Die Durchführung von Investitionsvorhaben in Bangladesch galt lange Zeit als schwierig, da langfristige Finanzierungen fehlten bzw. sich Ausschreibungen als sehr komplex herausstellten. Mittlerweile hat sich auch die Bankenstruktur grundlegend verändert. Neben fünf staatlich gesteuerten Banken verfügt das Land über zahlreiche Privatbanken, wodurch der Spielraum für Investitionen wächst.

Bangladesch und Textilindustrie – für die Bewohner der westlichen Industriestaaten gehen diese beiden Begriffe miteinander einher. Das Land der Flüsse entwickelte sich seit Beginn der 80er Jahre zur weltweiten Produktionsstätte für Textilien und ist mittlerweile zweitgrößter Textilproduzent nach China.

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Während 1977 noch von acht Fabriken die Rede war, sind heute weit über 3.000 in Betrieb und bieten Beschäftigung für rund 3,6 Millionen Menschen. Die Kleiderindustrie macht rund 20% des BIP des Landes aus und stellt 80% aller Exporte dar. Somit bildet sie neben dem Agrarsektor den tragenden Pfeiler der Wirtschaft Bangladeschs.

Aktuelle Wirtschaftslage

Bangladesch hat eine Fläche von knapp 148.000 qkm und ist somit etwa doppelt so groß wie Bayern. Mit seinen rund 165 Millionen Einwohnern und einer Bevölkerungsdichte von 1.100 Einwohnern pro qkm zählt das Land zu den besonders dicht besiedelten Staaten der Welt. Sein zuletzt durchschnittliches BIP von über 7% verdankt das Land der seit Jahrzehnten erstarkenden Textilindustrie. 2018 stieg das BIP auf 7,9% an, während die Prognose für 2019 bei 7,7% liegt. Für die Ankurbelung der Wirtschaft nehmen in Bangladesch auch Geldtransfers einen wichtigen Stellenwert ein. Die Rücküberweisungen von im Ausland beschäftigten Bürgern betrugen zwischen 2012 und 2018 durchschnittlich 1,2 Mrd USD monatlich. Die Verfügbarkeit von mehr Geld in den privaten Haushalten macht sich im Land zunehmend bemerkbar. Mit Hilfe der hohen Geldflüsse steigert sich der Konsum der Einzelnen, und es werden mehr Investitionen getätigt. Dennoch belief sich die Inflationsrate 2018 auf für Schwellenländer noch moderate 5,5%. Im laufenden Jahr wird sich diese vermutlich geringfügig auf 5,3% reduzieren.

Nähstube der Welt

Ausschlaggebend für den Boom der Textilindustrie in Bangladesch sind die günstigen Konditionen, zu denen Kleider produziert werden. Jedoch wurde der Ruf nach besseren Arbeitsbedingungen und dem Einhalten von Sicherheitsstandards spätestens seit dem Einsturz der Rana-Plaza-Fabrik im April 2013 laut. Lokale Gewerkschaften setzen sich auch für einen höheren Lohn für Näherinnen und Näher ein und erzielten Anfang 2019 bereits die zweite Lohnsteigerung: Mit Einführung des Mindestlohns von 8.000 BDT (ca. 94 USD) pro Monat hat sich der Lohn von 5.300 BDT pro Monat 2018 um 51% erhöht. Diese Entwicklungen ziehen langfristig steigende Kosten für die Textilproduktion nach sich. Eine daraus resultierende mögliche Verlagerung der Bestellungen in andere Länder wie Pakistan, Indien, Vietnam, Kambodscha oder auch die Türkei und Äthiopien stellt für die Hersteller und die Regierung ein wirtschaftliches Risiko dar.

Doch nicht nur die inländischen Entwicklungen, sondern auch globale Faktoren, wie sich verändernde Handelsbeziehungen, Anpassungen von Kosten und von Zugängen zu Versand- und Logistikrouten sowie steigende Rohstoffkosten stellen den Wirtschaftssektor Textil vor neue Herausforderungen. Die Loslösung von der starken Abhängigkeit vom Textilsektor stellt einen wichtigen Faktor in der Wirtschaftsstrategie Bangladeschs dar.

Nationaler Entwicklungsplan

Die Regierung Bangladeschs strebt mit ihrem „Country Operation Business Plan“ (COBP) 2019–2021, der u.a. finanziell von der Weltbank unterstützt wird, die flächendeckende Entwicklung des Landes an. Dabei sieht die Verteilung der Förderung auf die unterschiedlichen Sektoren wie folgt aus: Energie (23,5%), Verkehr (21,9%), Wasser und andere städtische In-frastrukturen und Dienstleistungen (21,4%), Landwirtschaft, natürliche Ressourcen und ländliche Entwicklung (13,0%), Bildung (12,8%) sowie Finanzen und Verwaltung des öffentlichen Sektors (7,4%). Damit soll gegen Defizite wie eine schwache Infrastruktur und eine mangelhafte Energieversorgung vorgegangen werden. Bereits 2018 wurden nationale Förderungen implementiert, so dass das Bruttoeinkommen seit kurzem im Schnitt bei 1,47 USD pro Tag liegt. Damit wurde Bangladesch von der Weltbank von einem „Low Income Country“ zu einem „Lower-Middle Income Country“ hochgestuft. Die Regierung sieht diesen Schritt als einen klaren Erfolg im Kampf gegen die Armut im Land. Ziel ist es nun, den Lebensstandard der Bevölkerung weiter zu erhöhen, um 2021 den Status als „Middle Income Country“ zu erreichen.

