In den letzten Jahren gab es immer wieder große Diskussionen darüber, ob das Akkreditiv als Zahlungssicherungsinstrument ­veraltet sei und in der „modernen Welt“ keinen Platz mehr habe. Handelsgeschäfte mit Ländern wie Nigeria beweisen jedoch, dass das Akkreditiv als klassisches Zahlungssicherungsinstrument nach wie vor eine wichtige Rolle spielt und weder „obsolet“ ist, noch ausgemustert wurde.

Von Charles W.J. Weller, Leiter der Repräsentanz Lagos, Nigeria, Deutsche Bank AG

Die Geschichte des Bankgeschäfts in Nigeria lässt sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. Damals eröffneten Banken wie die Barclays Bank und die damalige Bank of British West Africa in der ehemaligen Haupt-stadt Lagos erste Geschäftsstellen und Filialen.

Nigeria gestaltete sein Bankensystem innerhalb kürzester Zeit nach dem britischen Vorbild. Eine Nigerian Bankers Association wurde gegründet, die eigene Qualifikationskriterien und eine Prüfungsordnung für Banker festlegte.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Importgeschäfte unter Einsatz von Warenwechseln und Akkreditiven auf offene Rechnung abgewickelt. Erst nach Ausbruch der Ölkrise Anfang der 80er Jahre und der nigerianischen Schuldenkrise im Jahre 1984 gewann das Akkreditiv als Zahlungssicherungsinstrument bei Warenlieferungen an Bedeutung.

Die Umstrukturierung der Staatsschulden erschütterte die Handelsmärkte, so dass umgehend „bestätigte Akkreditive“ verlangt wurden und nigerianische Banken nur gegen Hinterlegung von Barsicherheiten bei ihren internationalen Korrespondenzbanken eine Akkreditivbestätigung erhielten. Nigeria galt nun als „Cash Covered LC“-Land und barg damit für Exporteure, die an Handelsgeschäften mit Nigeria interessiert waren, minimale Risiken.

Ab Mitte der 80er Jahre setzte sich der Boom im Handel mit Nigeria (das Land verzeichnete inzwischen ein Bevölkerungswachstum auf mehr als 120 Millionen Menschen) fort. Handelsgeschäfte mit Nigeria und Akkreditive aus dem Land wurden in vielen Fällen durch betrügerische Absicherungsgeschäfte oder so-genannte „419s“ (unter Bezugnahme auf § 419 des nigerianischen Strafgesetzbuches – Vorteilsbeschaffung durch Falschdarstellungen) erschwert, so dass eine Barmitteldeckung von Akkreditiven zur Absicherung rechtmäßiger Handelsgeschäfte noch dringlicher wurde.

In dieser Zeit, d. h. nach Umstrukturierung der Staatsschulden, legte die Zentralbank (CBN) neue verschärfte Vorschriften für die Eröffnung von Akkreditiven durch Geschäftsbanken sowie die Allokation von Währungsreserven für die Bezahlung von Importen fest. In diesem Zusammenhang wurde „Form M“ eingeführt, die die Banken zwang, die für die Eröffnung und Zahlung von Akkreditiven erforderlichen Devisen auf den regelmäßigen Währungsauktionen der CBN zu beschaffen.

Seit Implementierung der Vorschriften in den 80er Jahren sind Banken gehalten, für die Eröffnung eines Akkreditivs die folgenden Dokumente vorzulegen:

  • Form „M“
  • Pro-forma-Rechnung
  • lokale Versicherungspolice
  • Akkreditivantragsformular

Darüber hinaus sind bei Geschäften mit bestimmten Rohstoffen (Kraftfahrzeugdieselöl, hochwertiges Motorenbenzin und Ähnliches) eine Einfuhrerlaubnis sowie eine Depotlizenz, bei einigen Maschinen dagegen ein Produkt- sowie ein SONCAP-Zertifikat der Nigerian Standards Organisation erforderlich. (Diese Aufstellung ist nicht vollständig, sondern nur eine allgemeine Leitlinie für das Akkreditiveröffnungsverfahren nigerianischer Banken.)

In diesem Zeitraum wandelte sich die Struktur des Bankwesens in Nigeria grundlegend. Zu den bisherigen Säulen des nigerianischen Bankwesens (wie Afribank, Bank of the North, First Bank of Nigeria, United Bank und Union Bank) gesellten sich neu gegründete Banken (wie Ecobank, First City Monument Bank, Guarantee Trust Bank, Intercontinental Bank, Oceanic Bank, Standard Trust und noch viele andere) hinzu und positionierten sich als neue Player auf der nigerianischen Finanzbühne. Schon nach kurzer Zeit gab es in Nigeria zu viele Banken: rund 87 Inlandsbanken, deren internationale Korrespondenzbanken verstärkt Geschäftsbeziehungen mit Nigerias neuen Banken aufnahmen.

