China erlebt mit einem realen BIP-Wachstum von 7,8% im Jahr 2012 und einem erwarteten realen BIP-Wachstum von 7,1% im Jahr 2013 zwar die schwächste wirtschaftliche Entwicklung seit 1999. Das Bevölkerungswachstum und der zunehmende ­Wohlstand ­sorgen jedoch nach wie vor für steigende Umsätze im chinesischen Einzelhandel, wie eine Analyse von Atradius ergab. Während Hausgeräte eine kurzfristige Nachfrageschwäche erleben, profitiert die Möbelindustrie von dem anhaltenden Immobilienboom.

Von Dr. Thomas Langen, Senior Regional Director Deutschland, Mittel- und Osteuropa, Atradius Kreditversicherung

Die Reform der rechtlichen Rahmenbedingungen nach dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 2001 erleichterte ausländischen Einzelhändlern den Marktzutritt. Sie bedienen in erster Linie junge, aufstrebende Verbraucher und haben einen großen Anteil am Wachstum des Einzelhandels. Die Zukunftsaussichten für die Branche sind mit zweistelligen jährlichen Wachstumsraten weiterhin gut. Die Inflationsrate entwickelt sich seit Anfang 2012 rückläufig und lag im ersten Quartal 2013 bei 2,4%. Der Verbraucherpreisindex für langlebige Konsumgüter blieb in den vergangenen sechs Monaten stabiler als in den Jahren zuvor.

Zwischen Januar und September 2012 gingen die Umsätze in diesem Segment des chinesischen Einzelhandels um 4,4% im Jahresvergleich auf 1,155 Bill CNY (144 Mrd EUR) zurück. Dies kam nicht überraschend, da die Händler in diesem Bereich 2011 in hohem Maße von einem staatlichen Programm profitiert hatten, in dessen Rahmen die Verbraucher aufgefordert wurden, ihre Altgeräte zum Recycling zu geben und dafür Neugeräte zu kaufen.

Dass diese Maßnahme nun ausgelaufen ist, bekommt die Wirtschaft zu spüren, insbesondere die Verkäufer von Hausgeräten wie Klimaanlagen, Kühlschränken und Waschmaschinen. Gleichzeitig drückt der intensive Wettbewerb in der chinesischen Hausgerätebranche auf die Margen der Händler. Wir haben festgestellt, dass einige große Hausgeräteeinzelhändler in den vergangenen Jahren im Onlinehandel aktiv geworden sind und damit Preiskämpfe auslösen, die die Erträge der Branche zusätzlich belasten.

Trotzdem haben die Hausgerätehersteller im Allgemeinen immer noch eine vergleichsweise solide Finanzlage, da es sich bei den meisten Anbietern um Großunternehmen handelt. Zahlreiche chinesische Hausgerätehersteller erzielen Umsätze von mehr als 10 Mrd CNY (1,25 Mrd EUR), wobei die verkauften Stückzahlen häufig 10 Millionen übersteigen. Diese Riesen nehmen einen beträchtlichen Anteil am Weltmarkt für sich in Anspruch.

2012 entwickelte sich der Hausgerätemarkt zwar rückläufig, doch für 2013 wird wieder mit einer Verbesserung der Lage gerechnet, zumal die Immobilienverkäufe voraussichtlich wieder steigen werden und von den Kommunen bezahlbarer Wohnraum gefördert wird. Das derzeit laufende Energiesparförderprogramm könnte sich ebenfalls positiv auswirken. Im Januar 2013 stieg der Umsatz mit TV-Geräten um 0,6% und der mit Klimaanlagen um 13,6% im Jahresvergleich. Bei Kühlschränken wurde ein Umsatzplus von 2,3% und bei Waschmaschinen eines von 1,9% verzeichnet, obwohl die Verkaufszahlen in beiden Fällen leicht sanken.

Der Preiskampf im chinesischen Einzelhandel hat zu massiven Preisnachlässen geführt, die auch den Preisdruck auf die Lieferanten erhöhen. Auch der wachsende Internethandel heizt den Wettbewerb an und lässt die Margen schrumpfen. Gleichzeitig sehen sich viele Hersteller von langlebigen Konsumgütern im unteren Preissegment gezwungen, ihre Preise anzuheben, um angesichts der steigenden Produktionskosten, insbesondere im Personalbereich, noch rentabel arbeiten zu können. Gemäß dem staatlichen Beschäftigungsförderprogramm soll das Lohnniveau in China bis 2015 um mindestens 13% pro Jahr steigen. Umgekehrt hüten sich die Hausgerätehersteller, im mittleren und gehobenen Preissegment die Preise anzuheben, weil sie ihre Marktanteile nicht verlieren möchten. Die steigenden Produktionskosten wirken sich bei ihnen nicht so gravierend aus.

