Auf der Suche nach neuen Absatzchancen im Ausland führt der Weg zunehmend in Länder außerhalb der OECD. Hier wie dort ­bietet der Schutzschirm staatlicher Ausfuhrkreditversicherungen die Möglichkeit, einen Kredit für den Besteller der Ware aus ­mehreren Quellen zu organisieren. Damit lassen sich nicht nur Engpässe in der Kreditvergabe vermeiden, sondern auch Krisen­folgen wirksam abfedern.

Von Holger Weiß, Vice President Principal Expert ECA Finance, KfW IPEX-Bank

Die entwickelten Länder in Europa und auch die USA ächzen unter den sich ablösenden Finanz- und Wirtschaftskrisen. Wachstumsaussichten werden nach unten korrigiert und die Menschen von den Politikern auf härtere Zeiten vorbereitet. Wie die anhaltende Welle der Herabstufungen der Länderratings von EU- und anderen OECD-Staaten zeigt, verschlechtern sich aktuell weltweit die Länderisiken insbesondere der in der sogenannten „entwickelten Welt“.

An den meisten Schwellenländern, insbesondere an den BRIC-Staaten, scheint der Abwärtstrend derzeit zwar nicht ganz vorbeizugehen. Doch er verläuft mit einer derart gebremsten Dynamik, dass die zahlreichen Großunternehmen in Schwellenländern ihre geplanten Expansionsprogramme nur selten zurückfahren. Oft wird im Gegenteil im Vertrauen auf zukünftige Wachstumsdynamik und mit dem Ziel der Weltmarktführerschaft die Expansion gerade jetzt intensiver denn je vorangetrieben. Es gibt also nach wie vor Großprojekte auf der Welt, auch zum Nutzen deutscher Exporteure.

Für die Finanzierung von Exporten bedeuten diese beiden Trends – Verschlechterung von bislang guten Länderrisiken einerseits und anhaltendes Wachstum in den Schwellenländern andererseits – eine stetige Zunahme des Bedarfs an Absicherung der einzelnen Finanzierungspakete. Erste Wahl für alle Exportfinanzierer sind hier die bekannten Absicherungsprodukte der staatlichen Exportkreditversicherer oder neudeutsch „Export Credit Agencies“ (ECAs). In Deutschland ist diese Absicherungsform auch als „Hermesdeckung“ seit Jahrzehnten ein fester Begriff in der Exportfinanzierung und -absicherung.

Sowohl für Besteller aus Schwellenländern als auch für Importeure aus den krisengeschüttelten OECD-Staaten gilt auch, dass der Zustand der internationalen Bankenlandschaft die Nachfrage nach ECA-Deckungen weiter vergrößert. Dennoch war bei den Banken noch nie – und dies gilt uneingeschränkt auch für die Exportfinanzierungshäuser – das Eigenkapital so knapp wie heutzutage. Auch freier Limitspielraum für die in Rede stehenden Großkunden ist eine sehr knappe Ressource geworden. In den vergangenen Monaten ist zudem die Zahl der Anbieter von langfristigen Finanzierungen gerade in US-Dollar deutlich zurückgegangen, da immer mehr Banken hier auf Refinanzierungsschwierigkeiten stoßen.

Für einen Besteller mit einem großen und nachhaltigen Expansionsprogramm, der zudem seinen Finanzierungsmix optimieren möchte oder muss, wird ein Teil der Expansion auch mit Hilfe der ECA-Deckungen über Bankkredite zu finanzieren sein. Für diese Bankkredite wird im oben geschilderten Umfeld nicht ein einziger Finanzier verantwortlich zeichnen, sondern mit ziemlicher Sicherheit wird ein ganzes Konsortium zusammengestellt. Sowohl für Unternehmen in OECD- als auch solchen in Schwellenländern gilt dabei, dass diese Bankkonsortien handhabbar bleiben müssen, nicht zuletzt auch deshalb, weil auch die Zeit nach wie vor eine Rolle spielt. Nur mit Hilfe von ECA-Deckungen sind derzeit solche schlagkräftigen internationalen Bankkonsortien überhaupt machbar. Nur die ECA-Deckung löst für die Banken die Knappheitsprobleme bei Kapital und Limitspielräumen.

ECAs erfahren eine extrem hohe Nachfrage: Alle genannten Trends schlagen sich bei den ECAs weltweit in stark steigenden Neugeschäftszahlen nieder. So stieg beispielsweise das Neugeschäftsvolumen der deutschen Hermesdeckungen 2010 auf den Rekordbetrag von mehr als 32 Mrd EUR. Dieser Trend setzte sich 2011 ungebrochen fort. Bei langfristigen Finanzierungsgeschäften, wie sie für den Großanlagenbau typisch sind, verstärkte er sich sogar.

