Eine aktuelle Studie der Internationalen Handelskammer (ICC), der „Survey on Trade Finance 2015“, kommt zu dem Ergebnis, dass Banken zunehmend Außenhandelsfinanzierungen zurückweisen. Besonders betroffen sind kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Wir sprachen mit Henry Balani, Global Head of Innovations bei Accuity, über die Folgen der Regulierungen auf die Außenhandelsfinanzierung und wie Unternehmen damit umgehen können.

Sylvia Röhrig im Gespräch mit Henry Balani, Global Head of Innovations, Accuity

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Herr Balani, der aktuelle „Survey on Trade Finance 2015“ der ICC kommt zu dem Ergebnis, dass etwa 50% der Finanzierungsanträge von KMU zurückgewiesen werden, bei den großen Unternehmen sind es etwa 20%. Die Banken begründen die Ablehnungen mit den wachsenden Anforderungen der Regulatoren hinsichtlich „Know Your Customer“ (KYC), Geldwäschevorschriften und der Compliance mit Sanktionen. Ist das aus Ihrer Sicht nachvollziehbar?

Ja, auf jeden Fall. Die Außenhandelsfinanzierung ist im kurzfristigen Bereich (30 bis 90 Tage) für Banken grundsätzlich ein Geschäft mit sehr geringen Margen. Ein Grund dafür ist der hohe Wettbewerb unter den Banken. Zudem ist das Akkreditivgeschäft relativ risikoarm, was sich ebenfalls in niedrigen Margen widerspiegelt. Die zunehmenden Regulierungen und Complianceanforderungen verursachen den Banken zusätzliche Kosten, weil sie die im Außenhandelsgeschäft involvierten Kunden und Produkte immer genauer prüfen müssen. Das erhöht den Druck auf die Margen.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass die Banken nach größeren Kunden bzw. höheren Geschäftsvolumina Ausschau halten und Geschäfte mit zu hohen Risiken bzw. zu hohen Kosten ablehnen. Denn der Aufwand, der für die Due Diligence betrieben werden muss, ist unabhängig vom Geschäftsvolumen. Er dürfte sogar niedriger bei großen, etablierten Unternehmen sein, weil diese in der Regel die Prüfungen im Vorfeld eines Finanzierungsantrags selbst besser vorbereiten. Die kleinen Unternehmen verlassen sich dagegen eher auf die Banken, dass diese als Dienstleister die Überprüfungen durchnehmen. Es ist aber de facto so, dass sowohl das exportierende Unternehmen als auch die finanzierende Bank in der Verantwortung stehen, die Vorschriften zu erfüllen, um „compliant“ zu sein.

Welche Regulierungen und Vorschriften stellen derzeit eine besondere Herausforderung für Unternehmen und Banken in Europa und den USA dar?

Es ist allgemein bekannt, dass nach den Terrorangriffen auf das World Trade Center im September 2001 viele Staaten zur weltweiten Bekämpfung des Terrorismus damit begonnen haben, personen-, organisations- sowie güterbezogene Sanktionslisten zu erlassen. Besonders aktiv beim Erlass von Verordnungen und bei der Durchsetzung von Sanktionen waren die sogenannten Big Four: der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, die USA, die EU und Großbritannien. Darüber hinaus hat aber jedes einzelne Land seine eigenen nationalen Sanktionslisten. Die USA sind dafür bekannt, dass sie besonders streng bei der Durchsetzung ihrer Regulierungen über die eigenen Grenzen hinaus agieren und sich dabei auf das Prinzip der Extraterritorialität berufen.

Wenn Unternehmen exportieren, stehen sie vor der Herausforderung, alle diese Listen im Blick zu haben und zu prüfen, ob ihr Geschäft „compliant“ ist. Insbesondere die großen globalen Banken und internationalen Unternehmen sind darauf bedacht, die Complianceanforderungen zu erfüllen. Denn es drohen nicht nur hohe Strafen; auch die Reputation steht auf dem Spiel. Das ist auch der Grund, warum die Complianceabteilungen immer größer werden.

Wie ernsthaft bedrohen die zunehmenden Regulierungen und hohen Complianceanforderungen die Außenhandelsfinanzierung aus der Sicht der Banken? Was sind die Folgen für den ­Bankensektor?

Für die Banken, die weltweit stark reguliert werden, wächst der Wettbewerbsdruck. Banken stehen sowohl zu-nehmend im Wettbewerb mit Banken anderer Regionen und Länder als auch mit Finanzinstituten, die nicht dem Bankensektor angehören, d.h. mit Anbietern von Finanzierungen, die weder eine Banklizenz haben noch einer Bankenaufsicht unterliegen. Wenn Banken Geschäfte ablehnen, weil die Risiken zu hoch oder die Margen zu niedrig sind, geht dieses verlorene Geschäft mög­licherweise an Finanzinstitute außerhalb des Bankensektors oder an Banken in Ländern wie China oder im Nahen Osten, wo höhere Liquiditätsquoten zu einem Wettbewerbsvorteil gegenüber z. B. den EU-Banken führen. Für Banken ist es somit sehr wichtig, über sehr effiziente Systeme zur Prüfung der Kunden, Vorschriften und Sanktionslisten zu verfügen und die Kosten zu verringern.

Was sind die Folgen aus der Sicht der Unternehmen?

