Das ölreiche Emirat Abu Dhabi nutzt seine Möglichkeiten, um schon heute die Grundlage für eine wirtschaftlich erfolgreiche Zukunft jenseits von Öl und Gas zu legen. Vor einigen Jahren wurde eine umfassende Vision für das Jahr 2030 entwickelt: „Abu Dhabi ­Economic Vision 2030 “ ist ein gewaltiges Entwicklungs-programm für den Aufbau einer diversifizierten, nachhaltigen und wissensbasierten Volkswirtschaft. Aus ihm abgeleitete Großprojekte bieten deutschen Unternehmern interessante Möglichkeiten.

Von Thomas Schröder, Abteilungsdirektor, Strukturierte Außenhandelsfinanzierung, BHF-Bank

Abu Dhabi, das größte und wohlhabendste der sieben Emirate des Zusammenschlusses der Vereinigten Arabischen Emirate, hat sich eine nachhaltige ökonomische Entwicklung zum Ziel gesetzt. Obwohl das Land gegenwärtig über eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt verfügt und nach wie vor immense Erdölreserven vorhanden sind, wird schon heute vorausschauend auf eine erfolgreiche Zukunft in der Zeit nach dem Erdöl hingearbeitet.

Abu Dhabi Economic Vision 2030: ein ehrgeiziges Entwicklungs­programm

Vor einigen Jahren entwickelten Scheich Khalifa bin Zayed Al Nahyan und Kronprinz Scheich Mohammad die „Abu Dhabi Economic Vision 2030“, ein gewaltiges Entwicklungsprogramm für den Aufbau einer diversifizierten, nachhaltigen und wissensbasierten Volkswirtschaft. Während Abu Dhabi 2008 rund 60% seiner Einnahmen aus dem Verkauf von Öl und Gas bezog, soll dieser Anteil bis 2030 auf 40% sinken. Priorität hat der Aufbau einer vielfältigen und leistungsstarken Indus­trie. Insbesondere Unternehmen aus Branchen, denen der Standort Abu Dhabi besondere Wettbewerbsvorteile zu bieten hat, sollen für eine Ansiedlung gewonnen werden. Ausländischen Investoren werden sehr gute Rahmenbedingungen geboten. Starke Argumente für ein Engagement am Golf sind zudem die geographische Lage Abu Dhabis zwischen Europa und Asien sowie die durchweg hervorragende verkehrstechnische Anbindung. Große Bedeutung für den angestrebten wirtschaftlichen Wandel haben die drei Industriezonen Al-Ain, Kizad und Mussafah sowie die weltweit einzigartige Wissenschaftsstadt Masdar. Unternehmen aus Deutschland bieten sich an diesen Standorten viele Chancen.

Kizad (Khalifa Industrial Zone Abu Dhabi)

Eine große Bedeutung für die Verwirk­lichung der Abu Dhabi Economic Vision 2030 hat die Khalifa Industrial Zone Abu Dhabi (Kizad). Auf einer Fläche, die der eines deutschen Landkreises entspricht, wurde eine Wirtschaftszone eingerichtet, in der eng miteinander verbundene zukunftsträchtige Industrien angesiedelt werden. Bis 2030 soll Kizad abseits des Ölsektors 15% des BIP des Emirats erwirtschaften. Auf dem Areal werden dem Plan nach an die 150.000 Menschen Arbeit ­finden.

Kizad liegt ziemlich genau zwischen Abu Dhabi und Dubai an einer Autobahn und ist auch auf dem See-, Luft-, und Schienenweg hervorragend zu erreichen. So besteht eine direkte Anbindung an Khalifa Port, einen der modernsten Tiefwasserhäfen für Containerschiffe in der Region. Der internationale Flughafen von Abu Dhabi ist nur 35 km entfernt. Die Wirtschaftszone ist auf die Ansiedlung von Unternehmen etwa aus der Aluminiumverarbeitung, der Stahl-, Öl-, Gas- und Chemieindustrie sowie der Pharma-, Lebensmittel-, Druck- und Verpackungsindustrie ausgerichtet. Auch Handel und Logistik sollen sich am Standort etablieren. Kizad unterstützt die wechselseitige Vernetzung der Investoren nach dem Konzept eines vertikal integrierten Industrieclusters. Die Idee ist, dass sich Unternehmen zusammenfinden, die gemeinsam ganze Lieferketten abdecken.

Für eine Ansiedlung sprechen die Nähe zu den großen Absatzmärkten Indien und China, die niedrigen Betriebskosten, Steuerfreiheit und politische Stabilität. Ein unbürokratisches „Alles aus einer Hand“-Betreuungskonzept erleichtert Investoren den Start. Innerhalb der Zone dürfen auch Unternehmen agieren, die zu 100% Ausländern gehören.

Ein erster Abschnitt der Wirtschaftszone ist weitgehend vergeben. Rund 50 internationale Unternehmen haben Verträge unterschrieben, Ankerinvestor ist Emi­rates Aluminium (EMAL). Erste deutsche Unternehmen in Kizad sind das Maschinenanlagebauunternehmen Bauer, das Ende 2013 ein Servicezentrum in Betrieb genommen hat, und der Pumpenhersteller KSB, der dort einen seiner weltweit größten Standorte aufbauen wird.

Masdar City

Das vermutlich noch bekanntere Innovationsprojekt ist Masdar City, eine CO2-neutrale Wissenschaftsstadt, die nahe Abu Dhabi entsteht. Das Vorhaben, eine 40.000-Einwohner-Stadt zu bauen, die ganz auf die Entwicklung und Erprobung modernster Technik zum nachhaltigen Umgang mit Ressourcen ausgerichtet ist, wurde 2006 initiiert. Der Baubeginn war 2008. Im Zuge der Finanzmarktkrise mussten zwar einige der ambitionierten Ziele zurückgenommen und der Termin für den Abschluss des Stadtausbaus von 2016 auf 2025 verschoben werden, doch an der Verwirklichung der Idee wird festgehalten.

