Das Coronavirus trifft die Europäische Union schmerzlich. Die Wirtschaftstätigkeit steht stark unter Druck angesichts der schweren Beeinträchtigungen durch die Lockdown-Maßnahmen, das Abreißen der Lieferkette und das Wegbrechen der Außennachfrage. Die Automobilbranche, die bereits 2019 in Schwierigkeiten steckte, ist gegen diesen plötzlichen, schweren Schock nicht gefeit.

Die Ausbreitung des Coronavirus hat die Automobilbranche auf dem falschen Fuß erwischt. Nach der Dieselkrise und den Verzögerungen durch ein neues Testverfahren hatten die Verkäufe gerade wieder angezogen. Der technologische Wandel versprach neue Kaufanreize für zukunftsfähige Technologien. Da stoppte die Pandemie quasi über Nacht die Neuzulassungen in den am stärksten betroffenen Ländern Europas.

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Die europäische Automobilbranche befindet sich seit Anfang 2020 in Turbulenzen, und auch 2019 war angesichts niedriger Verkaufs- und Produktionszahlen ein schwieriges Jahr. So hatten die Unsicherheiten in Verbindung mit dem Handelskrieg, dem Brexit, drohenden amerikanischen Einfuhrzöllen, dem Rückgang des Automobilabsatzes in China, den hohen Investitionen in Elektromobilität sowie den neuen europäischen CO2-Abgasnormen zu einem Rückgang des Produktions- und Absatzwachstums geführt (der EU-Absatz stieg nach Angaben des Europäischen Automobilherstellerverbandes ACEA 2019 um lediglich 1,2% gegenüber dem Vorjahr). Bereits vor diesem Hintergrund wurde unter Analysten nicht mit einem herausragenden Jahr 2020 gerechnet.

Zu jenem Zeitpunkt sah jedoch niemand die Covid-19-Epidemie voraus, die der in Europa ohnehin schon angeschlagenen Branche einen herben Schlag versetzen würde. Die in den getroffenen Ländern ergriffenen Maßnahmen (Ausgangssperren, Schließung der Geschäfte und Grenzen usw.) brachten Einzelhandel und Tourismus zum Stilltand, beeinträchtigten aber auch die Fertigungstätigkeiten in Europa und darüber hinaus. Die Covid-19-Krise ist einzigartig, da sie weder von einem Nachfrage- noch von einem Produktionsrückgang ausgelöst wurde. Vielmehr müssen nun drei Brandherde gleichzeitig bekämpft werden: das Wegbrechen der Nachfrage, die Unterbrechung der Produktion sowie das Abreißen der Zulieferkette.

Wegbrechen der Nachfrage

Das Schließen der Autohäuser sowie die Eindämmungsmaßnahmen haben den Pkw-Verkauf beeinträchtigt. Die jüngsten ACEA-Zahlen zeigen, dass der Pkw-Absatz in der EU (27 Länder, ohne Malta) im April 2020 um 79% (im März 2020 um ca. 52%) und in den ersten vier Monaten von 2020 um 39% gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurückgegangen ist (im ersten Quartal von 2020 lag der Wert 27% unter dem Vorjahreswert). Die Länder mit dem größten Absatzrückgang im April 2020 gegenüber dem Vorjahr sind Italien, das Vereinigte Königreich und Spanien (um 97,6% bzw. 97,3% und 96,5%). Für die ersten vier Monate sind dies Italien, Spanien und Frankreich (um 50,7% bzw. 48,9% und 48,0%).

Während die Zahlen bereits im März 2020 ausgesprochen schlecht aussahen, waren sie im April noch weitaus verheerender. Die Lockerung der Eindämmungsmaßnahmen in den unterschiedlichen europäischen Staaten sollte zu einer allmählichen Erholung von Produktion (Werke werden schrittweise geöffnet, laufen aber noch nicht im Vollbetrieb) und Absatz führen. Unterschiedlichen Quellen zufolge dürfte das Absatzvolumen allerdings erst in einigen Jahren wieder auf Vor-Corona-Niveau steigen. Außerdem ist die Branche nicht immun gegen eine zweite Welle, die die Rückkehr zur Normalität weiter verzögern würde.

