In Großbritannien liegt die durchschnittliche Zahlungsfrist aktuell bei 20 Tagen und in Irland bei 28 Tagen. Es sind die einzigen Länder Westeuropas, in denen die durchschnittlichen Zahlungsfristen im Vergleich zur Vorjahreserhebung kürzer ausfallen.

Im Vereinigten Königreich fielen die durchschnittlich gewährten Zahlungsfristen in den vergan­genen zwölf Monaten vier Tage kürzer aus als noch 2018. Die Brexit-Unsicherheit führte bei den Briten zu kürzeren Zahlungszielen von nur noch durchschnittlich 20 Tagen. Worauf sollten Exporteure jetzt verstärkt achten?

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Der Brexit, die Krise im Automobilsektor oder die Handelsstreitigkeiten zwischen den USA auf der einen sowie China und der EU auf der anderen Seite haben die globale Wirtschaft verunsichert. Die getrübte weltweite Wirtschaftslage dürfte auch in den kommenden Monaten laut unseren Prognosen angespannt bleiben.

Die Verlangsamung der weltweiten Konjunktur, die 2019 voraussichtlich nur noch um 2,6% wächst, markiert das Ende der Phase der rückläufigen Unternehmensinsolvenzen seit der weltweiten Finanzkrise. Diese hatte vor gut einem Jahrzehnt viele Unternehmen in Liquiditätsschwierigkeiten gebracht oder sogar in die Insolvenz geführt. Insolvenzen zogen wiederum Folgeinsolvenzen nach sich und sorgten so auf breiter Basis für unerwartete Zahlungsausfälle in den Unternehmen. Für das laufende Jahr gehen wir von einer Zunahme der Insolvenzen von 2,7% in Westeuropa aus. 2020 werden die Firmenpleiten weltweit voraussichtlich erneut um 0,7% steigen. Die aktuelle Situation erhöht den Druck auf die Liquidität der Unternehmen. Die diesjährige Atradius-Studie zur Zahlungsmoral bestätigt diesen Negativtrend in der Wirtschaft auch für Westeuropa.

Für das aktuelle Zahlungsmoralbarometer Westeuropa wurden im dritten Quartal 2019 mehr als 2.700 westeuropäische ­Firmen aus 13 Ländern nach ihren Zahlungserfahrungen im Firmengeschäft befragt. Die Studie wird bereits seit 2006 erhoben.

Zahlungsmoral britischer Firmen spiegelt Brexit-Unsicherheit wider

Die Unsicherheiten um die Modalitäten des Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union halten seit der Abstimmung der britischen Bevölkerung im Juni 2016 an. Das Geschäftsklima auf der Insel leidet immer stärker darunter. Die britischen Unternehmen werden vorsichtiger.

Aufgrund der anhaltenden Unsicherheit durch den Brexit und des damit zusammenhängenden höheren Insolvenzrisikos in Großbritannien und Irland gewährten die befragten Lieferanten aus diesen beiden Ländern kürzere Zahlungsziele als noch 2018. In Großbritannien liegt die durchschnittliche Zahlungsfrist aktuell bei 20 Tagen (gegenüber 24 Tagen im vergangenen Jahr) und in Irland bei 28 Tagen (gegenüber 31 Tagen im Vorjahr). Es sind die einzigen Länder, in denen die durchschnittlichen Zahlungsfristen im Vergleich zur Vorjahreserhebung kürzer ausfallen.

Das Vorgehen der britischen Firmen ist wenig überraschend, wenn man sich die Entwicklung der ausstehenden Forderungen anschaut. In Großbritannien sind ­Lieferanten in diesem Jahr am stärksten vom Zahlungsverzug ihrer Firmenkunden betroffen, in Dänemark laut unserer Studie am wenigsten. Im Ländervergleich reicht dieser prozentuale Anteil von rund 35% in Großbritannien bis zu 20% bei den Dänen. Im Durchschnitt blieben 30% des Gesamtwerts der ausgestellten Rechnungen im Firmengeschäft über den Fälligkeitstermin hinaus offen und können nicht wie geplant als Liquidität verbucht werden.