Nach Angaben des chinesischen Ministeriums für Industrie und Informationstechnologie stieg der Umsatz der Möbelbranche nach einem Rückgang von 1,1% im Vorjahr im Jahr 2012 um 13,8% im Jahresvergleich. Die Gewinne konnten um 19,4% gesteigert werden. Infolge der fortlaufenden Verbesserung des Lebensstandards und des Anstiegs des verfügbaren Einkommens kaufen chinesische Verbraucher mehr Möbel. Darüber hinaus ist die Nachfrage nach Möbeln eng an die Entwicklung des chinesischen Immobilienmarktes gekoppelt: Die führenden Wirtschaftsplaner des Landes rufen die Kommunen dazu auf, den Bau von bezahlbarem Wohnraum zu fördern, was 2012 auch geschehen ist.

Gleichzeitig griffen im vergangenen Jahr auch die staatlichen Maßnahmen zur Beruhigung des Wohnungsmarktes, denn die Preise für Wohnimmobilien sind in den vergangenen Jahren rasant gestiegen. Der chinesische Wohnimmobilienmarkt hat sich etwas beruhigt, nachdem der Staat Maßnahmen zur Eindämmung von Spekulationen und zur Preiskontrolle eingeleitet hat.

Die Lage am Wohnungsmarkt wird sich 2013 kaum ändern. Dagegen hat der Bauboom in vielen Großstädten des Landes zu einem deutlich gestiegenen Angebot an Gewerbeimmobilien geführt. In der Folge stieg auch die Nachfrage nach Büroeinrichtungen. Die Anbieter von Büromöbeln im mittleren und oberen Preissegment erleben derzeit einen Boom. Die Anbieter von Hoteleinrichtungen profitieren von der Entwicklung der Tourismusbranche, die den Neubau und die Modernisierung von Hotels nach sich zieht.

Rechnungen werden in der Branche im Durchschnitt nach 45 bis 90 Tagen beglichen. Gelegentlich auftretende Zahlungsverzögerungen haben meistens mit Verhandlungstricks zu tun und sind seltener auf Liquiditätsprobleme zurückzuführen. Die Insolvenzrate in diesem Segment des Einzelhandels entspricht der in anderen chinesischen Wirtschaftszweigen. Daran wird sich in nächster Zeit nichts ändern. Unter Beobachtung durch Atradius stehen insbesondere die Unternehmen mit geringeren Umsätzen, die trotz schwacher Finanzlage große Beträge in ihre E-Commerce-Plattformen investieren. Sie könnten schnell in finanzielle Schieflage und im schlimmsten Fall in die Insolvenz geraten, wenn nicht rechtzeitig wirksame Maßnahmen ergriffen werden.

Abnehmer von langlebigen Konsumgütern sind individuell zu beurteilen. Dabei müssen in erster Linie die Eigentumsverhältnisse des betreffenden Unternehmens sowie die Auftragsbücher und die Geschäftszahlen geprüft werden. Weniger Einschränkungen gibt es bei der Absicherung von Geschäften mit Großunternehmen, finanzstarken Konzernen und Unternehmen, die sich in staatlicher Hand befinden. Dennoch sollten vor der Absicherung größerer Beträge im Zweifelsfall Referenzen verlangt werden. Vorsicht ist bei kleinen und mittelständischen Unternehmen mit hohem Fremdkapitalanteil geboten, da die Gefahr besteht, dass die Banken ihre Kreditvergabepolitik verschärfen könnten. Exporteure können im Vorfeld mit einer Kreditversicherung vorbeugen. Diese schließt die Informationsbeschaffung, die sich insbesondere in China schwierig gestaltet, mit ein.

Im Einzelfall bedienen sich die Risikoexperten von Atradius weiterer Informationen, die eine Beurteilung der Finanzlage des betreffenden Abnehmers erlauben. Dann ist zu prüfen, ob die Absicherung des Geschäfts auf der Basis zusätzlicher Informationen möglich ist, zum Beispiel anhand aktueller interner Geschäftszahlen, der Geschäftsunterlagen der letzten Monate oder der Prüfung des aktuellen Auftragsbestands.

Kontakt: thomas.langen[at]atradius.com

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