Argentiniens neuer Präsident Mauricio Macri hat sein Land im Verlauf seines bald ersten Amtsjahrs bereits ein gutes Stück zurück auf die politische und wirtschaftliche Bühne geführt. Sowohl auf dem Kapitalmarkt als auch auf dem internationalen ­diplomatischen Parkett erscheint Argentinien mit frischem Glanz. Wenn die Regierung die geplanten Reformen umsetzen kann, dürfte sich Investoren eine chancenreiche Perspektive bieten.

Von Alexander Klein Volkswirt, DEG – Deutsche Investitions und Entwicklungsgesellschaft mbH

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Der Ausblick ist positiv, wenngleich die kurzfristigen Herausforderungen noch hoch sind und der Weg sicher noch weit ist.

Erfahrene Experten im Kabinett

Mauricio Macri hatte sich bei den Präsidentschaftswahlen vergangenen Herbst mit ­seinem Mitte-rechts-Bündnis gegen den Kontrahenten der peronistischen Vorgängerregierung, Daniel Scioli, mit einer knappen Mehrheit als neuer Staatspräsident durchsetzen können und trat am 10. Dezember 2015 sein Amt an. Im Kabinett ­finden sich wirtschaftserfahrene Experten aus großen und namhaften internatio­nalen Unternehmen. Präsident Macri wird aufgrund seiner langjährigen Dienstzeit als Bürgermeister der Stadt Buenos Aires als politisch sehr erfahren angesehen. Der Kabinettschef Marcos Peña gilt ebenfalls als erfahrener Politiker. Während die Vorgängerregierung die politische Macht auf wenige Minister konzentrierte und Kabinettssitzungen die Ausnahme darstellten, vermeidet die neue Regierung sogenannte „Superminister“, hat stattdessen mehrere Fachminister ernannt und regelmäßige Kabinettstreffen eingeführt. Doch der Handlungsspielraum dieser neuen Regierung ist begrenzt: Weder im Senat noch in der Abgeordnetenkammer hält sie eine Mehrheit. Zu-dem wird das Mitte-rechts-Bündnis als nur begrenzt belastbar eingestuft. Die Regierung ist somit auf Kompromisse und gute Verhandlungstaktik angewiesen. Die Opposition präsentiert sich als ein gemischtes Bild; „Hardliner“, Parteidissidenten und kompromissbereite Realpolitiker zählen gleichermaßen dazu.

Reformen auf den Weg gebracht

Mittlerweile konnte das neue Regierungsteam bereits einige Wahlversprechen halten und durchaus beeindruckende Reformen auf den Weg bringen. Dazu zählten die dringend notwendige Freigabe des Argentinischen Peso, eine Eindämmung der Devisenmarktintervention und des Abverkaufs von Devisenreserven, eine Aufhebung der Import­beschränkungen, die Reduzierung und Aufhebung von Exportsteuern für die wettbewerbsfähigen Agrarprodukte so-wie eine Aufhebung der Kapitalverkehrsbeschränkungen. Zu den fiskalpolitischen Maßnahmen zählen insbesondere die Streichung der Subventionen für Strom, Gas und Wasser sowie eine Anhebung der seit 2003 nicht mehr korrigierten Preise. Von einer sehr geringen absoluten Basis ausgehend, sind die relativen Anhebungen massiv. Einkommensschwache Haushalte erhalten jedoch weiterhin einen Sozialtarif.

Rückkehr auf den internationalen Kapitalmarkt

Zusätzlich zu den vorgenannten Maß­nahmen hatte die Regierung die Verhandlungen mit den „Hold-outs“ nach Amtseinführung unverzüglich wieder aufgenommen und zu einem erfolgreichen Abschluss geführt. Die „Hold-outs“, eine Gruppe von Hedgefonds, hatten argentinische Anleihen nach der Zahlungsunfähigkeit des Landes zu einem sehr günstigen Kurs gekauft und dann den mit der Mehrheit der Investoren verhandelten Schuldenschnitt nicht akzeptiert. Es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit, der verhinderte, dass Argentinien an den Kapitalmarkt zurückkehren konnte. Nach einer Einigung mit den „Hold-outs“ war der Weg zur Begleichung der Restschulden sowie zur Rückkehr Argentiniens auf den internationalen Kapitalmarkt frei. Am 19. April 2016 konnte das Land Anleihen im Wert von 16,5 Mrd USD platzieren. Die Platzierung war mehrfach überzeichnet und stellt die bis dato größte Emerging-Markets-Emission dar.

