Chile war das erste Land Lateinamerikas, das (bereits in den neunziger Jahren) ein „Investmentgraderating“ bekam und ist das ­einzige Land der Region, das von allen großen Ratingagenturen mit „single A plus“ oder besser bewertet wird. Doch das Ende des Commodity-Booms macht sich wegen der hohen Abhängigkeit des Landes von Primärgütern negativ bemerkbar. Das Wachstum ist stark zurückgegangen.

Von Ingo Gerding, Senior Regional Manager, Financial Institutions, BHF-BANK

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Chile hat das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Region und schneidet mit Abstand am besten ab bei Indikatoren wie wirtschaftlicher Freiheit, globaler Wettbewerbsfähigkeit, Solidität des Bankensystems und Korruptionsindex. Das Andenland wurde inzwischen sogar in die OECD aufgenommen und spielt somit in einer anderen Liga als seine Nachbarn.

Wegen der hohen Abhängigkeit Chiles von Primärgütern, insbesondere von Kupfer, hinterlässt der Rückgang der Rohstoffpreise in letzter Zeit jedoch deutliche Spuren. Das Wachstum ist im Laufe des Jahres 2014 eingebrochen. Der Ölpreisverfall ist für Chile allerdings positiv, da das Land Nettoimporteur von Energieträgern ist, insbesondere auch von Erdöl.

Regierung Bachelet reformiert Bildungswesen

Am 11. März 2014 hat die zum zweiten Mal gewählte Sozialistin (nach unserem Verständnis: Sozialdemokratin) Michelle Bachelet an der Spitze eines Mitte-links-Bündnisses („Nueva Mayoria“) das Präsidentenamt für vier Jahre übernommen. Ein zentrales Anliegen der Regierung Bachelet ist eine grundlegende Reform des Bildungswesens in Chile. Das Erziehungssystem wurde vor geraumer Zeit weitgehend privatisiert und gilt seitdem als teuer und trotzdem als qualitativ mangelhaft, was in den vergangenen Jahren immer wieder zu massiven Protestbewegungen von Schülern und Studenten geführt hat. Das Erziehungssystem soll nun durch den Ausbau staatlicher Einrichtungen ausgeweitet und dabei grundlegend reformiert und modernisiert werden.

Die Kosten der von der Regierung im vergangenen Jahr implementierten Reformen – allein die Reform des Bildungssystems kostet einen Betrag in Höhe von 1,5% bis 2,5% des BIP – werden mit Steuererhöhungen, vor allem auf Unternehmensgewinne, gegenfinanziert. Die Körperschaftsteuer (Corporate Tax Rate) wird schrittweise von 20% auf 25% angehoben, was heftige Proteste der Unternehmensverbände hervorgerufen hat, zumal die Umsetzung bei rückläufiger Konjunktur kontraproduktiv, da prozyklisch wirkt. Ein seit vergangenem Jahr zu beobachtender Rückgang der Investitionstätigkeit wird von der Privatwirtschaft auf die Steuererhöhungen zurückgeführt, was sicherlich teilweise zutrifft, aber auch mit den derzeit schlechteren Perspektiven des Bergbausektors zu tun hat.

Ende des Commodity-Booms

Chile erzielte in den Jahren 2010 bis 2012 ein jährliches BIP-Wachstum von 5,7%, jedoch ist seitdem eine deutliche Abschwächung dieser Wachstumsdynamik zu beobachten (2013: 4,1%, 2014: 1,9%). Im vergangenen Jahr war geradezu ein Einbruch des BIP-Wachstums zu konstatieren, in diesem Jahr ist eine leichte Erholung zu beobachten, die sich in 2016 fortsetzen sollte (Wachstumsprognose des IWF: +3,3%).

Das Land ist stark außenhandelsorientiert und eine wesentlich offenere Volkswirtschaft als der Nachbar Argentinien. Chile hat mit allen größeren Handelsblöcken der Welt (einschl. EU und NAFTA) bilaterale Freihandelsabkommen abgeschlossen (insgesamt mit 63 Ländern). Wie alle offenen Volkswirtschaften wird auch Chile von externen Faktoren wie der weltweiten Finanzkrise 2009 oder dem seit zwei bis drei Jahren zu beobachtenden Ende des Commodity-Booms und der Verlangsamung der Weltkonjunktur besonders hart getroffen. Allerdings profitiert das Land vom Ölpreisverfall, da Energieträger importiert werden müssen.