Die teilweise von Norman Foster entworfene Modellstadt soll vollständig mit Strom aus Photovoltaik, Solarthermie und womöglich auch Windkraft versorgt werden. Eine an den historischen Erfahrungen der Araber orientierte moderne Architektur wird ein angenehmes Stadtklima und einen geringen Energieverbrauch ermöglichen. Ein sehr dichtes Netz öffentlicher Verkehrsmittel ohne fossile Antriebe wird zusätzlich für Lebensqualität sorgen.

Die Stadt ist Heimat des Masdar Institute of Science and Technology, der weltweit ersten Hochschule, die sich ausschließlich der Erforschung von Umwelttechniken widmet. Ziel ist es, Hunderte Firmen und Institute aus dem Ökologiesektor nach Masdar City zu holen. Für die in der Labor-stadt entwickelten Techniken und Produkte werden weltweit große Marktchancen gesehen.

Viele Firmen und Forschungseinrichtungen aus aller Welt engagieren sich bereits in Masdar City. Aus Deutschland sind es zum Beispiel die RWTH Aachen und Siemens. Im Januar 2014 hat Siemens in Masdar City seine neue Zentrale für den Nahen und Mittleren Osten eröffnet. Der Neubau ist extrem energieeffizient und wurde unter minimalem Materialeinsatz errichtet. 800 Siemens-Mitarbeiter werden in Masdar-City beschäftigt sein, das sich nun von einem Uni-Campus zur Stadt wandelt.

Für die wirtschaftliche Sonderzone Masdar City bietet das Emirat Abu Dhabi ebenfalls viele Ansiedlungsanreize. Hier-zu zählen die schnelle Bearbeitung von Visa und Anträgen, viele unternehmensnahe Dienstleistungen, die Befreiung
von Einfuhrzöllen sowie die Steuerfreiheit für Unternehmen und Personen. Auch
in Masdar City angesiedelte Firmen dürfen zu 100% ausländischen Investoren gehören.

Mussafah „Abu Dhabi Industrial City“

Die Mussafah Industrial City ist ein weiteres wichtiges Zentrum industrieller Ansiedlung im Emirat Abu Dhabi, das ausländischen Investoren ebenfalls in vielfältiger Hinsicht sehr gute Rahmenbedingungen bietet. 30 km südwestlich des Stadtzentrums von Abu Dhabi gelegen, verfügt Mussafah über sehr gute Verkehrsanbindungen. Über Port Zayed ist der Seeweg offen, der internationale Flughafen von Abu Dhabi ist nicht weit entfernt.

Das in den späten 90erJahren erheblich ausgebaute Gelände ist in sechs Zonen eingeteilt, die jeweils einer Industriebranche vorbehalten sind. So gibt es Zonen für Automobilindustrie und Maschinenbau sowie die petrochemische und die Kunststoffindustrie. Insbesondere die Petrochemie hat sich in Mussafah sehr gut entwickelt. Mussafah ist zudem der Sitz von Emirates Steel, einem der führenden Stahlhersteller des Mittleren Ostens.

Al-Ain

Auch Al-Ain, mit circa 375.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt im Emirat Abu Dhabi direkt an der Grenze zu Oman gelegen, bietet unternehmerische Chancen für deutsche Unternehmen. Gerade in den vergangenen Jahren wurden viele Investitionen in der Wüstenstadt getätigt und sowohl der Ausbau der Infrastruktur als auch die Etablierung Al-Ains als Standort der Flugzeugteileproduktion vorange­trieben.

Die Heimatstadt des 2004 verstorbenen Scheichs Zayed bin Sultan Al Nahyan, Gründer und erster Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, hat sich von einer kleinen Oasenstadt zum wichtigen Außenposten Abu Dhabis entwickelt. Scheich Zayed wünschte sich Al-Ain vor allem grün und ließ dort Palmen pflanzen und Brunnen anlegen. Al-Ain wird deshalb auch „Gartenstadt des Arabischen Golfs“ genannt. Alles ist großzügig angelegt, genaue Bauvorschriften untersagen beispielsweise die Errichtung von Hochhäusern.

In wirtschaftlicher Hinsicht hat sich die Stadt in den vergangenen Jahren als wichtiger Standort für die Produktion von Flugzeugteilen etabliert. Das in Al-Ain angesiedelte Unternehmen Strata, eine Tochterfirma der staatlichen Aktiengesellschaft Mubadala Development Company, fertigt hier unter anderem Teile für Airbus. Im vergangenen Jahr wurde das Unternehmen zum Tier-One-Lieferanten für Querrudersysteme des A330.

Hannover Messe und German Industry Day

Auf der Hannover Messe ist regelmäßig Gelegenheit, sich näher über die großen Projekte Abu Dhabis zu informieren, die oft auch Perspektiven über den arabischen Raum hinaus bieten. Auch der German Industry Day in Abu Dhabi, der vor wenigen Tagen zum sechsten Mal veranstaltet wurde, hat sich als Gelegenheit zur Sondierung von Projekten bewährt. Zudem kann ein Partner wie die BHF-BANK, der vor Ort über umfangreiche Kontakte und vielfältige Erfahrungen verfügt, sehr hilfreich sein, wenn es darum geht, unternehmerische Pläne in Abu Dhabi zu verwirklichen.

Kontakt: thomas.schroeder[at]bhf-bank.com

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