Der Handel blühte, und die nigerianischen Banken gingen dazu über, bei den Auslandsbanken Kreditlinien ohne Barmitteldeckung zu beantragen. In diesem Kontext wurden Fazilitäten mit verschiedensten Strukturen entwickelt, z.B. 1/3 nicht dokumentär und 2/3 mit Bardeckung, 50:50, d. h. ein Teil nicht dokumentär und ein Teil mit Bardeckung. Als der internationale Wettbewerb um Akkreditive nigerianischer Banken zunahm, ­gingen Auslandsbanken dazu über, nigerianischen Finanzinstituten für Akkreditivbestätigungen unbesicherte Linien, anfangs auf relativ niedrigem Niveau, zu gewähren. Aber schon bald folgten die meisten anderen Banken, die im nigerianischen Handelsfinanzierungsgeschäft tätig waren, nach. Akkreditive mit 100% Barmitteldeckung waren nun nicht mehr die Norm.

2005 intervenierte die Zentralbank aus Angst vor einem Platzen der Blase am boomenden Markt und löste damit eine regelrechte Welle von zum Teil gewünschten oder freiwilligen, aber auch erzwungenen Zusammenschlüssen und Übernahmen aus. In Anbetracht der wachsenden Unsicherheit im Bankensektor wurden von den Exporteuren durch Barmittel gedeckte Akkreditive immer häufiger eingesetzt und waren schon bald Standard. Bei den Auslandsbanken wuchs die Ungewissheit darüber, welche nigerianischen Banken sich halten würden. Sichere Konditionen waren erneut das zentrale Anliegen der Handelspartner, wenn auch nur für kurze Zeit.

Da Nigeria heute zu den fünf weltweit größten ölproduzierenden Ländern gehört, hat das Land vom Anstieg des Ölpreises erheblich profitiert. Der Handel ist stark gewachsen, und das Importvolumen wurde auf ein erhebliches Niveau gesteigert, um die Bedürfnisse der heute mehr als 150 Millionen Einwohner Nigerias decken zu können. Die Investitionen in Ölfelder nahmen kräftig zu, und die Kurse an der nigerianischen Aktienbörse be- wegten sich stetig nach oben.

Angesichts solch positiver Nachrichten und wirtschaftlicher Entwicklungen haben die Banken die Lockerung der Handelsbestimmungen vorangetrieben und durchgesetzt. Akkreditive ohne Bardeckung kamen wieder in Mode.

Die CBN führte 2009 bei allen nigerianischen Banken eine Sonderprüfung durch und stellte bei acht Banken fest, dass die Liquiditäts- und/oder Kapitalanforderungen nicht erfüllt wurden. Zwei Banken (Unity Bank and Wema Bank) wurde das Prüftestat nur unter Auflagen erteilt, bei 16 Banken ergab die Sonderprüfung keine wesentlichen Beanstandungen.

Die Auslandsbanken reduzierten daraufhin ihr Handelsengagement in Nigeria oder kehrten wieder zu bargedeckten Akkreditivbestätigungen zurück. Die CBN veröffentlichte Ende 2009 eine Erklärung, derzufolge sie keinen Zusammenbruch einer nigerianischen Bank zulassen werde. Im Anschluss daran erteilte sie den in Nigeria tätigen Auslandsbanken eine formelle Garantie für ihr Engagement bei nigerianischen Banken. Dementsprechend sind durch Barmittel gedeckte Akkreditive wieder Geschäftspraxis, insbesondere im Falle „angeschlagener“ Banken.

Die Umstrukturierung des nigerianischen Bankwesens ist noch nicht abgeschlossen und nimmt einen positiven Verlauf. Wird Nigeria wieder eine Phase der Fusionen und Übernahmen unter den 24 Banken des Landes erleben? Werden Banken zerschlagen und Spezialbanken entstehen? Es ist noch zu früh, hierzu eine Prognose abzugeben, denn viele Szenarien sind möglich. Eines lässt sich jedoch mit Sicherheit sagen: Das traditionelle Akkreditiv ist und bleibt ein wichtiges Zahlungssicherungsinstrument, das die Handelsströme von und nach Nigeria fördert und unterstützt.

Gleich, ob es sich um Dokumentenakkreditive (einschließlich Kreditbesicherungsgarantien und anderer anerkannter Akkreditivarten) mit oder ohne Deckung handelt, ist das Dokumentenakkreditiv immer noch das wichtigste Finanzinstrument bei Exporten in die Republik Nigeria und wird es aller Wahrscheinlichkeit nach auch vorläufig bleiben.

Kontakt: charles.weller[at]db.com

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