Viele Jahre folgte die Wirtschaftspolitik in Argentinien protektionistischen Maximen. Durch einen Schuldenstreit war das Land zudem von den internationalen Kapitalmärkten abgeschnitten. Die Regierung Mauricio Macris hat einen Kurswechsel vollzogen und Argentinien geöffnet. Hierdurch und aufgrund vielfältiger Infrastrukturprojekte bieten sich für Unternehmen aus Deutschland neue Möglichkeiten.

Von Thomas Schröder Strukturierte Außenhandelsfinanzierung, BHF-BANK

Beitrag als PDF (Download)

Mit großen Reformanstrengungen geht die liberal-konservative Regierung unter Präsident Mauricio Macri daran, Argentinien aus der Krise zu führen. Nach einem Rückgang des Bruttosozialprodukts um rund 2% in diesem Jahr wird für das Jahr 2017 ein Wachstum von 3% bis 5% erwartet. Macri regiert seit Ende 2015 und hat mit seinen zum Teil zuvor in der Wirtschaft tätigen Ministern bereits viel auf den Weg gebracht.

Nach mehr als einem Jahrzehnt protektionistischer Politik setzt die neue Regierung auf Liberalisierung und auf die Reaktivierung der Außenwirtschaftsbeziehungen. Die Devisenbeschränkungen wurden gelockert, der Peso ist lokal wieder konvertierbar. Die Exportsteuern auf landwirtschaftliche Erzeugnisse wurden weitgehend abgeschafft und die Importrestriktionen fast vollständig außer Kraft gesetzt. Im Frühjahr konnte Argentinien den jahrelangen Streit mit US-Hedgefonds wegen nicht zurückgezahlter Schulden beilegen und im Anschluss daran an den Kapitalmarkt zurückkehren. Mit einer weitgehenden Amnestie will die Regierung einen Teil der illegal ins Ausland transferierten Vermögen zurückholen. Es ist die Rede von bis zu 50 Mrd USD, die zurückfließen könnten. Der Konsum soll durch eine deutliche Rentenerhöhung in Schwung gebracht werden, nachdem die Renten seit dem Staatsbankrott 2001 eingefroren waren.

Hoffnung auf Auslandsinvestitionen

Trotz des politischen Neuanfangs bestehen noch viele Probleme, Ökonomen sehen Argentinien derzeit in einer Anpassungsrezession. Mitte November forderten in Buenos Aires Zehntausende Demonstranten ein staatliches Konjunkturprogramm zur Schaffung von Arbeitsplätzen. Nach jahrelanger Rezession lebt jeder dritte Argentinier in Armut. Vor allem die Inflation ist eine große Belastung für Wirtschaft und Gesellschaft. Sie wird zum Jahresende um 40% betragen, nachdem sie in den Jahren zuvor um die 10% lag. Nachdem die Regierung bei der Strom-, Gas- und Wasserversorgung sowie den öffentlichen Verkehrsmitteln Subventionen strich, stiegen die Preise für diese Güter und Dienstleistungen zum Teil drastisch, was vor allem die ohnehin Bedürftigen in Bedrängnis bringt.

Das Haushaltsdefizit ist auf 7% des BIP angewachsen. Steuererhöhungen zur Defizitbekämpfung sind derzeit politisch nicht durchsetzbar, obwohl die Pläne für den Ausbau der Infrastruktur sie umso mehr geboten erscheinen lassen. Positiv zu vermerken ist die angesichts der erzwungenen Kapitalmarktabstinenz geringe Auslandsverschuldung Argentiniens, so dass das Defizit zumindest vorübergehend über neue Schulden finanziert werden kann.

Um wirtschaftlich wieder in Schwung zu kommen, ist Argentinien vor allem auch auf Investitionen aus dem Ausland angewiesen. Präsident Macri hofft insbesondere auf Investoren aus Deutschland, von denen einige dem Land seit langer Zeit verbunden sind. Im Juli traf er sich in Berlin mit Bundeskanzlerin Merkel, Bundespräsident Gauck, Außenminister Steinmeier, Wirtschaftsminister Gabriel und vielen Unternehmensführern. Im Rahmen seines Besuches wurden mehrere Vereinbarungen zur Verstärkung der deutsch-argentinischen Zusammenarbeit in Wirtschaft und Wissenschaft unterzeichnet. Im September nahm Wirtschaftsminister Gabriel am internationalen Investitionsforum der argentinischen Regierung in Buenos Aires teil. Auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier war im Herbst in der argentinischen Hauptstadt zu Gast.