Wirtschaftliche Diversifikation

Bangladesch bietet vielfältiges Potential, um sich wirtschaftlich breiter aufzustellen. Wichtige Sektoren sind dabei beispielsweise Industrie, Tourismus und Telekommunikation. Auch der Energiesektor wird als zukunftsträchtig betrachtet: Die bisher lückenhafte Energieversorgung soll flächendeckend ausgebaut werden. Zurzeit werden rund zwei Drittel der Abnehmer mit lokal gewonnenem Erdgas versorgt. Da diese Ressource endlich ist, plant die Regierung, Flüssigerdgas einzuführen und Gaskombikraftwerke zu errichten. Sowohl südostasiatische Konzerne, z.B. Summit Power aus Singapur oder Reliance Power aus Indien, aber auch europäische Unternehmen, z.B. Siemens, nehmen am Ausbau der Kraftwerkskapazitäten teil. Ein weiterer Fokus liegt auf den erneuerbaren Energien, die 10% der Versorgung bis 2020 ausmachen sollen. So wurden bereits 4,5 Mio Solarhausanlagen installiert. In einem weiteren Großprojekt unterstützt die Asian Development Bank zurzeit den Ausbau von schwimmenden Solaranlagen.

Finanzierungslösungen

Die Durchführung von Investitionsvorhaben in Bangladesch galt lange Zeit als schwierig, da langfristige Finanzierungen fehlten bzw. sich Ausschreibungen als sehr komplex herausstellten. Mittlerweile hat sich auch die Bankenstruktur grundlegend verändert. Neben fünf staatlich gesteuerten Banken verfügt das Land über zahlreiche Privatbanken, wodurch der Spielraum für Investitionen wächst.

Traditionell werden Importe und Exporte über eher kurzfristige Akkreditive finanziert. Hierfür bieten sich sogenannte UPAS-Finanzierungen (Usance L/C Payable at Sight) an. Dabei werden üblicherweise Finanzierungsperioden von 90 bis 360 Tagen abgedeckt. Der Lieferant erhält die Zahlung bei Vorlage der Lieferdokumente, jedoch bezahlt der Importeur den Dokumentenwert plus Finanzierungszinsen erst nach Ablauf der Nachsichtperiode. Daneben werden seit einigen Jahren verstärkt ECA-gedeckte Finanzierungen (Export-Credit-Agencies) genutzt. Diese ermöglichen den kreditgebenden Banken eine Bereitstellung von Mitteln über einen längeren Zeitraum. So werden für  langlebige Kapitalgüter mit größeren Exportwerten Kredite mit Laufzeiten zwischen fünf und zehn Jahren realisiert.

Erfahrungen mit Importen und Exporten

Aufgrund breiter Investitionsmöglichkeiten im aufstrebenden Bangladesch können wir von positiven Erfahrungen in den Bereichen Pharmazie, Energie, Industrie und Textil berichten. So nimmt u.a. die BEXIMCO Group, ein über verschiedene Wirtschaftszweige organisiertes Konglomerat, ECA-Finanzierungen von ODDO BHF in Höhe von fast 70 Mio EUR in Anspruch. Im Rahmen einer Expansion von BEXIMCO Pharmaceuticals wurden Maschinenlieferungen über 36 Mio EUR nach Saudi-Arabien unterstützt. Zudem begleitete ODDO BHF eines der führenden Stahlunternehmen Bangladeschs, GPH Ispat Ltd., für dessen Aufbau eines neuen Stahlwerks mit ECA-gedeckten Mitteln in Höhe von 95 Mio USD.

Steigender Handel

Bemerkenswert ist die Entwicklung der deutschen Ausfuhr nach Bangladesch, die 2018 ein Wachstum von 13,3% aufwies. Währenddessen erreichte die Einfuhr von Gütern aus Bangladesch nur eine Steigerung von 8,0%. Im ersten Halbjahr 2018 bestand die Einfuhr zu 94,8% aus Textilien und Bekleidung, dagegen wurden zu 52,5% Maschinen nach Bangladesch ausgeführt, gefolgt von chemischen Erzeugnissen mit 17,7% und Elektrotechnik mit 11,9%.

Trotz der zahlreichen Herausforderungen, wie einer immer noch schwachen Infrastruktur sowie der hohen Abhängigkeit Bangladeschs von Energieimporten und der Textilindustrie, ist insgesamt eine positive wirtschaftliche Entwicklung zu verzeichnen. Neben Vietnam gilt Bangladesch als eines der Länder, die in Asien ein sehr starkes Wachstum aufweisen. Mit einer sich diversifizierenden Wirtschaft sowie erprobten und passgenauen Finanzierungslösungen ergeben sich in Bangladesch neue und vor allem sehr interessante Absatzmöglichkeiten für die Exportwirtschaft.

Lutz.Dunker@oddo-bhf.com

Florian.Schifferdecker@oddo-bhf.com

www.oddo-bhf.com

 

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