Am meisten machen sich die Befragten Sorgen über den Zusammenhalt in der EU. 73% der Befragten sehen hier die größte Herausforderung für Europa. Angesichts des Dauerproblems Brexit sowie nationalistischer Strömungen in verschiedenen Mitgliedsstaaten überrascht dieses Ergebnis nicht.

Die deutsche Wirtschaft ist für Europa von großer Bedeutung. Im Gegenzug profitieren aber auch deutsche Unternehmen vom Europäischen Binnenmarkt. Der dritte Mittelstandsradar der LBBW zeigt, was deutsche Mittelständler über die EU denken.

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Mittelständische Unternehmen wissen Europa zu schätzen. Der Mittelstand hat für Deutschland eine enorme Bedeutung. Als Motor der deutschen Wirtschaft trägt er zu Wohlstand und Wachstum bei. Doch die Erfolgsgeschichte der mittelständischen Unternehmen ist auch eine europäische Geschichte. Europäische Errungenschaften wie der freie Waren-, Personen-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr sind für viele Unternehmen Voraussetzungen des erfolgreichen Wirtschaftens. Zudem bietet die Europäische Währungsunion Absicherung gegen Wechselkursschwankungen, die gerade für kleine und mittlere Betriebe große Risiken darstellen.

Der größte Binnenmarkt der Welt ist für Deutschland die wichtigste Handelsregion: Fast 60% aller deutschen Warenexporte gingen 2018 laut Außenhandelsstatistik in Länder der EU. Gleichzeitig bezog Deutschland 57% seiner Importe aus den übrigen EU-Staaten. Knapp die Hälfte der im Rahmen des Mittelstandsradars befragten Unternehmen hat einen Auslands­anteil von mehr als 10% am Unternehmensumsatz. Nahezu 90% der Unternehmen geben in der aktuellen Mittelstandsumfrage der LBBW (HIER) die Staaten der Euro-Zone als einen der drei wichtigsten Exportmärkte an. Darüber hinaus ist für mehr als ein Fünftel der Unternehmen Mittel- und Osteuropa ein wichtiger Absatzmarkt.

Den Nutzen der Europäischen Union für den eigenen wirtschaftlichen Erfolg bewerten im Mittelstandsradar 62% der Befragten entsprechend hoch oder sogar sehr hoch. Auch die Währungsunion, die den Mittelständlern unter anderem Planungssicherheit gewährt, hat für 56% der Unternehmen einen hohen oder sehr hohen Nutzen. Obendrein hat der Beitrag der EU zum wirtschaftlichen Erfolg in den vergangenen fünf Jahren tendenziell zugenommen. Aus der Befragung geht hervor, dass die Mehrheit der Unternehmen (57%) diesbezüglich keine Veränderung erkennt. Für gut ein Drittel (35,4%) der Befragten ist der wirtschaftliche Nutzen der EU aber gestiegen.

Der europäische Zusammenhalt bereitet dem Mittelstand Sorgen

Die deutschen mittelständischen Unternehmen dürften aber auch selbst entscheidend zum wirtschaftlichen Erfolg Europas beitragen. Mit der Veröffentlichung des „Small Business Act for Europe“ (SBA) im Jahr 2008 hat die EU die Bedeutung des Mittelstands für die europäische Wirtschaft offiziell anerkannt. Ziel des SBA ist es, kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) in Europa zu fördern und zu unterstützen. Dabei möchte die EU vor allem Neugründungen unterstützen, regulatorische Belastungen reduzieren sowie Finanzierungsmöglichkeiten bieten und den Zugang zu internationalen Märkten verbessern. Seit 2011 gehört auch die Unterstützung der Unternehmen beim Fachkräftemangel zum SBA.

