Der Rückstau an Infrastrukturprojekten in Indien ist immens. Dies bietet gute Absatzchancen für die deutsche und die europäische Exportwirtschaft. Gleichermaßen ist der Finanzierungsbedarf dieser Projekte ungebrochen. Banken sind weiterhin ein wichtiger Pfeiler bei der Umsetzung der Vorhaben. ECA-Finanzierungen können in diesem Marktumfeld die nötigen Finanzierungsmittel bedarfsgerecht und langfristig zu attraktiven Konditionen bereitstellen.

Von Luis-Miguel Gutierrez, Büroleiter Mumbai, KfW IPEX-Bank

Seitdem die Bharatiya Janata Partei unter der Führung von Narendra Modi bei den Unterhauswahlen (Lok Sabha) in Indien eine klare Mehrheit erzielte, hat sich die allgemeine Stimmungslage verbessert. Es wurden hohe Erwartungen geweckt, dass sich das BIP-Wachstum wieder erholt. Wesentliche Wachstumstreiber sind sicherlich der Beginn und die Fertigstellung wichtiger Infrastrukturprojekte. In diesem Zusammenhang wird allgemein erwartet, dass das starke Mandat der neuen indischen Regierung dazu beitragen wird, den Prozess zur Freigabe verzögerter Projekte, für die die notwendigen Reformen bereits von der letzten Regierung angestoßen wurden, fortzusetzen und sogar zu beschleunigen.

Die Sicherung der Finanzierung sowie der rechtzeitige Abschluss der Finanzierungsverträge für die Projekte spielen für den Erfolg der Implementierung der Infrastruktur – und somit auch für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – eine große Rolle. Nach einer Phase mit durchschnittlichem BIP-Wachstum von mehr als 9,0% im Zeitraum 2004–2007 erlebte die indische Wirtschaft mit dem Beginn der globalen Finanzkrise 2008–2009 einen Abschwung. Das reale BIP-Wachstum fiel im vergangenen Geschäftsjahr auf unter 5% und wird sich voraussichtlich erst im laufenden Fiskaljahr nach Hochrechnungen der Regierung auf 5,4% bis 5,9% erholen.

Rückstau beseitigen

Offensichtlich hat in Indien die Situation der vergangenen Jahre und vor allem während des vergangenen Geschäftsjahres zu einer generellen Verlangsamung der Umsetzung von Infrastrukturprojekten geführt. Die Anzahl stagnierender Infrastrukturprojekte ist sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor signifikant hoch. Dies wurde bereits von der letzten Regierung erkannt, die darauf u.a. mit der Einrichtung einer speziellen, dem Premierminister unterstellten Project Monitoring Group (PMG) im Juni 2013 reagierte. Insgesamt hat die PMG über 435 stagnierende vorrangige Projekte mit einem Gesamtwert von rund 20 Bill INR (ca. 232 Mrd EUR) identifiziert, die seit Jahren stagnieren. Bis März 2014 hatte die PMG rund 147 Projekte mit einem Investitionsvolumen von 5 Bill INR (ca. 58 Mrd EUR) freigegeben.

Die Gründe für diesen Rückstau sind zweifellos vielschichtig und nicht nur Engpässen auf Ebene der Zentralregierung zuzurechnen. Wie die einzelfallbezogenen Gründe auch immer aussehen mögen – es ist heute offensichtlich, dass wegen des enormen Rückstaus zur Gewährleistung einer ausreichenden Finanzierung das Erschließen unterschiedlicher Finanzquellen erforderlich ist. Gerade mit Blick auf den von Finanzminister Jaitley im Juli vorgelegten Haushalt wird deutlich, dass ein wesentlicher Teil des Finanzierungsbedarfs vom Privatsektor beigesteuert werden muss. Dies erfordert Maßnahmen, durch die eine ausreichende Eigenkapitalausstattung sichergestellt und im Inland wie im Ausland die Kapitalmärkte erschlossen werden. Die zentrale Finanzierungslast liegt jedoch immer noch auf den in- und ausländischen Banken.

Die Banken hatten als Folge der Finanzkrise und der Abkühlung der Wirtschaft
in den vergangenen Jahren häufig mit einem wachsenden Portfolio notleidender Aktiva zu kämpfen – oder kämpfen noch immer damit. Es ist nur vernünftig, dass die Banken in einer solchen Situa-tion bei ihren Risikobewertungen vorsichtiger werden – oder zumindest sein sollten. Projekte werden daher zukünftig womöglich intensiver analysiert werden müssen.

