch für neue Wirtschaftskontakte.“

Wirtschaftsfreundliche Politik

Das liegt auch an der wirtschaftsfreundlichen Politik, die Gujarats Landesregierung betreibt. Statt Unternehmen bürokratische Steine in den Weg zu legen, wie es in etlichen Bundesstaaten noch gängige Praxis ist, empfängt man sie hier mit offenen Armen. „Europäische Investoren sind die ‚Key-Stakeholder‘ der Wirtschaft von Gujarat“, betont Mamta Verma, die Industriebeauftragte (Industries Commissioner) der Landesregierung. Die alle zwei Jahre in der Hauptstadt Gandhinagar stattfindende Industriemesse „Vibrant Gujarat“ kann sich mit mehr als 2.000 Ausstellern und 1 Million Besuchern aus aller Welt durchaus sehen lassen.

Doch während Amerikaner, Japaner, Chinesen, Skandinavier und Briten hier reichlich Geschäfte anbahnen, machen sich die Deutschen rar. Das unter ihnen vorherrschende Bild von Indien als einem armen Entwicklungsland verbaut ihnen große wirtschaftliche Chancen. Wer dennoch den Schritt auf den Subkontinent wagt, könnte in Surat die betrieblichen Kopfschmerzen vermeiden, die die indischen Megacitys inzwischen auslösen.

mheide@heide-international.com

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