Die Mittelstandspolitik Europas spricht damit zentrale Probleme an: Im Mittelstandsradar sehen beispielsweise 54% der Unternehmen den Bürokratieabbau auf europäischer Ebene als eine aktuelle Herausforderung der EU. Mit der Einführung der Datenschutz-Grundverordnung 2018 hat die EU jedoch zuletzt die bürokratische Belastung besonders für kleine und mittlere Betriebe erhöht. Auch die neue Bestimmung zur Arbeitszeiterfassung dürfte die Unternehmen in Zukunft belasten. Laut Mittelstandsradar sehen außerdem knapp 50% der Befragten im Fachkräftemangel eine aktuelle europäische Herausforderung. Eine gemeinsame Finanz- und Steuerpolitik ist für 47% relevant, während eine gemeinsame Handelspolitik nur für 35% der Befragten eine zentrale Herausforderung darstellt.

Der Spitzenplatz wird hingegen von Sorgen um den Zusammenhalt und die Stabilität der EU bestimmt. Mit deutlichem Abstand auf Platz 2 der aktuellen Herausforderungen steht die Verschuldung einzelner EU-Staaten (68%). Die Auswirkungen des griechischen Schuldendramas auf den Euro und die Währungsunion sind wohl weiterhin im Bewusstsein der Befragten. Aktuell bereitet Italien Sorgen: Gemessen an der Schuldenquote, ist es das am zweithöchsten verschuldete Land der EWU.

Am meisten machen sich die Befragten allerdings Sorgen über den Zusammenhalt in der EU. 73% der Befragten sehen hier die größte Herausforderung für Europa. Angesichts des Dauerproblems Brexit sowie nationalistischer Strömungen in verschiedenen Mitgliedsstaaten überrascht dieses Ergebnis nicht. Das mag auch der Grund sein, warum die Mittelständler auf mittlere Sicht mehrheitlich die Begrenzung der EU-Mitgliedsstaaten auf den aktuellen Staatenkreis befürworten. Während sich etwa ein Fünftel der Unternehmen eine Verringerung des Staatenkreises vorstellen kann, stößt eine Ausweitung kaum auf Zuspruch.

Dem Brexit blicken deutsche Mittelständler gelassen entgegen

Die Sorge um den Zusammenhalt der Europäischen Union verweist auch auf die Unsicherheiten, die vom bevorstehenden Brexit ausgehen. Entsprechend leidet das Image des Wirtschaftsstandorts: Das Vereinigte Königreich wird im internationalen Standortvergleich von den Mittelständlern als am wenigsten attraktiv wahrgenommen. Besonders schlecht ­fallen laut Mittelstandsradar die Bewertungen in den Bereichen wirtschaftliche Entwicklung und politische Rahmenbedingungen aus. Damit einher geht eine negative Bewertung des Vereinigten Königreichs als Absatzmarkt und Produktionsstandort. Dabei führt der seit fast drei Jahren andauernde Prozess des Brexits zu stets schlechteren Beurteilungen des Wirtschaftsstandorts.

Gleichzeitig hat die lange Verhandlungszeit es den Unternehmen vermutlich ermöglicht, sich auf die Konsequenzen des Austritts vorzubereiten. So rechnen inzwischen nur 6% der Unternehmen des Mittelstandsradars mit großen Veränderungen in den Wirtschaftsbeziehungen zum Vereinigten Königreich. Knapp ein Drittel erwartet Veränderungen in überschaubarem Ausmaß, und 28% sehen zukünftig keine Veränderungen. Von den Unternehmen, die mit einer Veränderung in den wirtschaftlichen Beziehungen rechnen, erwarten 79% einen Rückgang der Exporte. Einen Rückgang der Importe sehen 71%, zwei Drittel der Unternehmen rechnen mit sinkenden Direktinvestitionen in das Vereinigte Königreich.

Die Außenhandelsstatistik spiegelt diese Erwartungen bereits wider: Seit 2015 sind die deutschen Exporte in das Vereinigte Königreich um 8% und die Importe um 4% zurückgegangen. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Handelsbeziehungen deutscher Unternehmen nach dem Brexit tatsächlich weiterentwickeln werden.

katja.mueller@lbbw.de

www.lbbw.de

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