Drittgrößte Volkswirtschaft ­Lateinamerikas

Argentinien ist ein sehr attraktiver Markt. Das der Fläche nach zweitgrößte Land Südamerikas hat 43 Millionen meist von italienischen und spanischen Einwanderern abstammende Einwohner. Nach Brasilien und Mexiko ist Argentinien die drittgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas. Sie bietet Unternehmen aus Deutschland gerade vor dem Hintergrund des erheblichen Nachholbedarfs infolge der Situation in den vergangenen Jahren viele interessante Perspektiven.

Etwa ein Drittel der Bevölkerung Argentiniens lebt in der Hauptstadt Buenos Aires und der umgebenden Region, die wirtschaftlich, politisch und kulturell das Herz Argentiniens ist. Weitere Ballungszentren sind Córdoba, Rosario, Mar del Plata und Mendoza. Wirtschaftskraft und Wohlstand sind regional sehr unterschiedlich verteilt. Der subtropische Nordosten und der dünn besiedelte trockenkalte Süden fallen gegenüber dem Kernland stark zurück.

Der Dienstleistungssektor nimmt innerhalb des Wirtschaftsgefüges Argentiniens die wichtigste Stellung ein. Er ist vom Finanzwesen und dem Einzelhandel geprägt. Das Land verfügt zudem über eine breit aufgestellte verarbeitende Industrie mit Schwerpunkten in den Branchen Automobil, Lebensmittel, Bau, Stahlerzeugung, Metallverarbeitung und Chemie. Landwirtschaftliche Erzeugnisse dominieren mit rund 60% Anteil den Export, obwohl ihre Bedeutung für die Gesamtwirtschaft mit 5% des BIP relativ gering ist. Sie sind die Hauptdevisenquelle. Wichtig ist unter anderem die Rinderzucht in der Pampa-Region, für die Argentinien international bekannt ist.

Hauptabnehmer argentinischer Waren sind Brasilien, China und die USA. Bei den Lieferanten stehen Brasilien und China obenan, gefolgt von den USA und – an vierter Stelle – Deutschland mit einem Anteil von 5,2% der Importe Argentiniens. Argentinien ist nach Brasilien und Mexiko Deutschlands drittwichtigster Handelspartner in Lateinamerika.

Partner für Infrastrukturausbau gesucht

Viele Ökonomen sehen Argentinien – getragen von Exporten, ausländischen Direktinvestitionen und dem Anstieg des Konsums – auf dem Rückweg zu einem langfristigen Wachstumstrend. Eine Einschätzung, die die deutsche Auslandshandelskammer in Buenos Aires in einer Umfrage bestätigen konnte: Die 20 umsatzstärksten der rund 200 deutschen Unternehmen in Argentinien planen für die kommenden Jahre Investitionen in Milliardenhöhe. Deutsche Investoren sind vor allem in der Automobil- und der Energiebranche sowie bei Finanzen und Versicherungen tätig.

Für die nähere Zukunft wird ein exportgetriebener Agrarboom erwartet, der auch Landmaschinenherstellern und Unternehmen der Agrarchemie aus Deutschland Chancen bieten dürfte. Für deutsche Unternehmen eröffnet der politische Kurswechsel zudem insbesondere bei den erneuerbaren Energien Möglichkeiten. Der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung soll von derzeit weniger als 2% bis zum Jahr 2025 auf 20% steigen. Derzeit deckt Argentinien seinen Energiebedarf ganz überwiegend aus Erdgas und Erdöl, die zum erheblichen Teil importiert werden müssen. Der Energieverbrauch steigt mit einer Rate von 4% pro Jahr, was den Druck, neue Energiequellen zu erschließen, weiter erhöht. Im Süden des Landes herrschen gute Bedingungen für die Windenergiegewinnung. Hier sollen große Windparks entstehen.

Der „Plan Belgrano“ sieht den Ausbau der Infrastruktur in den Nordprovinzen vor. Für die nächsten Jahre sind Investitionen in Höhe von bis zu 16 Mrd USD geplant. So sollen das Straßen- und Autobahnnetz ausgebaut, Flughäfen modernisiert und der Schienenverkehr verbessert werden. Auch der Bau von Wohnungen ist beabsichtigt.

Gute Voraussetzungen für gezieltes Engagement

Die Reintegration Argentiniens in die Weltwirtschaft eröffnet deutschen Unternehmen neue Möglichkeiten. Euler ­Hermes hat der positiven Entwicklung Rechnung getragen und Argentinien in der Länderklassifizierung von Stufe 7 auf Stufe 6 angehoben. Ein gezieltes Engagement in Argentinien bietet insbesondere Herstellern von Landmaschinen und Windstromanlagen gute Chancen. Die Provinzen Argentiniens halten im Übrigen verschiedene Förderungen für Investoren wie befristete Ausnahmen von Provinzsteuern und die Bevorzugung bei Ausschreibungen bereit. Somit sind zusätzliche Anreize für Aktivitäten in Argentinien gegeben.

thomas.schroeder@bhf-bank.com

Aktuelle Beiträge