Wer sich auf die lokalen Besonderheiten Algeriens einlässt, kann in den verschiedensten Branchen am Wachstum teilhaben. ­Wirtschaftliches Potential ist vorhanden, doch es braucht Zeit, dieses auszuschöpfen und Projekte umzusetzen. Der Staat setzt auf die Diversifizierung der Branchen und möchte die Abhängigkeit vom Energiesektor verringern. Auch wenn sich die Privatwirtschaft zunehmend entwickelt und an Bedeutung gewinnt, führt der Staat doch immer noch den Großteil der Investitionen durch.

Von Angela Flecken, Ansprechpartnerin für Maghreb, Belgien, Frankreich & Luxemburg im Bereich Trade Finance Financial Institutions (TF FI), Deutsche Bank AG

Um den wichtigen Handelspartner Europas zu verstehen, lohnt ein Blick in die Vergangenheit des Landes. Nach über 130- jähriger Besatzung durch Frankreich erklärte Algerien 1962 seine Unabhängigkeit. Danach setzte die Regierung lange Zeit auf Planwirtschaft, und fast alle Unternehmen gingen in Staatsbesitz über. Sinkende Ölpreise, hohe Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot sorgten für einen fortschreitenden wirtschaftlichen Niedergang, der 1991 in einen Bürgerkrieg mündete. Dieser dauerte ca. zehn Jahre. Die Wende kam 1999, als der neu gewählte Präsident Abdelaziz Bouteflika sich als wichtigstes innenpolitisches Ziel die Beendigung der gewalttätigen Auseinandersetzungen vornahm. Seine „Politik der nationalen Versöhnung“ war der Grundstein für die Befriedung des Landes, eine innenpolitische Stabilisierung und die wirtschaftliche Entwicklung Algeriens.

Vom „arabischen Frühling“ 2011 blieb Algerien weitestgehend unberührt. Zwar gab es auch hier vereinzelt Unruhen, aber diese waren nicht zu vergleichen mit den Aufständen in anderen Ländern der Region (z.B. Ägypten, Libyen oder Tunesien). Zugeständnisse der Regierung, wie z.B. die Aufhebung des seit 19 Jahren geltenden Ausnahmezustands, eine Ankündigung der Erhöhung staatlicher Ausgaben, z.B. für öffentliche Hilfsgelder oder Arbeitsplätze, sowie politischer Reformen verhinderten eine Ausweitung der sozialen Unruhen. Außerdem ist den meisten Algeriern die Erinnerung an den Bürgerkrieg noch allzu präsent, was eine gewisse Zurückhaltung erklärt.

Heute ist Algerien ein wichtiger Exporteur von Öl, Gas, Ammoniak, Phosphaten und Datteln überwiegend nach Frankreich, China, Italien, Spanien, Deutschland und in die USA. Exporte des Hydrocarbon-Sektors (Öl und Gas) machen zwei Drittel der Staatseinnahmen und 98% aller Exporte des Landes aus. Algeriens Staatseinnahmen sind abhängig von der Entwicklung des Ölpreises, profitieren somit aber auch erheblich beim Anstieg des Ölpreises. Um diese Abhängigkeit von Öl- und Gasexporten zu reduzieren, hat sich der 2009 zum dritten Mal wiedergewählte Staatspräsident Bouteflika einen Fünfjahresplan für die Jahre 2010 bis 2014 mit Investitionen in Höhe von 156 Mrd USD in Verkehr (z.B. Autobahnen), Wohnungsbau, Wasserwirtschaft (z.B. Staudämme) und soziale Versorgung vorgenommen. Dieser enorme Modernisierungsbedarf mit inhärentem Geschäftspotential insbesondere bei der algerischen Infrastruktur sollte seitens deutscher Unternehmer nicht unterschätzt werden. Die Investitionen sind dank der guten Einkommenslage des Staates gerade durch Außenhandelsüberschüsse aus den Erdöl- und Erdgasexporten, aber auch aus hohen Devisenbeständen möglich.

Verstärktes Augenmerk wurde auf die vorzeitige Rückzahlung von Krediten sowie die Vermeidung neuer Schulden gelegt. Algerien ist mittlerweile beinahe schuldenfrei. Allerdings ist das Land mangels eigener lokaler Produktion auf Importe von Gütern aller Art, insbesondere Halbfabrikate wie Eisen und Stahl sowie Nahrungsmittel (Getreide), angewiesen. Die algerische Regierung versucht, die Importe zu drosseln, um die Handelsbilanz nicht zu belasten. Zur Förderung der lokalen Produktion führte die Regierung Mitte 2009 ein Einfuhrverbot für Gebrauchtmaschinen, eine Akkreditivpflicht und ein Verbot von Verbraucherkrediten ein. Ferner können seit November 2009 ausländische Gesellschaften nur noch Tochterfirmen mit einem Kapitalanteil von maximal 49% gründen. Findet sich kein algerisches Unternehmen für den verbleibenden Anteil von mindestens 51%, kann auch die „Algerian Development Bank“ als Partner für die ausländische Direktinvestition eintreten.

