Bei kaum einem anderen Land stellen sich auf Anhieb so viele Assoziationen ein wie bei Brasilien: Fußball, Karneval und Copacabana, Zuckerhut und die Regenwälder des Amazonas. Nicht annähernd so präsent: das ökonomische Potential Brasiliens. Trotz der aktuellen Schwächephase ist die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt nicht nur das Kraftzentrum Südamerikas, sondern auch ein wichtiger Wirtschaftspartner Deutschlands. Mit Exporten von rund 12 Mrd EUR ist Deutschland der viertgrößte Lieferant Brasiliens.

Von Harald Lipkau, Country Manager Brasilien, Commerzbank AG

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Die brasilianische Wirtschaft schrumpft derzeit. Für das Gesamtjahr 2015 sehen Prognosen einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 2% voraus. Die Leitzinsen stiegen Ende Juli 2015 auf 14,25 Punkte, und die Inflation bewegt sich in Richtung 9%. Weil der Regierung deshalb Leitzinssenkungen zur Ankurbelung der Konjunktur nicht opportun erscheinen, versucht sie, die hohe Geldentwertung durch einen rigorosen Sparkurs einzudämmen – der natürlich die Inlandsnachfrage dämpft.

Vorerst muss Brasilien also durch eine Dürreperiode. Industrie und Konsumenten verhalten sich abwartend. Von einem wirklichen Absturz allerdings ist keine Rede, denn das Land verfügt über großes ökonomisches Potential. Investoren finden hier einen längst noch nicht gesättigten Markt, eine fortgeschrittene Industrialisierung und breite Rohstoffvorkommen. So erwarten Analysten, dass Brasilien auf mittlere Sicht wieder auf einen dynamischen Wachstumsverlauf einschwenken wird.

Hoffnungsträger Erdöl

Einer der Pfeiler, auf denen diese Einschätzung beruht, ist der Öl- und Gassektor. Die großen neuen Offshorequellen, die ambitionierten Pläne zu ihrer Erschließung sowie die noch intensiv auszubauende Infrastruktur – einer der Schwachpunkte des Landes – schaffen interessante Perspektiven gerade für deutsche Zulieferer aus dem Bereich des High-Tech-Engineering. Nach Angaben von Petrobras liegt mehr als die Hälfte der weltweit zwischen 2005 und 2010 entdeckten Öl- und Gasquellen in der Tiefsee, davon 62% in Brasilien. Von 35 großen neuen Erdölfeldern über 1 Mrd Barrel befinden sich allein elf in Brasilien.

Die Branche steht momentan allerdings im Schatten des Petrobras-Skandals. Manager des staatlich kontrollierten Ölkonzerns sollen fast zehn Jahre lang mit Zulieferern überhöhte Preise für den Bau von Raffinerien und andere Lieferungen vereinbart und dafür Bestechungsgelder kassiert haben. „Wir müssen ermitteln und bestrafen“, hatte Brasiliens Staatspräsidentin Dilma Rousseff erklärt, „aber ohne Petrobras zu schwächen.“ Der Grund: Petrobras ist das strategisch bedeutendste Unternehmen des Landes, der größte Arbeitgeber und Investor – der Konzern ist für 10% der gesamten Investitionen in Brasilien verantwortlich.

Neben den Investitionen in neues Equipment, die im Zeitraum bis 2017 jährlich rund 20 Mrd bis 25 Mrd USD betragen sollen, bietet sich ein weniger sichtbares, aber um so lukrativeres Geschäftsfeld in der Wartung, im Service und bei Ersatzteilen. Laut Petrobras liegen die Ausgaben für Wartung mit rund 50 Mrd USD pro Jahr mehr als doppelt so hoch wie die Neuinvestitionen. Und sie werden wegen der großen Zahl neuer Plattformen in Zukunft noch weiter zunehmen.

Positive Auswirkungen für deutsche Exporteure

Die Aufarbeitung des Skandals könnte aber auch dazu führen, dass deutsche Zulieferer einen leichteren Zugang zur bislang sehr geschlossenen Beschaffungswelt der Öl- und Gasindustrie bekommen. Eduardo Braga, Minister für Bergbau und Energie, verkündete Anfang Mai einen neuen, gelockerten Ansatz bezüglich der Auflagen an die lokale Wertschöpfung. Bislang ist der Marktzugang für ausländische Unternehmen nicht ganz unproblematisch – Stichwort Local Content. Brasilien will ausdrücklich die einheimische Zulieferkette ausbauen. So gelten je nach Projekt, Ort und Produkt numerisch festgelegte Mindestanteile der inländischen Wertschöpfung. Wo die einheimische Industrie noch Lücken im Produktangebot hat, ist der Local Content entsprechend niedriger, wird aber stufenweise verschärft. Internationale Zulieferunternehmen sollten also immer auch die Alternative einer lokalen Produktion in Erwägung ziehen und dabei die Attraktivität des Marktes gegen im internationalen Vergleich höhere Produktionskosten abwägen.

