Die Verabschiedung der Rentenreform steht kurz bevor. Eine Steuerreform könnte 2020 folgen. Zunächst bleibt die wirtschaftliche Belebung jedoch verhalten. Über die wirtschaftlichen Chancen und die Finanzierungsmöglichkeiten für das Brasilien-Geschäft sprachen Caroline Gaspar und Rodrigo Carlos mit dem ExportManager.

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Sehen Sie nach der Rezession und einer durch sinkende Rohstoffpreise angeheizten Wirtschaftskrise bereits eine Erholung in Brasilien?

Diese Krise hat sich als die schlimmste aller Zeiten in Brasilien erwiesen. Von einer solchen Rezession kann sich die Wirtschaft nicht schnell erholen. Die derzeitige Regierung wurde gewählt, um den Wandel im Land voranzutreiben, und sie hat sich bereits aktiv dafür eingesetzt, dass große Reformen in Bereichen wie Renten und Steuern beschlossen werden. In den ersten acht Monaten der Regierungszeit von Präsident Bolsonaro lag der Schwerpunkt darauf, Vertrauen zurückzugewinnen und die Grundlage für nachhaltiges Wachstum zu schaffen.

Eine positive Wahrnehmung sowie entsprechende Auswirkungen der ersten Reformen sollten im nächsten Jahr ebenso beobachtbar werden wie die Effekte anderer wichtiger Maßnahmen, die sich aus einer marktfreundlichen Politik ergeben (z.B. Privatisierungen, Konzessionen, öffentliche und private Partnerschaften). Eine Wiederbelebung der Konjunktur scheint somit wahrscheinlich, und somit hoffen wir, dass die gute Stimmung am Markt überwiegt und in Zukunft einen positiven Dominoeffekt verursachen wird.

Wie hat sich die Wirtschaft seit dem Amtsantritt des neuen Präsidenten im Januar 2019 entwickelt?

Nach einem Plus von 0,5% im ersten Quartal erhöhte sich das brasilianische BIP im zweiten Quartal um 1,0%. Ökonomen hatten zu Jahresbeginn noch ein BIP-Wachstum von 2% für das Gesamtjahr erwartet. Inzwischen wurden die Prognosen jedoch auf 0,8% gesenkt. Diese Ernüchterung ist vor allem durch die skeptische Haltung des Marktes zu erklären, der sich bis zum Abschluss der noch ausstehenden Reformen verhaltener zeigt. Die industriellen Kapazitäten sind derzeit nicht in vollem Umfang ausgelastet. Das müsste sich ändern, wenn künftig ein stärkeres Wachstum erfolgen soll.

Gibt es Reformen, durch die mit Auswirkungen auf die Import- und Exporttätigkeit gerechnet werden kann? Wenn ja, welche Auswirkungen werden erwartet?

Ja, die Renten- und Steuerreformen, die derzeit hinsichtlich einer Verabschiedung zur Diskussion stehen, werden einen entscheidenden Einfluss auf einen Stimmungswandel und die Wiederherstellung des Vertrauens in den brasilianischen Markt haben. Die Verabschiedung der Reformen dürfte die folgenden wesentlichen Auswirkungen haben: Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Aktivität, zusätzliche Investitionen ausländischer Investoren, eine Verlagerung von staatlichen Unternehmen in den privaten Sektor (eine bereits beobachtete Entwicklung) sowie eine Senkung der Arbeitslosenquote und damit ein Anstieg der Nachfrage.

Zudem ist erwähnenswert, dass die Reformen allein nicht den Anforderungen des Marktes gerecht werden können. Daher wurden von der Regierung weitere relevante Säulen initiiert wie z.B. der Beschluss einer marktfreundlichen Politik zum Abbau von Bürokratie und die Schaffung von Anreizsystemen zur Förderung von langfristigen Investitionen und Infrastrukturprojekten, ein effizienteres Steuersystem, ein sichereres rechtliches Umfeld sowie eine transparentere Politik zur Sicherung eines förderlichen Wettbewerbs zwischen den Marktakteuren.

Mit einer der wichtigsten Leitlinien hat die Regierung dem Markt ihre Bereitschaft signalisiert, den Anteil der Exporte am BIP zu erhöhen, der derzeit bei 23% liegt. Darüber hinaus wird das kürzlich angekündigte Handelsabkommen zwischen der EU und dem Mercosur dazu beitragen, den Handel zwischen den beiden Partnern anzukurbeln und die Messlatte für lokale Akteure höher zu legen, was letztendlich eine Gelegenheit zur Entwicklung darstellt, sollte man als ein globaler Akteur international wettbewerbsfähig sein wollen.

