Die Zahl der Firmenpleiten steigt auch 2020 weiter an. Dabei stellt die Zunahme der Covid-19-Erkrankungen die globale Wirtschaft inzwischen vor neue Herausforderungen. Die Pandemie führte schon nach kurzer Zeit zu ernstzunehmenden Störungen in der gesamten globalen Lieferkette.

Mit einem Plus von 1,4% ist das Insolvenzniveau 2019 erstmalig nach zehn Jahren rückläufiger Quoten wieder gestiegen. Atradius geht für 2020 von einer erneuten Steigerung von insgesamt 2,4% aus. Besonders hart trifft es die Asien-Pazifik-Region mit einem Zuwachs von über 4%. Der Rückgang der Wirtschaftsleistung und der Anstieg der Insolvenzzahlen könnte allerdings noch stärker ausfallen als von Atradius in diesem Beitrag Anfang März bereits prognostiziert wurde.

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Das neuartige Coronavirus wirkt sich zunehmend negativ auf die globale Wirtschaft aus. Davon bleiben auch die Industrienationen nicht verschont.

Coronavirus beunruhigt die Weltmärkte

Die OECD rechnet für 2020 nur noch mit einem Weltwirtschaftswachstum von 1,5%. Ende des vierten Quartals 2019 sah es noch nach einer moderaten Entwicklung der Firmenkonkurse aus – zum einen durch die leichte Entspannung im Handelsstreit zwischen China und den USA, verbunden mit der positiven amerikanischen Grundstimmung, zum anderen durch die Bodenbildung im weltweiten produzierenden Gewerbe. Die Zunahme der Covid-19-Erkrankungen stellt die globale Wirtschaft inzwischen vor neue Herausforderungen. Die Pandemie führte schon nach kurzer Zeit zu ernstzunehmenden Störungen in der gesamten globalen Lieferkette. Die Importe aus China sind rückläufig. Die Autoindustrie, die sich bereits in einer herausfordernden Situation befindet, leidet besonders darunter, ebenso wie die IKT-Branche. Die Wachstumsprognosen wurden aufgrund der negativen Entwicklung in Asien und Europa nach unten korrigiert.

Die Asien-Pazifik-Region hängt unmittelbar an der chinesischen Wirtschaft und ihren Lieferketten. Der Erholungsprozess in der asiatischen IKT-Branche wird massiv gestört. Japan leidet als wichtiger Zulieferer von Hightechkomponenten extrem unter der rückläufigen Nachfrage. Dabei hat Japans Wirtschaft schon mit lokalen Problemen zu kämpfen. Die höhere Besteuerung des Konsums drückt auf die Stimmung. Die Insolvenzen stiegen erstmals seit elf Jahren um knapp 2%. Für 2020 rechnet Atradius mit einer weiteren Zunahme um 5%. Betroffen sind auch der Handel und das Transportwesen. In Australien bekommen vorrangig der Transportsektor, der Tourismus und diejenigen Branchen Schwierigkeiten, die stark an der Nachfrage Chinas hängen. Die Insolvenzen werden voraussichtlich um 2% steigen.

In Nordamerika erreichten die Firmenkonkurse im dritten Quartal 2019 ihren Höhepunkt. Der Handelsstreit ist seither etwas abgeflacht, die Stimmung hat sich in der Folge gebessert. Für dieses Jahr geht Atradius von einer Zunahme der Firmenaufgaben von 2% aus. Außer den Handelsstreitigkeiten wird auch der Ausgang der Präsidentschaftswahl die weitere Entwicklung beeinflussen.

Gegenwind in Europa

Die Wirtschaft in der EU wird laut OECD-Schätzung nur noch um 0,8% wachsen, nach 1,2% im Jahr 2019. Atradius geht aufgrund des gestiegenen Finanzrisikos in den westeuropäischen Unternehmen von einer Steigerung der Firmenkonkurse in der EU von 2,1% aus. Die europäische Zentralbank dürfte zunächst an ihrem Niedrigzinskurs festhalten und ihn im Krisenfall weiter nach unten korrigieren.

Auslandsnachfrage bricht ein

Auch in Deutschland ist die Unsicherheit zu spüren. Im verarbeitenden Gewerbe zeichnet sich eine leichte Erholung ab. Die Inlandsnachfrage ist stabil, nicht zuletzt auch durch die expansive Haushaltspolitik, dafür leidet die Auslandsnachfrage. Die Spannungen im Handelsstreit zwischen den USA und China sorgen für ein schwieriges Marktumfeld im Automobilsektor. Atradius geht erstmals seit zehn Jahren wieder von steigenden Firmeninsolvenzen aus (um 1% gegenüber dem Vorjahr).

