Etwa jedes dritte deutsche Auto wird mittlerweile nach China verkauft. Damit stellt China einen der wichtigsten Märkte für die deutsche Automobilindustrie dar. Politische Unterstützung treibt die schnelle Entwicklung der Elektromobilität in China.

Vom Reich der Fahrräder zum Reich der Elektromobilität: Chinas Wirtschaft entwickelt sich rasant im Bereich der neuen Technologien.

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Zum 40-jährigen Jubiläum der den Markt öffnenden Reformen von Deng Xiaoping im Jahr 2018 wird klar: Chinas Wirtschaft hat einen gewaltigen Entwicklungsweg beschritten. China ist dabei nicht mehr nur die arbeitsintensive Werkbank der Welt. Der Ausbau einer hochmodernen Infrastruktur, die fortgeschrittene digitale Entwicklung, der Einsatz von künstlicher Intelligenz – das Reich der Mitte hat es durch technologische Innovationen und wirtschaftliche Anpassungsleistungen in den vergangenen Jahren geschafft, sich seinen Platz in den vorderen Reihen der Weltwirtschaft nachhaltig zu sichern.

Das stetig wachsende BIP sorgt dabei auch für höhere Einkommen breiterer Bevölkerungsschichten und eine steigende Nachfrage nach Investitions- und Konsumgütern. So verfügt China mittlerweile in der Automobilbranche über den größten Absatzmarkt weltweit. In den vergangenen 20 Jahren sind die absoluten Zahlen an nach China verkauften Fahrzeugen stetig gewachsen. Gerade für Deutschland ist das wichtig: Etwa jedes dritte deutsche Auto wird mittlerweile nach China verkauft. Damit stellt China einen der wichtigsten Märkte für die deutsche Automobilindustrie dar.

Entwicklung des Automobilmarktes

Nach einem Höhepunkt von insgesamt 28,9 Mio verkauften Autos im Jahr 2017 verzeichnete China 2018 einen Rückgang der Autoverkaufszahlen um 6%. Eine Ursache sind die Spannungen zwischen den beiden Großmächten China und USA. Der Rückschlag im chinesischen Markt wirkt sich weltweit auf die Automobilindustrie aus: Der im Handelsstreit auferlegte Importzoll für Fahrzeuge aus den USA betrifft sowohl die einheimische als auch die ausländische Produktion. Der Markt zieht dabei offenbar die Europäer deren amerikanischer Konkurrenz vor. Während die größten US-Hersteller General Motors (GM) und Ford spürbare Rückgänge zu verzeichnen hatten, legten deutsche Autobauer zu und kamen in China zuletzt auf einen Marktanteil von knapp 24%.

Wende hin zur Elektromobilität

Allerdings kommt die Produktion herkömmlicher Verbrennungsmotoren mittlerweile unter Druck. Der Fokus der Autohersteller liegt weltweit zunehmend auf der Bereitstellung sogenannter New Energy Vehicles (NEV). Dazu zählen sowohl Plug-in-Hybride als auch batteriebetriebene Autos. Bei diesen Antriebstypen beschleunigte sich das Wachstum signifikant: Weltweit stiegen die Neuzulassungen von NEVs im Jahr 2018 um 75%. Die USA und China gelten im Bereich der Elektromobilität als Markttreiber. In absoluten Zahlen liegen in China bisher insgesamt 2,6 Mio Zulassungen für Elektroautos vor, in den USA beläuft sich die Zahl auf 1,1 Mio. Damit halten Elektroautos in China einen Marktanteil von 5% und in den USA einen von rund 2%. Hier spielen auch die chinesischen Hersteller mittlerweile eine große Rolle: Auf den führenden US-Hersteller Tesla folgen bereits die beiden chinesischen Autobauer BYD und BAIC im weltweiten Vertrieb.

Innovationsstärke Chinas

Der chinesische Markt weist das größte Wachstum für alternative Antriebe auf und liegt fest in den Händen einheimischer Hersteller. Neben den beiden Marktführern BYD und BAIC sind auch Dongfeng, Geely, Chery, Changan oder GreatWall zu nennen. Dabei geht es den chinesischen Autobauern bei der Entwicklung von Elektroautos nicht nur um die Antriebsart: Neben der Technik stehen auch Qualität und Design im Mittelpunkt. Hier wird sich stark an der Ausstattung von Fahrzeugen mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren orientiert. Das Gesamtpaket muss dabei mit Blick auf die Inlandsnachfrage im Preis-Leistungs-Gefüge erschwinglich bleiben.

