Mit der neuen Partei- und Staatsführung tritt China möglicherweise in eine entscheidende Phase seiner Entwicklung: den Übergang zum Industrieland. Die innere Stabilität bleibt die wichtigste Aufgabe des neuen Präsidenten Xi Jinping. Die Volkswirtschaft wird ­voraussichtlich langsamer als in der Vergangenheit, aber weiterhin robust wachsen. Die notwendige Verlagerung des Wachstumsschwerpunkts auf den Konsum wird schwierig und langwierig werden.

Von Christoph Witte, Direktor Deutschland, Delcredere N.V.

Während ihres 18. Nationalen Parteitags im vergangenen November wählte die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) eine neue Führungsgeneration für zunächst fünf Jahre. Der Ständige Ausschuss des Politbüros wurde von neun auf sieben Mitglieder verkleinert und komplett neu besetzt. Im März 2013 traten Chinas neue starke Männer, Xi Jinping und Li Keqiang, als Präsident bzw. Minister­präsident offiziell die Nachfolge von Hu Jintao und Wen Jiabao an. Dieser einmal im Jahrzehnt erfolgende politische Übergang war intransparent und bot Gelegenheit zu Kämpfen zwischen den Fraktionen der KPCh, insbesondere zwischen Konservativen und Reformern.

Der neue Präsident, Xi Jinping, wird voraussichtlich einen politischen Weg einschlagen, der vor allem den Ausgleich unterschiedlicher Meinungen innerhalb der allein führenden Kommunistischen Partei sucht und für die Wahrung der politischen Stabilität sorgt. Er könnte ähnlich wie sein Vorgänger Hu Jintao, von dem bereits Reformen erwartet worden waren, enttäuschen, weil er in erster Linie auf die Kontinuität des größtenteils konservativ geprägten ständigen Ausschusses des Politbüros setzen wird. Doch auch wenn radikale Veränderungen kaum zu erwarten sind, weil die Beschlüsse der politischen Führung in der Regel im Konsens gefasst werden und radikale Verände­rungen auch auf den Widerstand vieler einflussreicher Interessenvertreter (z.B. Armee, staatseigene Unternehmen) stoßen würden, erscheint es unvermeidlich, dass Xi Jinping zumindest kleinere Reformen in Angriff nehmen wird.

Chinas Wachstumsmodell mit hohen Wachstumsraten von über 10% während der vergangenen 30 Jahre, das auf billiger Arbeit und einer intensiven Ausbeutung der natürlichen Ressourcen basiert und vorwiegend durch Investitionen (Anteil etwa 50% des BIP) und Exporte angetrieben wird, ist nicht mehr tragfähig. Um nicht auf dem Entwicklungsstand von Ländern mittleren Einkommens zu verharren, benötigt China mehr als vereinzelte wirtschaftliche Anpassungen.

Das Land braucht ein neues wirtschaft­liches Modell, in dem der private Verbrauch, der gegenwärtig einen Anteil von 34% des BIP ausmacht, zur Hauptantriebskraft wird. Die Produktion sollte eine höhere Wertschöpfung ermöglichen und weniger energieintensiv sein; das Kapital sollte effizienter eingesetzt und Qualität wichtiger als Quantität werden. Solche Veränderungen hätten ein geringeres Durchschnittswachstum zur Folge, was jedoch die alternde Gesellschaft Chinas gut verkraften würde, zumal die Zahl der Erwerbspersonen voraussichtlich ab 2015 abnehmen wird.

Die chinesische Wirtschaft bewegt sich seit 2011 auf dem Pfad einer sanften Landung. 2012 wurde mit 7,8% die geringste Wachstumsrate dieses Jahrhunderts ­verzeichnet. Diese Entwicklung ist weder auf einen Zufall noch auf zyklische Faktoren zurückzuführen, sondern sie spiegelt die neue makroökonomische Realität und das internationale Umfeld wider. Sie ist nicht nur die Folge der geldpolitischen Straffung seit 2011 und der Korrekturen am Immobilienmarkt, sondern auch geringerer Zuflüsse an ausländischen Direkt­investitionen und einer anhaltend niedrigeren Auslandsnachfrage aus den krisengeplagten EU-Ländern und den USA.

Hinzu kommt, dass der chinesische Export­sektor durch stetig steigende Löhne und Produktionskosten über die Zeit an Wettbewerbsfähigkeit verloren hat. Das führt dazu, dass die Provinzen im chinesischen Hinterland sowie asiatische Niedriglohnländer (wie Kambodscha, Indonesien und Vietnam) attraktivere Ziele für die Ansiedlung bzw. Verlagerung von verarbeitenden Industrien geworden sind. Folglich muss China seine externe Anfälligkeit verringern und seine Wirtschaft neu ausrichten.

