Auch wenn die deutschen Exporte gerade die Umsatzmarke von 1 Billion EUR übersprungen haben: Die Zeiten werden härter. Zum einen führt die internationale Finanzkrise zu erschwerten Marktbedingungen. Zum anderen stellt das neue Regelwerk Basel III, das Geldinstituten höhere Eigenkapitalquoten und Liquiditätsstandards verordnet, die Wirtschaft vor zusätzliche Herausforde­rungen. Nun gilt es, Finanzierungslösungen jenseits des klasssischen Bankkredits zu prüfen.

Von Claudia Hussy, Head of Working Capital Solution Team Deutschland, Deutsche Bank AG

Viele Firmen befürchten, dass die betriebliche Finanzierung künftig teurer und sich die Zahl der kreditgebenden Banken insgesamt weiter reduzieren wird. Denn der Druck auf die Banken wächst, die Vorgaben von Basel III schon 2013 zu erfüllen. Nicht zuletzt deshalb legen die Geldhäuser bei der Kreditvergabe noch stärker als bisher Wert auf eine gute Bonität. Dies zwingt die Unternehmen hierzulande zum Handeln, um ihre Finanzierung zu diversifizieren und aktiver zu gestalten. Umso mehr, weil sie in erheblichem Maße von den Banken abhängig sind. Zum Vergleich: Während sich Firmen in Deutschland zu 70 bis 80% über Banken finanzieren, beträgt die Quote in den USA gerade mal 30%. Dank dieser Flexibilität bei der Kapitalbeschaffung können amerikanische Unternehmen im Bedarfsfall schnell agieren und so ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern.

Damit ist die Vorgabe für die künftige Unternehmensstrategie in Deutschland klar. Ab sofort gilt es, sich auf die kommende Entwicklung einzustellen. Vorrangige Aufgabe muss nun sein, konsequent an einem verbesserten Rating sowie der Erschließung von alternativen Finanzierungsquellen zu arbeiten. Ein professionelles Working-Capital-Management gehört dabei zu den wichtigsten Instrumenten in der Unternehmensfinanzierung. Intelligent umgesetzt, hilft es, Liquiditätsreserven zu mobilisieren und die Eigenkapitalquote nachhaltig zu verbessern. Letztendlich trägt ein erfolgreiches Working-Capital-Management entscheidend zu einer spürbaren Steigerung des Unternehmenswertes bei. Wie das Ergebnis solch einer konzentrierten Optimierung ausfällt, lässt sich an Zahlen messen. So ist durch den wirksamen Eingriff in die drei Aktionsfelder Lagerhaltung, Forderungsmanagement und Verbindlichkeiten gemäß unserer Erfahrungen, welche auch durch unabhängige Marktstudien bestätigt wurden, eine Minderung der Kapitalbindung im Umlaufvermögen zwischen 10% und 30% durchaus realistisch. In der Praxis heißt das, ein Unternehmen setzt beispielsweise seinen Kunden kürzere Zahlungsfristen, gleicht die eigenen Verpflichtungen gegenüber seinen Lieferanten später aus und baut die Lagerbestände ab. Auf diese Weise wird der Kapitalzufluss beschleunigt, der Abfluss dagegen verlangsamt. Darüber hinaus besteht die Option, das Mahn- und Inkassowesen an spezielle Dienstleister zu übertragen. Das Outsourcing dieses Bereichs aus der betriebsinternen Organisation versetzt die Firma in die Lage, sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren und zugleich Personal, Zeit und Aufwand einzusparen.

Die Summe der verschiedenen effizienzsteigernden Maßnahmen im Rahmen der sogenannten Financial Supply-Chain wirkt sich zudem positiv auf die Bilanzkennzahlen aus, die bei Unternehmensratings herangezogen werden. Dazu zählen die Außenstandstage der Verbindlichkeiten DPO (Day Payables Outstanding), die Zeitspanne der ausstehenden Forderungen DSO (Days Sales Outstanding) sowie die Dauer der Lagerhaltung DIO (Days Inventory Outstanding). Mit den freigesetzten Mitteln können nicht nur Kredite zurückgeführt, sondern auch Zinskosten gesenkt und die Profitabilität des Unternehmens gesteigert werden.

Bewährtes Werkzeug für eine aktive Liquiditätssteuerung ist der Verkauf von Buchforderungen. Factoring bietet dabei mehrere Gestaltungsvarianten. Beispielsweise kann die Abtretung offen oder still erfolgen, wobei derzeit in Deutschland die zweite Variante bevorzugt wird. Auch deshalb, um mögliche Negativreaktionen der Schuldner zu vermeiden. Denn immer noch ist in Teilen der Wirtschaft die Wahrnehmung verbreitet, dass der Verkauf von Forderungen an Dritte nur als Notfalllösung zum Einsatz kommt, falls andere Finanzierungsquellen versiegen. Im europäischen Ausland wird dagegen sehr gerne zur Offen-Variante gegriffen, da hierbei der Schuldner nicht selten von verlängerten Zahlungszielen profitiert.