Naturgemäß werden vor diesem Hintergrund auch Kunden bedient, für die der ECA-gedeckte Bestellerkredit Neuland darstellt. Solche Kunden sind oft zu Recht sehr selbstbewusst und haben aufgrund ihrer makellosen Wachstumsgeschichte hohe Anforderungen an die angebotenen Finanzierungspakete. Auf die Banken kommt daher bei der Vergabe von ECA-gedeckten Bestellerkrediten auch die Aufgabe zu, die Erwartungen des Bestellers in die richtige Richtung zu managen. Hierbei scheint folgendes von Interesse zu sein:

1. Nicht den richtigen Zeitpunkt ­verpassen, auf ECAs zuzugehen

Ausländische Großunternehmen haben oft hohe Ansprüche an sich selbst aber auch an Lieferanten (= Exporteure) und an ihre Finanziers. Teilweise möchte man unter Umständen bei der Durchführung der Projekte soviel wie möglich selbst in der Hand behalten. Hier ist notwendig, deutlich zu machen, dass ECA-gedeckte Finanzierungen ein gewisses Maß an nationalen Exporten voraussetzen, denn der Kunde der ECAs ist immer der jeweilige Exporteur. Sobald dieser feststeht, sollten er oder die Bank mit der zuständigen ECA Kontakt aufnehmen, damit die dort bestehenden Abläufe so durchlaufen werden können, dass allen Parteien damit gedient ist.

2. Regeln kennen und nicht von ihnen überrascht werden

Jedem ausländischen Besteller, der über ECA-gedeckte Bestellerkredite nachdenkt, sollte klar sein, dass ECAs international abgestimmten Regeln folgen. Diese Regeln sind als „OECD-Konsensus“ bekanntgeworden. In den EU-Ländern sind sie sogar in bindendes nationales Recht transformiert worden. Daher sind die OECD-Regeln für keinen Besteller dieser Welt abänderbar. Darüber hinaus können individuelle Gesetzeslagen in den jeweiligen Exportnationen, z.B. das nationale Haushaltsrecht, bestimmte Eckwerte einer ECA-gedeckten Finanzierung vorgeben. Bei Finanzierungen in EU- und OECD-Ländern ist außerdem zu beachten, dass die internationalen Regeln den ECAs einen „Markttest“ vorschreiben, was letztlich bedeutet, dass die Finanzierungskosten einer ECA-gedeckten Lösung die Kosten einer nicht ECA-gedeckten Alternative nicht unterschreiten dürfen.

Besteller, die ihren Finanzierungsmix (auch) mit Hilfe von ECA-gedeckten Bestellerkrediten optimieren wollen, sollten die arrangierende Bank mit Bedacht wählen, um das Finanzierungsschiff sicher um die bestehenden Regelklippen herum navigieren zu können. Ebenso sollten sie auch den Exporteur als gleichberechtigte dritte Partei anerkennen und frühzeitig ins Boot holen, denn ohne Exporte gibt es keine Finanzierung und ohne Finanzierung keine Expansion.

Textkasten: Exporteure verhalten optimistisch

In seiner jährlichen Befragung zu den Auslandsaktivitäten deutscher Unternehmen registrierte der DIHK Anfang 2012 eine abnehmende Zahl positiver Lageeinschätzungen. Die 3.200 befragten Unternehmen äußerten jedoch die Hoffnung, dass sich die Situation in den Auslandsmärkten im Jahresverlauf 2012 bessert. Die Studie ist unter www.dihk.de veröffentlicht.

Wichtigster Absatzmarkt bleibt Westeuropa. Trotz der Schuldenkrise in einigen der EU-Staaten soll der Export weiter ausgebaut werden. Hohe Kaufkraft, räumliche Nähe, stabile Rahmenbedingungen und eine der deutschen ähnliche Rechtssituation bieten ein sicheres Geschäftsumfeld.

Als wichtigste Rahmenbedingungen für den Außenhandel gelten ein freier Marktzugang, politische Stabilität, Wechselkursstabilität und Rechtssicherheit. Da die Einhaltung dieser Bedingungen sowohl in Russland und den GUS-Staaten als auch in Nordafrika ungewiss ist, gehen deutsche Unternehmen den Ausbau der Geschäfte in diesen Ländern eher zögerlich an.

Das größte Wachstumspotential weisen die übrigen BRIC-Staaten auf, angeführt von China und Brasilien. Auch Indien und Südostasien bieten mit neuen Freihandelsabkommen, Zollsenkungen und einer wachsenden Mittelklasse neue Absatzchancen. Die Türkei wird trotz des hohen Leistungsbilanzdefizits als Handelspartner positiv bewertet. Ein ähnliches Bild zeigt sich in den USA, deren leichter Konjunkturaufschwung der hohen Verschuldung jedoch zum Opfer fallen könnte.

Kontakt: holger.weiss[at]kfw.de

Aktuelle Beiträge