Wie sieht es für Unternehmen aus, die an einem Einstieg in den brasilianischen Markt interessiert sind? Ist aktuell der richtige Zeitpunkt?

Der richtige Zeitpunkt ist immer schwer vorherzusagen, aber es gibt positive Anzeichen, die den Weg für ein solides Wachstum ebnen. Ein Unternehmen, das sich derzeit für einen Einstieg in das Land entscheidet, wird wahrscheinlich im Jahr 2020 und darüber hinaus bessere makroökonomische Bedingungen vorfinden als bisher.

Stichwort Risikomanagement: Beim Eintritt in eine neue Region ist die Sicherheit der Zahlungen ein wichtiger Faktor. Wie können Exporte nach Brasilien gesichert werden?

Klassische Handelsfinanzierungsinstrumente sind nützliche Mittel, um Exportzahlungen nach Brasilien oder andere Länder abzusichern, wie z.B. Importakkreditive, Standby-Letters of Credit, Forderungsverkäufe, Kreditversicherungen. Andere Lösungen können in Betracht gezogen werden, wie z.B. stille Zahlungsgarantien, durch die Banken das Risiko absichern, welchem sich Verkäufer/Exporteur bei einem Geschäft mit einem Käufer aussetzen, vorbehaltlich bestimmter Kriterien und Prüfungen. Es ist wichtig zu betonen, dass Brasilien sich immer weiter in Richtung einer Marktöffnung bewegt. Die Möglichkeit, dass globale Exporteure aufgrund staatlicher Restriktionen nicht bezahlt werden, ist zum jetzigen Zeitpunkt zu vernachlässigen.

Wie unterstützen Sie Unternehmen, die an einem Einstieg in den brasilianischen Markt interessiert sind?

Die Deutsche Bank ist seit mehr als 100 Jahren in Brasilien präsent. Diese Expertise ist entscheidend für die Unterstützung unserer Konzernkunden und von deren Tochtergesellschaften. Beim Eintritt in den brasilianischen Markt können Unternehmen Unterstützung bei ihrem Cashmanagement sowie in den Bereichen Handelsfinanzierung, kapitalmarktstrukturierte Transaktionen sowie Devisenlösungen erhalten. Wir zählen einige der führenden brasilianischen sowie globalen multinationalen Unternehmen zu unseren Hauptkunden und sind zudem ein vertrauenswürdiger Partner für internationale Finanzinstitutionen.

Welche Erfahrungen haben Sie aktuell im Trade-Finance-Geschäft gesammelt?

Unser Spektrum an Trade-Finance-Lösungen ist sehr umfangreich. Es reicht von lokalen und internationalen Garantien über Handelsdienstleistungen (z.B. Akkreditivgeschäft) und kurz- und langfristige Kredite bis hin zu Financial-Supply-Chain-Lösungen. Eine unserer Stärken ist unsere Freude an komplexen und maßgeschneiderten Lösungen, die letztlich Mehrwert für unsere Kunden schaffen. Dies belegen unter anderem die folgenden Beispiele:

Eine große Fluggesellschaft benötigte eine Garantie zur Unterstützung der Wartung von Flugzeugen in ihrer Flotte. Begünstigte waren die Eigentümer der Leasinggesellschaft der Flugzeuge. Unter der Leitung des Trade-Finance-Teams in Brasilien wurde eine strukturierte Lösung entwickelt.

Die National Agency of Petroleum, Natural Gas and Biofuels  (ANP) hat öffentliche Ausschreibungen für Unternehmen veröffentlicht, die an der Erschließung von Ölfeldern in Brasilien interessiert sind. Wir haben unsere Kunden durch die Auslegung von Bietungs- und Performancegarantien sowie weitere Kreditfazilitäten unterstützt, die lokal und offshore gebucht wurden.

Ein global tätiges Unternehmen im Bereich „Hard Commodities“ wurde im Rahmen eines umfangreichen Forderungsankaufprogramms unterstützt. Die Struktur beinhaltet diverse Schuldner mit individuellen Bedingungen (wie Laufzeiten, Währung, Preisgestaltung, Standort, Absicherungsbedarf). Es wurden keine zusätzlichen Kosten für die Herausgabe der Linien berechnet. Diese Lösung ist für den Kunden entscheidend, um die Erreichung der anspruchsvollen Working-Capital-Kennzahlen zu gewährleisten und wird seit mehr als fünf Jahren erfolgreich eingesetzt.

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