Unsichere Zeiten für Großbritannien

Für die britischen Unternehmen ist die Insolvenzprognose mit einem erneuten Plus von 7% besonders trüb. Die Prognose stellt die größte erwartete Steigerung in ganz Westeuropa dar. Die Wahlen im Dezember 2019 und der planmäßige Austritt aus der EU sorgten zwar für eine kurzfristige Erholung. Mittelfristig ist aber mit neuen Risiken zu rechnen wie z.B. dem anstehenden Austritt Großbritanniens aus der Zollunion. Die Stimmung in der britischen Wirtschaft dürfte spätestens durch die künftigen Handelsbarrieren und die Verlängerung der Verhandlungen mit der EU sinken. Insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen spitzt sich die Lage dann entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu.

Irland blickt auf weiter rückläufige Insolvenzen (–5% 2020), die fast das Vorkrisenniveau erreichen. Die Abhängigkeit von den asiatischen Lieferketten drückt auf die Umsatzaussichten im Hochtechnologiesektor IKT. Die Prognose für die kommenden Monate trübt sich ein. Der lokale Nachfragerückgang sorgt wie der Brexit für Probleme.

Aussichten für Skandinavien eingetrübt

Für Schweden und Dänemark geht Atradius von einer Steigerung der Firmeninsolvenzen von jeweils 3% aus. In Schweden sorgt die anhaltend verhaltene Konjunktur für steigende Unternehmens-aufgaben (+3% gegenüber 2019). Grund dafür ist u.a. die rückläufige Auslandsnachfrage. Auch der Abschwung am Immobilienmarkt mildert sich nur leicht ab und sorgt weiter für Risiken. Darüber hinaus dürften die dänischen Firmen als exportorientiertes Land kurzfristig unter der durch die Epidemie verursachten Unterbrechung der globalen Warenströme leiden.

Schweiz könnte profitieren

Die Firmenkonkurse in der Schweiz erholten sich 2019 nach Jahren mit steigenden Raten erstmals wieder. Die Risikoexperten rechnen mit einem Anstieg des BIP von bis zu 0,5%. Grund dafür ist unter anderem der starke Arbeitsmarkt. Zudem ist der Schweizer Franken als Krisenwährung gefragt. Risikofaktoren bilden die weiterhin schlechte Nachfrage im Tourismussektor ebenso wie die Tatsache, dass die Schweiz zwei Drittel der Wirtschaftsleistung durch Exporte generiert.

Inlandsnachfrage stützt Westeuropa

Die Inlandsnachfrage in Holland und Belgien ist robust. Die Arbeitslosigkeit ist aktuell gering. Die belgischen Firmen werden bereits vorsichtiger bei der Anstellung von Arbeitskräften. Die produzierende Industrie kämpft dagegen mit der schwachen Weltnachfrage. Die deutschen Konjunktursorgen belasten auch die Nachbarländer. Die vom wichtigsten Partner Großbritannien ausgehende Unsicherheit durch die anhaltende Diskussion um die Modalitäten des Austritts aus der EU wirkt sich insbesondere negativ auf den Maschinenbau und die chemische Industrie aus. Im vergangenen Jahr stiegen die Firmenpleiten erstmals seit einer Dekade um 3,5% in den Niederlanden an. Für 2020 rechnet Atradius mit einem ähnlichen Trend (3% mehr Insolvenzen). In Belgien gehen die Experten von +3% aus nach einer Steigerung von 7,3% im vergangenen Jahr aufgrund einer Änderung im Insolvenzrecht.

Die Franzosen profitierten zunächst ebenfalls noch von der robusten Inlandsnachfrage. Die Kaufkraft wurde gestützt durch Steuervorteile ebenso wie durch steigende Gehälter. Es bleibt abzuwarten, wie stark die vorübergehenden Nachfrageausfälle auf die Konjunktur drücken. Nach einem Rückgang der gemeldeten Insolvenzen um 4% im vergangenen Jahr geht Atradius bislang noch von einem Plus von 2% für 2020 aus.

In Spanien leidet die Binnennachfrage nach einer Erholungsphase in den vergangenen Jahren inzwischen unter dem Coronavirus. Die Insolvenzen sind immer noch fünffach höher als vor der Schuldenkrise. 2019 stiegen die Insolvenzen bereits wieder um 3% an. Für 2020 wird mit einer Zunahme von 2% gerechnet.

Italiens Wirtschaft steht fast still. Atradius geht von einer Stagnation der gemeldeten Insolvenzen aus. Im vierten Quartal 2019 sank die Wirtschaftsleistung erneut und war so schlecht wie Anfang 2013. Aus verschiedenen Gründen hat sich das Coronavirus zügig im Land verbreitet. Covid-19 sorgt damit für erhebliche Störungen in den Lieferketten, zudem geht der Tourismus im Land zurück. Die Zukunft hängt auch davon ab, wie die fragile Regierung mit den aktuellen Problemen umgeht. Nicht nur Covid-19 ist ein Problem, auch die Spannungen mit der Europäischen Kommission könnten sich ausweiten.

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michael.karrenberg@atradius.com

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