Rolle der Spezialbanken

Vor diesem Hintergrund könnten in Zukunft Spezialbanken mit Fachkenntnissen der betreffenden Branchen und Produkte eine wichtigere Rolle bei der Infrastrukturfinanzierung übernehmen. Projekte und Bankenkonsortien werden von Kapitalgebern mit fundierten Branchen- und Produktkenntnissen profitieren, da so Fallstricke in frühen Stadien der Projektentwicklung vermieden werden können. Die Einbeziehung versierter Kapitalgeber wird außerdem zu einem rechtzeitigen Abschluss der Finanzierungsverträge und somit zur Vermeidung von Verzögerungen in der Finanzierungsplanung beitragen. Das Herantreten an die Banken in einem frühen Stadium ermöglicht zudem das Erforschen innovativer und vorteilhafter Finanzierungslösungen, die den Projektanforderungen gerecht werden. Dies gilt insbesondere für die Kontaktaufnahme mit ausländischen Banken.

Finanzierungsmöglichkeiten nutzen

Aufgrund des enormen Finanzierungsbedarfs werden für zahlreiche Infrastrukturprojekte Mittel internationaler Kreditgeber benötigt. Diese sind oft an liefergebundenen Finanzierungsgeschäften interessiert, die von einer Exportkreditversicherung (ECA) gedeckt werden. Je nach Fall kann sich ein derartiger ECA-gedeckter Bestellerkredit zur Finanzierung von Exporten tatsächlich als sehr vorteilhaft für Infrastrukturprojekte erweisen.

ECA-gedeckte Bestellerkredite bieten aus Sicht des Kreditnehmers weit mehr Vorteile als nur die Diversifizierung der Finanzierungsmöglichkeiten. ECA-gedeckte Finanzierungen für Infrastrukturprojekte mit hinreichend großem Exportanteil sind ein attraktiver Weg, um in der Bauphase eine Finanzierung zu erhalten und diese dann langfristig sicherzustellen.

Des Weiteren besteht in Indien auch ein starkes Interesse an Finanzierungsstrukturen, denen neben einer Deckung durch einen staatlichen Exportkreditversicherer auch eine staatliche Förderung in Bezug auf das Zinsregime zugrunde liegt. Der OECD-Konsensus, das internationale Übereinkommen für öffentlich unterstützte Exportkredite, regelt den Mindestzinssatz (Commercial Interest Reference Rate; CIRR), von dem ein ECA-Kredit profitieren kann. Diese sogenannten CIRR-Kredite sind Kredite mit einem Festzinssatz. Die Kreditnehmer tragen daher kein Zinsrisiko während der Gesamtlaufzeit.

Gerade im indischen Kontext stößt dies auf großes Interesse. Dank des finanziellen Stützungselements kommen sie zu attraktiven langfristigen Zinssätzen, die öffentlich zugänglich und transparent sind. Diese Art von Kredit kann auf einer Gesamtkostenbasis unter Berücksichtigung der Versicherungsprämie für die ECA sehr sinnvoll sein, vor allem für Kreditnehmer mit einer natürlichen Absicherung. Bei komplexeren Infrastrukturprojekten können ECA-Bestellerkredite als Shopping Lines oder Multi-Cover-Strukturen ausgelegt werden, bei denen mehrere Leistungen gebündelt werden können, womit die Gesamtmittelausstattung einer ECA-Finanzierung maximiert wird.

Fachwissen erforderlich

Eine pragmatischere Alternative zum typischen ECA-gedeckten Bestellerkredit bilden ECA-gedeckte Onlending-Strukturen in Form liefergebundener Bank-zu-Bank- Kredite, auch „2-Step-Kredite“ genannt. Diese Strukturen ermöglichen einen relativ schnellen Abschluss der Finanzierungsverträge, da internationale Banken in der Regel bereits über Rahmenverträge mit den meisten relevanten inländischen Kreditgebern verfügen. Da das Projektrisiko bei der federführenden Bank verbleibt, ermöglichen diese Strukturen ­Banken mit vergleichsweise geringen Branchenkenntnissen, sich an Infrastrukturprojekten zu beteiligen, an denen sie sich sonst nicht beteiligt hätten, wohingegen die Projekte wiederum von der ECA-Deckung der Kredite profitieren.

Da jedoch jede ECA ihre Besonderheiten aufweist, müssen Kreditnehmer nicht nur beurteilen, welcher Kapitalgeber die attraktivsten Finanzierungsbedingungen anbietet, sondern auch, ob er genügend Fachwissen besitzt, um ein reibungsloses und effizientes Genehmigungsverfahren für die ECA-Deckung und somit letztendlich die Sicherstellung eines rechtzeitigen Abschlusses der Finanzierungsverträge zu gewährleisten.

Kontakt: luis-miguel.gutierrez[at]kfw.de

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