Mittel- und Osteuropa bleibt wettbewerbsfähig. Die Produktionsanlagen sind relativ neu oder wurden vor kurzem modernisiert. Durch die Kofinanzierung aus EU-Mitteln wird die Infrastruktur weiter unterstützt.

Die Coronapandemie zeigt, wie schnell Lieferketten unterbrochen werden können. Um Risiken zu begrenzen, werden Unternehmen versuchen, ihre Bezugsquellen zu diversifizieren. Es ist zwar nicht zu erwarten, dass China seine Position als globaler Lieferant verlieren wird, aber den mittel- und osteuropäischen Ländern (MOE) könnten sich Chancen auf einen höheren Anteil an den globalen Lieferketten eröffnen.

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Mit gut ausgebildeten Arbeitskräften, der Nähe zu Westeuropa, im Vergleich niedrigen Arbeitskosten – der Durchschnitt liegt bei etwa einem Drittel des in Westeuropa verzeichneten Niveaus –, einer relativ guten Infrastruktur und einem stabilen Geschäftsumfeld hat die MOE-Region bereits seit Jahren Investitionen aus dem Ausland angezogen. Jetzt versuchen etliche Länder, die Wertschöpfungsleiter nach oben zu steigen und eine größere Bedeutung in der industriellen Wertschöpfungskette zu gewinnen. Weitere Automatisierung und Digitalisierung sind Schlüsselthemen, um bei gesteigerter Produktivität auf Dauer wettbewerbsfähig zu bleiben.

Breiteres Branchenspektrum

Die MOE-Länder könnten nicht nur von der verarbeitenden Industrie – vor allem der Automobilindustrie – profitieren, sobald diese den Coronaschock und die konjunkturellen Schwächen überwunden hat. Mittelfristig werden die Automobilunternehmen der Region von ihrer Wettbewerbsfähigkeit, den in den Vorjahren getätigten Investitionen und den geschaffenen Produktionskapazitäten profitieren. Insbesondere dann, wenn sie sich an die strukturellen Veränderungen in der Branche anpassen.

Die Länder sind aber auch in der Lage, die Verlagerung anderer Industrien anzuziehen. Dazu könnte die Produktion von Elektro- und Elektronikgeräten gehören. Potential besteht auch bei Maschinen, Chemikalien sowie bei Transport und Lagerung. Die Region könnte sich rasch an die Nachfrage anpassen. Wenn die Länder weiter in Digitalisierung investieren, könnten auch die Dienstleistungssektoren, insbesondere im Baltikum und in den am weitesten entwickelten MOE-Ländern einschließlich der Tschechischen und der Slowakischen Republik, Ungarns, Polens und Sloweniens profitieren.

Investitionen in F&E

Insgesamt bleibt die MOE-Region wettbewerbsfähig. Die Produktionsanlagen sind relativ neu oder wurden vor kurzem modernisiert. Durch die Kofinanzierung aus EU-Mitteln wird die Infrastruktur weiter unterstützt. Eine höhere Produktivität bei gleichzeitiger Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit dürfte weitere Zuflüsse ausländischer Investitionen nach MOE fördern und die Entscheidungen über potentielle Produktionsverlagerungen in die Region unterstützen.

Der Preis ist noch die wesentliche Wettbewerbskomponente. Das zeigt der jüngste Global Competitiveness Report des Weltwirtschaftsforums, der die Länder nach ihrer nichtpreislichen Wettbewerbsfähigkeit einstuft. Dort sind die MOE-Länder nicht in der globalen Spitzengruppe. Die meisten von ihnen befinden sich jedoch unter den ersten 50 von insgesamt 141 Ländern. Der Bericht zeigte verschiedene Veränderungen: Kroatien verbesserte sich um fünf Ränge, während die Tschechische Republik und Albanien um drei bzw. fünf Positionen zurückfielen. Darüber hinaus bestätigen die in der Säule der Innovationsfähigkeit enthaltenen Werte, dass MOE sich weg von einer reinen „Werkbank“ hin zu einer Region mit breiterer Einbeziehung in die globalen Wertschöpfungsketten mit mehr Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten orientiert.

Dabei sind trotz einiger Verbesserungen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) nach wie vor relativ schwach. Laut dem jüngsten Bericht des Weltwirtschaftsforums über die globale Wett­bewerbsfähigkeit haben die Ausgaben für F&E in den MOE-Ländern insgesamt bis zu 1% des BIP erreicht. Diese Ausgaben beliefen sich in Slowenien auf 2%, in der Tschechischen Republik auf 1,7%, in Estland auf 1,3% und in Ungarn auf 1,2% des BIP. Sie liegen damit aber immer noch weit unter denen der globalen Spitzen­reiter: Israel (4,3%), Schweiz (3,4%), Schweden (3,3%) oder Japan (3,1%).

Die Covid-19-Pandemie hat jedoch die Situation auf dem Arbeitsmarkt umgekehrt. Obwohl in einer Reihe von MOE-Ländern massive fiskalische und monetäre Stimuli eingeführt wurden, haben die Arbeitslosenraten zu steigen begonnen, während das Lohnwachstum und der Arbeitskräftemangel gedämpft wurden. Ein ähnlicher Trend ist allerdings weltweit zu beobachten.

Fazit

Während die MOE-Kernländer bereit sind, Investitionen anzuziehen, die sie in der Wertschöpfung nach oben bringen, sind die Balkanländer eher für Investoren aus Sektoren mit geringerer Wertschöpfung interessant, darunter die Agrar- und Ernährungswirtschaft, die Textilindustrie oder im weiteren Sinne die Montage von Produkten aus importierten Komponenten.

Eine ausführliche Studie zur Verlagerung von Produktionskapazitäten in die Länder Mittel- und Osteuropas nach der Coronakrise steht HIER zum Download zur Verfügung.

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