Trotz mancher Vorbehalte befindet sich der Verkauf von Forderungen weiter auf dem Vormarsch. So hat sich das klassische Inhouse-Factoring, bei dem Mahnwesen und Debitorenmanagement beim Forderungsverkäufer verbleiben, inzwischen zu einem festen Bestandteil im betrieblichen Finanzierungsmix entwickelt. Die Hauptnutzer sind vor allem in Handel und Industrie zu finden; allerdings fällt auf, dass kleinere Unternehmen aus Unkenntnis bislang wenig auf diese Möglichkeit der unkomplizierten Geldbeschaffung zurückgreifen.

Die Motive, Factoring in Anspruch zu nehmen, lassen sich laut einer aktuellen repräsentativen Umfrage der Universität Köln unter deutschen Unternehmen folgendermaßen aufschlüsseln: Für über 90% der Befragten stehen die Sicherung der Liquidität und die Schaffung einer stabileren Finanzierungsbasis im Vordergrund. Als zweithäufigster Grund wird die größere Unabhängigkeit von klassischen Bankkrediten genannt. Eine fast ebenso wichtige Rolle spielt der Schutz vor Zahlungsausfällen, gefolgt von dem Wunsch nach Erhöhung der Eigenkapitalquote. Praktisch führte die verbesserte Risikosituation, die mit Hilfe des Factorings erreicht wurde, bei rund einem Drittel der Unternehmen zu einem besseren Rating und damit zu günstigeren Kreditkonditionen.

Gerade im Exportgeschäft, wo zumeist längere Zahlungsziele vereinbart werden, ist der Forderungsverkauf eine interessante Spielart, die dem Unternehmer zusätzlich Liquidität verschafft. Und zwar aus gutem Grund: Die betreffende Bank kauft Exportforderungen aus Warenlieferungen oder Dienstleistungen an, die zu einem späteren Zeitpunkt fällig werden. Gleichzeitig übernimmt das Geldhaus auch das wirtschaftliche und politische Risiko aus der Forderung. Sofort nach erfolgter Lieferung oder erbrachter Leistung erhält der Exporteur den Erlös, verfügt damit kurzfristig über mehr liquide Mittel, braucht seine Kreditlinie nicht in Anspruch zu nehmen und kann die Bilanz entlasten. Die Kosten für die Forfaitierung setzen sich in der Regel aus einem risikoabhängigen Diskont sowie der Bereitstellungsprovision zusammen. Üblicherweise können Forderungen mit Laufzeiten von bis zu fünf Jahren forfaitiert werden.

Eine weitere Variante stellt der Verkauf einer Exportforderung dar, die durch die deutsche staatliche Exportkreditversicherung gedeckt ist. Mit dieser „Hermesdeckung“ sichert der Exporteur seine Ausfuhrgeschäfte gegen wirtschaftliche und politische Risiken ab. Dabei wird dank der hohen Deckungsquote von 85% bis 95% die Bonität des Importeurs durch das Rating der Bundesrepublik Deutschland regelrecht ersetzt. Diese Substituierung versetzt den Exporteur in die Lage, auch denjenigen Abnehmern Zahlungsziele zu gewähren, auf die er sonst nicht direkt abstellen könnte.

Zudem bietet die staatliche Ausfuhrdeckung einen zusätzlichen angenehmen Nebeneffekt, denn sie wirkt sich im Vergleich zu Standardforfaitierungen unter Umständen positiv auf die Preisgestaltung aus – allerdings muss abhängig vom Forderungsvolumen ein höherer Aufwand in Kauf genommen werden. Eine wichtige Voraussetzung für diese Art Forderungsverkauf ist die Erweiterung der Einstandspflicht des Verkäufers auf die Obliegenheiten aus der Ausfuhrdeckung gegen Euler Hermes. Sollte die staatliche Exportversicherung im Schadenfall wegen Obliegenheitsverletzungen des Deckungsnehmers von der Entschädigungspflicht entbunden werden, hätte das ankaufende Geldinstitut vollen Regress auf den betroffenen Exporteur. Ein bedeutsamer Aspekt, weshalb solche Transaktionen nicht zwangsläufig als True Sale (bilanzverkürzend) anerkannt werden.

Auch wenn die Finanzierungspartner primär auf die Schuldnerrisiken oder Hermesdeckungen abstellen: Die Bonität des Verkäufers spielt bei der Prüfung solcher Finanzierungsgeschäfte eine tragende Rolle. Neben den genannten Obliegenheitsverpflichtungen kommt es vor allem auf zwei Punkte an. Zum einen muss sichergestellt sein, dass der Forderungsverkäufer sämtlichen Einreden aus dem Grundgeschäft oder Mängelrügen nachkommen kann. Zum anderen ist der Nachweis zu erbringen, dass er eine bereits vorfinanzierte Forderung notfalls aus eigenen Mitteln zurückführen kann, falls die beschriebenen Schmälerungen des Erlöses einträfen.

Kontakt: claudia.hussy[at]db.com

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