Chile hat mit rund 36% die weltweit größten Reserven an Kupfer und ist mit 34% auch der weltweit größte Exporteur. In den Bergbausektor fließt zudem mit rund 50% die Mehrheit aller Direktinvestitionen. Das macht das Land sehr abhängig von Bergbauprodukten und insbesondere von Kupfer. Allerdings liegen die Produktionskosten von Kupfer in Chile deutlich unter dem langjährigen Weltmarktpreis.

Fiskalpolitischer Spielraum

Die Fiskalpolitik Chiles – vor allem die der Zentralregierung – ist immer konservativ gewesen und unterliegt strikten Haushaltsregeln, die zwar antizyklische Ansätze erlauben, aber grundsätzlich auf nach­haltige Überschüsse ausgelegt sind. Die Budgetüberschüsse und gebildete Reserven (es gibt einen Kupfer-Reservefonds zusätzlich zu den offiziellen Devisenreserven) können somit in Krisensituationen zur antizyklischen Finanzpolitik eingesetzt werden, was auch getan wird.

Der infolge des Wiederaufbauprogramms nach dem schweren Erdbeben von 2010 ausgelöste Importsog führte zu einer leicht defizitären Leistungsbilanz. Danach hat sich die Dynamik von Importen und Exporten in etwa angeglichen, und es wird ein geringer Handelsbilanzüberschuss erzielt. Die Leistungsbilanz ist nach wie vor defizitär, jedoch mit abnehmender Tendenz (–3,4% des BIP 2013, –0,4% des BIP 2015), und das Defizit wird durch ausländische Direktinvestitionen gedeckt.

Als reformbedürftig gilt in Chile der Arbeitsmarkt, der flexibilisiert werden müsste, ferner das Bildungssystem, dessen Qualität nicht auf A-Land-Niveau liegt. Zudem gilt die Einkommens- und Vermögensverteilung als sehr ungleich (Gini-Koeffizient: 0,5, OECD-Durchschnitt: 0,31). Als Schwächen gelten auch die hohe Auslandsabhängigkeit in der Energieversorgung (vor allem bei fossilen Brennstoffen) und die damit verbundenen hohen Energie- und Produktionskosten.

„Pazifik-Allianz“ gibt neue ­Handelsimpulse

Deutschland und Chile unterhalten traditionell gute Beziehungen, aber der bilaterale Handelsaustausch ist nicht sehr bedeutend (Chile belegt Rang 30 unter den deutschen Abnehmerländern und Rang 32 unter den deutschen Lieferländern). Deutsche Firmen sind allerdings oftmals über ihre Auslandsniederlassungen am Chile-Geschäft beteiligt, etwa via Brasilien oder USA, in Zukunft eventuell auch verstärkt über die Integrationspartner Peru, Kolumbien und Mexiko im Rahmen der „Pazifik-Allianz“. Die EU hat noch einen Anteil von etwa 15% am gesamten Außenhandelsvolumen Chiles, Deutschland ist dabei innerhalb der EU der wichtigste Handelspartner. Die Importe Chiles insgesamt sind im bisherigen Verlauf des Jahres 2015 rückläufig gewesen.

Die deutschen Exporte nach Chile bestehen hauptsächlich aus Fahrzeugen, chemischen und pharmazeutischen Produkten sowie Industriemaschinen. Wie fast überall in der Region genießen deutsche Produkte auch in Chile hohes Ansehen und werden als qualitativ hochwertig betrachtet. Seit 2005 ist ein Freihandelsabkommen zwischen Chile und der EU in Kraft. Impulse könnten künftig von dem sich gut entwickelnden Integrationsverbund „Pazifik-Allianz“ ausgehen, zu dem Peru, Chile, Kolumbien und Mexiko gehören, allesamt Länder mit eindeutig marktwirtschaftlich ausgerichteter Wirtschaftspolitik.

Die BHF-BANK hat traditionell gute Kontakte zu allen größeren chilenischen Banken und unterstützt deutsche Exporteure bei der Abwicklung ihrer Außenhandelsgeschäfte mit diesem Land.

Kontakt: ingo.gerding@bhf-bank.com

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