Kooperationen als Kompromiss

Dabei müssen Local-Content-Vorgaben nicht immer von heute auf morgen erfüllt, sondern können oft bilateral ­verhandelt werden. Brasilien will sich schließlich den Zugang zu ausländischem Know-how nicht komplett ab-schneiden. Einen Ausweg bietet der stufenweise Aufbau der nationalen Fertigungsrate über einige Jahre hinweg – Zeit genug für ausländische Unternehmen, eine lokale Fertigung aufzubauen. Eine weitere Möglichkeit sind Partnerschaften mit einheimischen Unternehmen, wie sie beispielsweise Petrobras bereits mit zahlreichen multinationalen Unternehmen unterhält. Dass die dabei entstehenden Innovationen die hohen Produktionskosten in Brasilien mehr als kompensieren können, zeigt das Beispiel eines bayerischen Pumpenherstellers. Gemeinsam mit Petrobras entwickelte er in Brasilien ein Produkt, das er heute erfolgreich auf dem Weltmarkt und sogar in der Volksrepublik China verkauft. Brasilien, und insbesondere sein Öl- und Gassektor, ist also ein hochattraktiver, aber kein ganz einfacher Markt.

Große Bedeutung von Hermesdeckungen

Angesichts der gegenwärtig schwierigen wirtschaftlichen Situation vieler brasilianischer Importeure sind Exportfinanzierungen häufig die Voraussetzung für einen erfolgreichen Geschäftsabschluss. Dafür stehen bei brasilianischen Abnehmern deutscher Güter die vielfältigen Möglichkeiten von Hermesdeckungen zur Verfügung. Sie spielen in Brasilien eine besonders große Rolle. Zwar zählt die staatliche brasilianische Entwicklungsbank BNDES zu den größten der Welt, doch subventionierte Finanzierungen kommen nur für Kapitalgüter in Frage, die zu mindestens 60% lokalen Ursprungs sind. Außerdem ist die Kreditgenehmigung erfahrungsgemäß recht langwierig und komplex. Deshalb stellt eine aus Deutschland „mitgelieferte“ Exportfinanzierung oft ein entscheidendes Verkaufsargument dar, sei es als Lieferanten- oder als Bestellerkredit.

Der intensiv genutzte Hermes-gedeckte Lieferantenkredit eignet sich bereits für Auftragswerte ab 200.000 EUR zum Forderungsverkauf. Der Exporteur kann dabei den Selbstbehalt aus seiner Hermesdeckung auch weiterhin auf 5% reduzieren. Wichtig ist hier neben einer guten Dokumentation, dass der Liefer­vertrag deutschem Recht unterstellt und als Gerichtsstand Deutschland vereinbart wird. Außerdem macht der Bund bei brasilianischen Schuldnern häufig einen registrierten Eigentumsvorbehalt zur Auflage. Es empfiehlt sich deshalb, frühzeitig eine Anwaltskanzlei vor Ort einzuschalten.

Hermes-gedeckte Bestellerkredite werden dem ausländischen Abnehmer von der Bank des deutschen Exporteurs auf Grundlage des Exportvertrags direkt gewährt. Einer der Vorteile für den Importeur dabei ist, dass er diese Finanzierung ohne Beanspruchung seiner lokalen Kreditlinien und im Regelfall ohne zusätzliche Sicherheiten erhält. Diese Variante der Exportfinanzierung spielt daher insbesondere für mittelständische brasilianische Unternehmen eine wichtige Rolle. Kreditlaufzeiten von fünf bis zehn Jahren und vergleichsweise günstige Konditionen sind ein Verkaufsargument für die Investition in deutsche Maschinen.

São Paulo ist das wirtschaftliche Herz

Auch wenn Brasília die Hauptstadt des Landes ist: Das wirtschaftliche Herz Brasiliens schlägt in São Paulo, dem größten industriellen Ballungsraum in Lateinamerika. Von den etwa 1.400 deutschen Unternehmen, die mit eigenen Einheiten in Brasilien präsent sind, haben sich rund 900 in diesem Großraum niedergelassen.

Diese Unternehmen benötigen einen Bankpartner vor Ort, der sie bei ihren Geschäften begleitet. Das können grenzüberschreitende Finanzierungen, Cashmanagementlösungen, strukturierte Export- und Handelsfinanzierungen, Risikomanagement und nicht zuletzt länderspezifisches Know-how sein. Ein Großteil der in Brasilien ansässigen deutschen Unternehmen ist schon heute Kunde der Commerzbank in Deutschland.

Derzeit arbeitet die Commerzbank an der Gründung ihrer lokalen Tochtergesellschaft in São Paulo. Damit verbunden ist die Beantragung einer Lizenz zur ­Aufnahme des Geschäftsbetriebes. Ein Eröffnungstermin ist vorbehaltlich der abschließenden Prüfungen durch die Aufsichtsbehören für das erste Quartal 2016 geplant. Europäischen Unternehmen, die in Brasilien aktiv sind, steht dann ebenso wie internationalen Unternehmen auf deren Weg nach Europa die komplette Palette des Corporate und Investmentbankings zur Verfügung.

Kontakt: harald.lipkau@commerzbank.com

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