Die algerische Bankenlandschaft teilt sich auf in sechs staatliche Banken, die ca. 85% von Algeriens Vermögenswerten halten, und 14 private Banken sowie sechs weitere Spezialbanken. Staatliche Unternehmen und Institutionen sind gehalten, ihr Geschäft über staatliche Banken abzuwickeln. Beim Aushandeln der Zahlungsbedingungen ist die Wahl der Bank des algerischen Geschäftspartners somit automatisch eingeschränkt. 2009 wurde eine Akkreditivpflicht für alle Einfuhren von Unternehmen, öffentlichen wie privaten, eingeführt, nur Importe staatlicher Stellen waren ausgenommen.

Für in Algerien produzierende Unternehmen und im Dienstleistungsbereich aktive algerische Unternehmen ist die Akkreditivpflicht seit dem 1. August 2011 aufgehoben. Diese können von nun an für ihren Eigenbedarf das Dokumenteninkasso oder den freien Transfer nutzen. Hierbei gibt es auch keinen Unterschied zwischen öffentlichen und privaten Bestellern. Handelsunternehmen, die Waren importieren und diese unverändert in Algerien weiterverkaufen, müssen immer noch ein Akkreditiv vorlegen. In den letzten Jahren wurden in Algerien ca. 140.000 Akkreditive pro Jahr eröffnet, womit Algerien in der Region Mittlerer Osten/Nordafrika den Spitzenplatz einnimmt. Trotz Lockerung der Regelung sind Akkreditive weiterhin für die meisten Geschäfte notwendig, zumal es auch Betragsgrenzen für Dokumenteninkasso oder Direktzahlungen gibt.

Neben der Quasi-Akkreditivpflicht gilt es, algerische Devisenvorschriften zu beachten, welche beispielsweise Vorauszahlungen einschränken. Der Kauf von Devisen bei der Zentralbank kann zudem zu Verzögerungen führen. Ein algerischer Importeur ist üblicherweise gehalten, 100% des Vertragsgegenwertes in Algerischen Dinar bei seiner Bank zu hinterlegen.

Insbesondere vor dem Hintergrund von Transport-, Infrastruktur- und Wohnungsbauprojekten ergeben sich gute Perspektiven für die deutsche Wirtschaft. Auch der Chemiesektor (z.B. importiert Algerien 70 bis 80% seiner Medikamente) und die Petrochemie bieten großes Potential für Exporteure. Der Fünfjahresplan sieht zudem im Gesundheitssektor den Bau neuer Krankenhäuser und Gesundheitszentren vor. Ebenfalls von Interesse ist der Informations- und Telekommunikationssektor. Zukünftig an Bedeutung gewinnen werden auch die Nahrungsmittelindustrie und der Konsumgüterbereich. Für die deutsche Wirtschaft besteht weiteres Geschäftspotential im Bereich des Anlagenbaus, als Zulieferer von Komponenten sowie als Dienstleister für den Energiesektor. Nicht zu vergessen ist, dass „Made in Germany“ in Algerien ein sehr hohes Ansehen genießt.

Motor der algerischen Wirtschaft ist unbestritten der Energiesektor. Algerien ist einer der größten Flüssiggas- und Erdgasproduzenten der Welt. Auch bei der Erdölproduktion liegt Algerien weltweit unter den Top 15. So ist Algeriens staatliche Öl- und Gasgesellschaft nicht nur die größte in ganz Afrika, sondern hinsichtlich Umsatz auch das größte Unternehmen in Afrika. Die Energiebranche erwirtschaftet ca. drei Viertel der Staatseinnahmen. Bei weiterhin steigenden Erdöl- und Erdgasexporten sollen die Erdöl- und Erdgasproduktion weiter ausgebaut und die Gasreserven besser erschlossen werden.

Erneuerbare Energien gelten ohne Zweifel als Zukunftssektor. Bis 2020 wird eine Verdoppelung des Energieverbrauchs in Algerien erwartet. Es ist beabsichtigt, bis 2017 eine Leistung von 1.000 MW Solarenergie – davon 400 MW für den Export – zu erreichen. Algerien zielt darauf ab, 5% der Elektrizitätsproduktion durch erneuerbare Energien zu decken, mit Solarenergie als Schwerpunkt. So sollen im Rahmen des Programms für erneuerbare Energien und Energieeffizienz bis 2030 120 Mrd USD investiert werden. 40% des algerischen Energiebedarfs sollen über alternative Energiequellen gedeckt werden.

Kontakt: angela.flecken[at]db.com

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