Dieses Ziel erfordert nicht nur eine steigende Nachfrage nach Konsumgütern durch eine wachsende Mittelschicht, sondern auch deutliche Fortschritte bei der Entwicklung des chinesischen Sozialver­sicherungssystems. Da es notwendig ist, den privaten Verbrauch zu stimulieren und die hohe Sparquote der Haushalte (25% des verfügbaren Einkommens) zu verringern, hat sich die Regierung dafür ausgesprochen, die Altersversorgung und das Gesundheitssystem bis 2020 weiter auszubauen.

Der Leistungsbilanzüberschuss ist im Verhältnis zum BIP seit 2007 kontinuierlich von 10,1% auf 2,6% im Jahr 2012 zurückgegangen. Der Abbau des Überschusses erfolgte durch den Rückgang der Exporte aufgrund der Weltwirtschaftskrise und der schwächeren Auslandsnachfrage. Pekings behutsames Vorgehen bei der strukturellen Anpassung seines Wirtschaftsmodells, die geographische Diversifizierung der Exporte in Richtung von Entwicklungsländern und die begrenzte Aufwertung des Renminbi (CNY) könnten zu einem langsam wieder steigenden Leistungsbilanzüberschuss beitragen.

Der Streit mit den USA über die Unterbewertung des Renminbi hat sich entschärft, zumal die chinesische Währung sukzessive gegenüber dem US-Dollar aufwertete (+5,3% seit 2011), ein ausgewogenes Niveau erreichte und zum Abbau des Leistungsbilanzüberschusses beitrug. Hinzu kommt, dass sich die chinesische Zentralbank im Frühling 2012 dafür entschieden hat, die Schwankungsbreite des Wechselkurses der chinesischen Währung gegenüber dem US-Dollar von 0,5% auf 1% (und eventuell mehr in den kommenden Monaten) zu erhöhen, wodurch das Wechselkurssystem an Flexibilität gewonnen hat. Auch wenn dieser Schritt relativ klein war, belegt er Chinas Absicht, die Wirtschaft neu auszubalancieren und den Druck der importierten Inflation zu begrenzen. Die Ausweitung der Wechselkursbandbreite erlaubt zudem eine vorübergehende Abwertung, wenn die chinesische Konjunktur langsamer läuft. In Zukunft dürfte die Aufwertung des Renminbi geringer als in den vergangenen Jahren ausfallen, zumal Peking sich davor hüten wird, den notleidenden Exportsektor stärker zu belasten.

Die Zentralregierung hat den notwendigen Umbau der Wirtschaft teilweise in ihren zwölften Fünfjahresplan (2011–2015) integriert. Sie beschloss ein Wachstumsziel von 7%, das somit weniger ehrgeizig ausfällt als in der Vergangenheit. Doch die Erfüllung des Wachstumsziels scheitert in der Regel an unterschied­lichen Zielvorstellungen der Lokalregierungen. Diese streben oft höhere Wachstumsraten an, damit die Steuereinnahmen stärker sprudeln, sich die Karriereaussichten der Lokalfürsten innerhalb der Kommunistischen Partei verbessern oder weil dies im Interesse der staatseigenen Unternehmen liegt.

Der wirtschaftliche Ausblick ist mit einem durchschnittlichen BIP-Wachstum von 8,5% jährlich bis zum Jahr 2018 positiv – das Wachstum wird sich auf einem niedrigeren, aber immer noch hohen Niveau bewegen. Es wird erwartet, dass China seine Rolle als wirtschaftliche Supermacht festigen und wichtigster Wachstums­motor der Welt bleiben wird. Die wirtschaft­liche Entwicklung wird durch eine moderat expansive Geldpolitik, zunehmende Kredite und Infrastrukturprojekte (insbesondere im Transportsektor) gestützt. Die lockere Geldpolitik wird durch den Rückgang der Inflationsrate auf ein Niveau weit unter der Zielvorgabe der Regierung von 4% ermöglicht.

Doch die Zentralregierung hat auch dazugelernt. Ein riesiges Investitionsprogramm zur Konjunkturstimulierung, wie es infolge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 aufgesetzt wurde, ist zurzeit keine Option mehr. Peking möchte eine Verschärfung der strukturellen Ungleichgewichte – Immobilienblase, Verschuldung der lokalen Regierungen, hoher Anteil notleidender Kredite bei Banken, Überkapazitäten in verschiedenen Sektoren wie z.B. Stahl, Fahrzeugbau und Solarindustrie – vermeiden.

Die ausführliche Länderstudie China steht unter dem Link www.ducroire-delcredere.de zum kostenlosen Download bereit.

Kontakt: c.witte[at]delcredere.eu

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