Unterbrechung der Produktion und Abreißen der Zulieferkette

Die Unterbrechung auf der Produktionsseite ist ebenfalls den Eindämmungsmaßnahmen wie dem Social Distancing und Grenzschließungen geschuldet. Sie beeinträchtigt die Fertigungsarbeit in der gesamten Lieferkette. China ordnete als erstes Land einen Lockdown an und hinderte lokale Hersteller so am Export ihrer Produkte nach Europa. Für europäische ­Hersteller schafft dies nach wie vor große Unsicherheit, da sie für die Beschaffung bestimmter Ersatzteile von China abhängig sind. Später wirkten sich die in Europa verabschiedeten Maßnahmen auch auf die dort ansässigen Werke aus.

Das Problem zog sich durch die gesamte Lieferkette und traf schließlich die Erstausrüster (sog. OEMs, die alles von Radios über Scheiben bis hin zu Bremsen fertigen). Ungeachtet des Rückgangs der Rohstoffpreise sind ihre Produktionskosten gestiegen, was ihre Rentabilität weiter unter Druck gesetzt hat (aufgrund des schlechten ­Jahres 2019). Je länger diese Situation anhält, desto mehr erhöht sich der Druck auf die OEM, selbst wenn sie die Kostenerhöhung an ihre Kunden (Automobilhersteller) weitergeben können. Während Letztere über ausreichend Liquidität verfügen dürften, um den Nachfragerückgang aufzufangen, gilt dies nicht für die OEMs. Folglich wird mit einem Anstieg der Insolvenzen im Sektor gerechnet. Problematisch ist, dass der Bankrott eines OEMs die Wiederöffnung einiger Automobilwerke verzögern kann, da es Zeit kostet, einen neuen Zulieferer zu finden, dessen Produkte zu testen und diese in die Lieferkette zu integrieren.

Der Industrie-PMI der Euro-Zone verheißt für die nahe Zukunft nichts Gutes. Im April 2020 lag er bei 33,4, also deutlich unter der Wachstumsschwelle von 50 Punkten, und damit auf dem niedrigsten je gemessenen Niveau. Außerdem stellt dieser Wert den größten jemals aufgezeichneten Rückgang gegenüber dem Vormonat dar.

Fazit

Das Coronavirus trifft die Europäische Union schmerzlich. Die Wirtschaftstätigkeit steht stark unter Druck angesichts der schweren Beeinträchtigungen durch die Lockdown-Maßnahmen, das Abreißen der Lieferkette und das Wegbrechen der Außennachfrage. Die Automobilbranche, die bereits 2019 in Schwierigkeiten steckte, ist gegen diesen plötzlichen, schweren Schock nicht gefeit.

Hilfsmaßnahmen für die Branche, wie z.B. Steuererleichterungen, Subventionen oder Abwrackprämien, werden bereits auf nationaler und europäischer Ebene diskutiert. 2009 hatten die Autobauer bereits von umfangreichen Hilfspaketen profitiert. Allerdings ist der Ruf der Branche inzwischen durch die Dieselaffäre und ein stärkeres Umweltbewusstsein belastet. Des Weiteren ist die europäische Industrie heute in deutlich höherem Maße von Export und Import abhängig als 2009, was die Wirksamkeit von Hilfsmaßnahmen aufweicht.

Es wird einige Zeit dauern, bis die Produktion wieder ein ähnliches Niveau wie vor der Covid-19-Krise erreicht hat. Während das Risiko für die europäischen Autobauer nicht unterschätzt werden kann, sind die OEMs in höherem, wenn auch weniger sichtbarem Maß vom Bankrott bedroht, was die hochintegrierte Lieferkette der europäischen Automobilbranche weiter beeinträchtigen könnte.

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