Die von der neuen Regierung im Jahr 2016 ergriffenen Maßnahmen haben eine Zahlungsbilanzkrise zunächst abgewendet und die Lage temporär stabilisiert. Es gibt keine krisenhafte Rezession, gekennzeichnet durch Massenentlassungen oder Banken in Schieflage.

Doch trotz dieser Leistungen ist die gegenwärtige Wirtschaftslage schwach. Vor dem Hintergrund der Rohstoffpreisrückgänge, der Rezession bzw. nachlassenden Wachstumsdynamik in den wichtigen Handelspartnerländern Brasilien und China sowie der Auswirkungen der Wirtschaftspolitik der Vorgängerregierung glitt Argentinien im Jahr 2015 in eine Stagflation. Nun befindet sich die Volkswirtschaft des Landes in einer wirtschaftspolitischen Transformations- und konjunkturellen Schwächephase. Dieser Prozess wird noch andauern, denn es braucht Zeit, bis die ergriffenen Maßnahmen konjunkturelle Früchte tragen.

Viele Herausforderungen

Umso wichtiger ist es jetzt, die notwendigen Maßnahmen politisch in Wert zu setzen und die Wähler auf diesem schwierigen Pfad mitzunehmen. Dies gelingt der Regierung bisher nicht auf breiter Front. Es bleibt abzuwarten, ob, wie erwartet, wichtige Wirtschaftsindikatoren in der zweiten Jahreshälfte ihr Vorzeichen ändern. Die Regierung benötigt vorzeigbare Erfolge für die im kommenden Frühjahr anstehenden Wahlen für das Parlament und den Senat. Mit einer Mehrheit könnte die Regierung dann ihren vielversprechenden Wirtschaftsreformkurs weiterverfolgen.

Investoren setzen auf die Potentiale von morgen

Einige Investoren setzen bereits heute auf die Potentiale von morgen. Die Auslandshandelskammer (AHK) in Buenos Aires verzeichnet eine deutliche Zunahme der Besucherzahlen und Interessenten. Die Palette der interessanten Industriezweige in Argentinien ist relativ breit. Ein Poten­tialsektor ist bspw. der Bereich Erneuerbare Energie, welcher gegenwärtig lediglich 1% des Stroms in Argentinien produziert.

Die Regierung hat ehrgeizige Ziele und möchte diesen Anteil bis 2025 auf 20% erhöhen. Dafür seien Investitionen von 20 Mrd USD nötig, insbesondere in Solar- und Windenergie. Der für Argentinien sehr wichtige Agrarsektor bietet ebenfalls noch Potential, vor allem in nachgelagerten Bereichen wie Verpackungen, Verarbeitung von Lebensmitteln etc. Neben klassischen Industriezweigen hat auch der Dienstleistungssektor einiges aufzuholen, insbesondere bei Telekommunikation und Medien. Die Regierung verfolgt hier ebenfalls ehrgeizige Modernisierungspläne und ein Aufbrechen alter Strukturen.

Notwendige Weichenstellung für Reformen

Neben den Neuankömmlingen investieren aber auch Unternehmen, die bereits seit Jahren in Argentinien sind und die Entwicklungen der vergangenen Jahre überstanden haben. So kündigte VW jüngst an, das bereits vor 35 Jahren ge-gründete Werk mit 6.000 Mitarbeitern mit einer Investition in Höhe von 100 Mio USD zu erweitern.

Vor dem Hintergrund der Krise in Brasilien zeigt Argentinien somit neue Chancen in Lateinamerika auf, die es weltweit in diesem Maße nur noch in wenigen Schwellenländern gibt. Bis sich die wirtschaft­liche Lage voraussichtlich 2017 verbessert, ist jedoch noch mit einer holprigen Anpassungsphase zu rechnen. Es ist da-von auszugehen, dass der Reformkurs Widerstand auslösen wird und entsprechende Demonstrationen und Proteste oppositioneller Gruppierungen zunehmen werden. Dies gehört zum politischen Meinungsbildungsprozess in Argentinien und sollte nicht als soziale Unruhen fehlinterpretiert werden. Sollte die Regierung bis zum Jahresende 2016 die geplanten Reformen umsetzen können, dürften Investoren zu Recht auf eine nachhaltige Stabilisierung und chancenreiche Perspektive gesetzt haben.

Kontakt: alexander.klein@deginvest.de

 

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