So brachte BYD den SUV-7-Sitzer „Tang“ hervor, benannt nach der chinesischen Dynastie. Das Vorzeigemodell des Autobauers steht in der Qualität, der Ausstattung und dem Design einem deutschen Modell mit herkömmlichem Verbrennungsmotor, wie z.B. dem Audi Q8, kaum nach. Die Kosten für den „Tang“ belaufen sich indes auf rund die Hälfte im Vergleich zum deutschen Wagen. Auch Geely kündigt ambitionierte Pläne an und möchte bis 2020 die Entwicklung von rund 30 neuen Elektro- und Hybridmodellen vorantreiben. Dafür plant der Autobauer zurzeit die Errichtung eines 5 Mrd EUR teuren Produktionskomplexes in der Provinz Zhejiang.

Treibende Faktoren

Politische Rahmenbedingungen unterstreichen die schnelle Entwicklung des Elektromobilitätsmarktes in China. Die Förderung von Elektro- und Hybridautos wird ab 2019 durch eine vorgeschriebene Quote in der Volksrepublik unterstützt. Autobauer sollen dabei eine 10%-Quote erfüllen, die ab 2020 voraussichtlich auf 12% steigen soll. Damit stellt die Regierung die Weichen für den Aufschwung der Branche. Primär steht hierbei das Ziel der Verringerung der Luftverschmutzung in den Städten im Vordergrund. Weiterhin werden die Unabhängigkeit Chinas sowie die Erschließung eines neuen Marktes vorangetrieben. Vor diesem Hintergrund findet sich neben dem Handelsstreit eine weitere Erklärung für den Rückgang des „traditionellen“ Automobilabsatzmarktes im Jahr 2018: Im Kontrast dazu steht nämlich der immense Aufschwung des Marktes für alternative Antriebe in China.

Umschwung für Europa

Auch bei den deutschen Autobauern ist der Umschwung in der Branche durchaus spürbar. Neben Tesla, BYD und BAIC gewinnen auch deutsche Hersteller wie BMW, Daimler und Volkswagen an Bedeutung. Die Tendenz geht vor allem in Richtung von Joint Ventures, um Anteil am chinesischen Markt zu haben. Ausländische Autokonzerne sind in China zwingend auf Partnerschaften mit chinesischen Unternehmen angewiesen. Doch auch in diesem Bereich kommt es zu Öffnungen. Die Volksrepublik ließ den Joint-Venture-Zwang für die Produktion von Elektroautos bereits im vergangenen Jahr fallen, für Nutzfahrzeuge und Pkw wird dies in den kommenden Jahren erwartet. So wird BWM 2022 mehrheitlich das deutsch-chinesische Unternehmen BMW Brilliance Automotive (BBA) vom Partner Brilliance übernehmen. Damit würde die Mehrheit am gemeinsamen Unternehmen erstmalig auf Seiten eines ausländischen Partners liegen. Mit einer Lockerung der chinesischen Richtlinien würde sich in Zukunft für Investitionen europäischer Autobauer zunehmend neuer Raum ergeben.

Auswirkungen auf die Zulieferindustrie

Die Umbrüche in der Automobilbranche wirken sich nicht nur auf lokale Autobauer aus. Auch die weltweite Zulieferindustrie wird in großem Maße davon betroffen sein. Von einem wachsenden Markt der Elektromobilität werden vor allem Zulieferer von Komponenten wie Sitzen, Scheiben, Gurten, Reifen, Bremsen etc. profitieren. Ein gegenläufiger Trend ist für die Zulieferer von Getriebeteilen und Motoren zu erwarten, die sich einschränken und zunehmend auf neue Märkte konzentrieren müssen.

Gerade im Ausbau von bestehenden und der Etablierung von neuen Handelsbeziehungen bietet es sich für die Hersteller an, auf das länderspezifische Know-how von Experten zurückzugreifen. Im Rahmen von Handels- und Exportfinanzierung greift ODDO BHF auf ein breitaufgestelltes Netzwerk an Korrespondenzbanken in China und weltweit zurück.

Trends der Zukunft

Sowohl bei Hybrid- als auch bei Elektroautos wird die Entwicklung von funktionalen und langlebigen Batterien die Hersteller in Atem halten. Dabei dominiert BYD bereits den Batteriemarkt und weitet seine Produktion weltweit aus. In Thüringen eröffnet zudem der chinesische Hersteller CATL eine der größten Batteriezellenfabriken Europas. Alternativ zur Elektromobilität stehen auch schon weitere Antriebsformen durch Wasserstoff, Biogas und auch Erdgas in den Startlöchern zur Weiterentwicklung. Zudem wird im Mobilitätskonzept der Zukunft der Ansatz verfolgt, das Auto nicht mehr als individuelles, sondern als kollektives Fortbewegungsmittel zu nutzen. Dabei spielt das autonome Fahren eine zentrale Rolle, das in einer ausgereiften Form einen Beitrag zu zukünftigen Carsharingmodellen leisten soll.

weijun.yin@oddo-bhf.com

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