Entwicklung der Zahlungsziele in Westeuropa

Die befragten deutschen Unternehmen geben wie gewohnt die kürzesten Zahlungsfristen an. Sie schwanken seit Jahren zwischen 20 und 24 Tagen. 2019 gewähren die deutschen Befragten ein Zahlungsziel von 22 Tagen. In den übrigen westeuropäischen Ländern sind die befragten Lieferanten eher gewillt, ihren Abnehmern längere Zahlungsziele einzuräumen. Spitzenreiter ist Griechenland mit 66 Tagen (gegenüber 62 Tagen im vergangenen Jahr). Der regionale Durchschnitt in Westeuropa liegt bei 34 Tagen (gegenüber 32 Tagen im zurückliegenden Jahr). Zum internationalen Vergleich: In der Americas- und der Asien-Pazifik-Region liegen die Fristen bei durchschnittlich 32 und in Osteuropa bei 37 Tagen.

Deutlich mehr uneinbringliche Forderungen in der EU

Die uneinbringlichen Forderungen in Westeuropa sind von 1,3% im vergangenen Jahr auf 2,2% gestiegen. In Deutschland liegt der Wert bei 2,1%. In der Vorjahresbefragung lag der Prozentsatz für Deutschland noch bei 0,7%.

Das verarbeitende Gewerbe in Westeuropa verzeichnete den zweithöchsten Anteil von Forderungen im Firmengeschäft, die als uneinbringlich abgeschrieben werden mussten (2,5% gegenüber 1,4% im Vorjahr). Im Großhandel/Einzelhandel/Verkauf lag der Anteil der abgeschriebenen Forderungen bei 2,3% (gegenüber 1,7% im zurückliegenden Jahr) und in der Dienstleistungsbranche bei durchschnittlich 1,8% (im Vergleich zu 1% im Vorjahr). Die westeuropäische Agrarindustrie gab den höchsten Anteil der als uneinbringlich abgeschriebenen Forderungen (2,7% gegenüber 1,7% im Vorjahr) an, gefolgt vom Maschinenbau mit 2,4% (gegenüber 1,2% im Vorjahr).

Die in Westeuropa befragten Unternehmen treiben überfällige Rechnungen früher als noch vor einem Jahr ein – durchschnittlich innerhalb von 51 Tagen gegenüber 57 Tagen im vergangenen Jahr. Der Trend spiegelt sich auch in der besseren Einhaltung der Zahlungsfristen wider, wonach Firmenkunden zuletzt durchschnittlich 67,5% ihrer Rechnungen fristgerecht beglichen haben im Vergleich zum Vorjahr mit 60,1%.

Im aktuellen Zahlungsmoralbarometer wurden die Studienteilnehmer auch nach ihrer Einschätzung für die kommenden Monate befragt. Die britischen und irischen Unternehmensvertreter sehen die kommenden Monate besonders kritisch im Vergleich zu den übrigen befragten Ländern. Jedes dritte britische Unternehmen rechnet mit einer weiteren Verschlechterung des Zahlungsverhaltens seiner Abnehmer. Insgesamt geht jedes vierte befragte westeuropäische Unternehmen von einer sinkenden Zahlungsmoral aus.

Zahlungsziele und damit Lieferantenkredite zu gewähren kann ein gutes Mittel sein, um in Zeiten sinkender Nachfrage das Geschäft zu sichern. Die deutschen Befragten gewähren 59% ihrer Forderungen auf Ziel (2018: 24%). Diese Strategie geht jedoch nur auf, wenn die Forderungen später auch als Liquidität verbucht werden können.

Welchen Zusatzaufwand Unternehmen einplanen müssen, um selbst vermeintlich kleinere Forderungsausfälle zu kompensieren, zeigt folgendes Beispiel: Ein Unternehmen mit einer Umsatzrendite von 2,5% muss bereits einen Mehrumsatz von 200.000 EUR erwirtschaften, um einen Forderungsverlust von 5.000 EUR auszugleichen. Mit einer Kreditversicherung von Atradius sparen Unternehmen also Zeit und Geld und gehen somit auf Nummer sicher.

Das aktuelle Zahlungsmoralbarometer Westeuropa kann hier kostenfrei heruntergeladen werden.

thomas.langen@atradius.com

www.atradius.de

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