Wenn Unternehmen eine Finanzierung für ihr Geschäft suchen und das Angebot der Bank zu teuer ist und/oder die Offenlegung von zu vielen Daten erfordert, werden sie möglicherweise nach alternativen Anbietern suchen. Diese gibt es am Markt – wie bereits erwähnt – entweder bei Nichtbanken oder bei Banken in Ländern mit weniger strengen Regularien. Allerdings werden die alternativen Finanzierungsinstitutionen den Exportfirmen nicht den gleichen Standard bieten können wie die Banken, und die Firmen gehen somit Risiken ein, deren sie sich bewusst sein müssen.

Was raten Sie den mittelständischen Unternehmen?

Auch kleine und mittelständische Unternehmen müssen sich der ­Veränderungen am Markt bewusst werden und sich mit den Themen KYC, Geldwäschevorschriften und Compliance beschäftigen. Wichtig ist, dass sie ihre Kunden- und Sanktionslistenprüfungen vornehmen, bevor sie ihre Finanzierung bei einer Bank beantragen.

Mit welchen Ländern sind Handelsgeschäfte besonders risikoreich?

Es gibt eine Reihe von länderbezogenen Embargos bzw. Ländern, die starken Sanktionen unterliegen, wie z. B. Iran, Russland, Nordkorea, Sudan und einzelne Hochrisikoländer in Afrika. Wichtiger ist allerdings, dass man sich die Güter anschaut, die exportiert werden. Banken sowie Unternehmen müssen in der Lage sein, Dual-Use-Güter zu erkennen. Darüber hinaus müssen die Institutionen und Personen, mit denen Geschäfte gemacht werden, und vor allem auch ihre Eigentumsverhältnisse bzw. ihre Verflechtungen mit sanktionierten Institutionen und Personen genau geprüft werden. Diese Prüfungen sind sehr komplex und aufwendig. Die Nutzung einer guten Software ist dabei sehr hilfreich.

Die Regulierungen und Complianceanforderungen weichen in den verschiedenen Jurisdiktionen (EU, USA, Asien) oft voneinander ab. Vor welchen Herausforderungen stehen Unternehmen diesbezüglich?

Es gibt eine große Menge an Vorschriften und Sanktionslisten, viele Regularien weisen Ähnlichkeiten auf. Aber es gibt auch uneinheitliche Regeln in verschiedenen Ländern, die für Verunsicherung sorgen. Dieses Problem stellt sich aktuell z. B. hinsichtlich der Aufhebung der Iran-Sanktionen nach dem Abschluss des Wiener Iran-Abkommens im vergangenen Sommer. Offensichtlich gibt es unterschiedliche Interpretationen seitens der USA und der EU, was die Aufhebung der Sanktionen für iranische Banken anbetrifft. Während die EU zum Implementation-Day diese Sanktionen aufheben wird, bleiben die iranischen Banken aus US-Sicht weiter mit Sanktionen belegt. Europäische Banken, denen das Geschäft mit amerikanischen Korrespondenzbanken wichtig ist, werden sich folglich auch nach dem Implementation-Day kaum auf eine Finanzierung des Iran-Geschäfts einlassen. Dieses wird voraussichtlich weiterhin durch Finanzinstitute außerhalb des regulierten Bankensektors oder Banken (außerhalb der EU) übernommen, für die die Durchsetzung amerikanischer Sanktionen kein größeres Risiko darstellt.

Accuity hat sich auf die Entwicklung von Softwarelösungen für effiziente Zahlungen, Kundenüberprüfungen (KYC), Risiko und Compliance spezialisiert und ist global aufgestellt. Die Erschließung des deutschen Marktes mit der Öffnung eines Büros in Frankfurt am Main ist allerdings neu. Was kann Accuity besonders gut auf diesem wettbewerbsintensiven Markt anbieten?

Accuity blickt auf eine 175 Jahre lange Unternehmenstradition zurück. Die ursprüngliche Aufgabenstellung des Unternehmens besteht darin, den Banken die notwendigen Informationen für ihren Zahlungsverkehr rund um die Welt zu geben. In den USA sind wir z. B. dafür zuständig, die Finanzinstitutionen mit Bankleitzahlen, also den BIC-Codes zu versorgen.

Vor etwa 25 Jahren haben wir erkannt, dass das Thema Compliance zunehmend an Bedeutung für Banken und Unter­nehmen gewinnt. Unser Geschäftsmodell hat sich nach den Terroranschlägen 2001 komplett gewandelt. Uns wurde die Aufgabe zugetragen, die Finanzkanäle nach kriminellen Aktivitäten und Geldwäsche zu überprüfen.

Aufgrund unserer Historie verfügen wir über sehr genau Bankinformationen weltweit. Diese verknüpfen wir mit allen Sanktionslisten dieser Welt. Der Schlüssel für ein effizientes Screeningsystem ist aber vor allem auch, über einen guten Algorithmus bzw. eine gute Methode zur Problemlösung zu verfügen. Entscheidend ist, dass beim Abgleichen der Daten möglichst wenig falsche Treffer entstehen und beim Screening der Daten eine hohe Effizienz erreicht wird. Unsere Stärke liegt darüber hinaus in der Innovationsfähigkeit unserer Software und ihrer Anpassung an die sich ständig ändernden Marktanforderungen.

Kontakt über: raimund.kaufmann@accuity.com

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