Anhaltend niedrige Rohstoffpreise haben die Zahlungsmoral der nordamerikanischen Unternehmen verschlechtert. Im aktuellen Zahlungsmoralbarometer des Kreditversicherers Atradius berichteten die befragten Unternehmen in den USA, Kanada, Mexiko und Brasilien von zunehmenden Zahlungsverzögerungen. Viele Firmen wollen mit einem strengeren Forderungsmanagement gegensteuern.

Von Andreas Tesch, Chief Market Officer, Atradius Kreditversicherung

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Für die Studie „Zahlungsmoralbarometer Amerika“ wurden Unternehmen in den USA, Kanada, Mexiko und Brasilien befragt. 54% von ihnen kündigten an, in den nächsten zwölf Monaten verstärkt Kreditmanagementmaßnahmen zu nutzen, um die eigenen Forderungen gegenüber Firmenkunden zu schützen. Rund 40% wollen dabei die Kreditwürdigkeit und die Zahlungshistorie ihrer Abnehmer häufiger prüfen. Mehr als 41% der Lieferanten gaben an, von ihren kommerziellen Kunden künftig öfter Zahlungskonditionen zu verlangen, die einen größeren Schutz vor Zahlungsausfällen gewähren.

Erhöhte Insolvenzgefahr

Der Insolvenzausblick hat sich für die meisten Industrieländer, einschließlich USA und Kanada, verschlechtert. Unabhängig von den jeweiligen Ursachen sind die Unternehmen durch die Herausforderungen eines schwierigen Insolvenzumfelds gezwungen, auf fundierte Strategien im Forderungsmanagement zurückzugreifen, die ihnen ein weiterhin sicheres Wachstum erlauben. Atradius geht vor dem Hintergrund der niedrigen Rohstoffpreise derzeit von einem Insolvenzanstieg von 3% in den USA und 4% in Kanada im laufenden Jahr aus. Auch bei Firmen in Mexiko nimmt die Insolvenzgefahr zu, unter anderem aufgrund des geringen Ölpreises und des langsameren Produktivitätszuwachses in Mexiko.

Dominoeffekt in der Lieferkette

Die durchschnittliche Forderungslaufzeit (Days Sales Outstanding, DSO) wird sich nach Angabe der befragten Unternehmen innerhalb der nächsten zwölf Monate erhöhen. Bereits für die zurückliegenden zwölf Monate meldeten 93% der für das Zahlungsmoralbarometer befragten Unternehmen in den USA, Kanada, Mexiko und Brasilien verspätete Forderungseingänge. Der Gesamtwert der Rechnungen, die bei den Lieferanten am Fälligkeitstermin noch nicht bezahlt waren, lag bei fast 50% – 2013 betrug dieser Wert noch weniger als 30%. Die schwächelnde Zahlungsmoral hatte häufig einen Dominoeffekt in der Lieferkette zur Folge: So waren zwei von fünf Unternehmen aufgrund des Zahlungsverzugs ihrer Firmenkunden gezwungen, die Zahlungen an ihre eigenen Lieferanten ebenfalls zu verzögern.

Unsicherer Ausblick

Die verhaltenen Erwartungen der für das „Zahlungsmoralbarometer Amerika“ be-fragten Unternehmen werden – unabhängig von der vom gewählten US-Präsidenten verfolgten Wirtschaftspolitik – von weiteren Unsicherheitsfaktoren für das kommende Jahr untermauert: Das globale Wachstum wird weiterhin von niedrigen Rohstoffpreisen, einer schwachen Wirtschaftsbelebung in den entwickelten Märkten und der Neuausrichtung der chinesischen Wirtschaft belastet. Für Unternehmen in Mexiko und Kanada hängt viel davon ab, wie protektionistisch die neue amerikanische Regierung ihren Kurs in der Außenhandelspolitik gestaltet. Die Neuverhandlung des Freihandelsabkommens Nafta könnte Einbußen bringen.

andreas.tesch@atradius.com

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