Unsicherheit ist Gift für Investitionen: Nicht nur die Unternehmen halten sich mit Investitionen in Großbritannien zurück. Die Wirtschaftsleistung stieg 2018 lediglich um 1,4% (reales BIP), im vierten Quartal 2018 betrug der Zuwachs 1,3%. Die Neuzulassungen von Pkw sind 2018 deutlich gesunken und signalisieren die Zurückhaltung der privaten Haushalte. Entsprechend ging auch die Autoproduktion zurück. Zu Jahresbeginn 2019 erholte sich die Wirtschaftsleistung mit einem Wachstum von 1,8%. Mit der Verschiebung des EU-Austritts bis längstens Ende Oktober 2019 verlängert sich zwar die Übergangsfrist, die Unsicherheit bleibt jedoch.

Deutsche Exporte nach Großbritannien

(Veränderung gegenüber Vorjahr in %)

Quelle: Statistisches Bundesamt

Warenaustausch leidet

Die deutschen Exporte nach Großbritannien lagen 2018 um 4,0% unter dem Vorjahreswert. Es kam offenbar zu einer Verlagerung der Warenströme, da gleichzeitig der Handel mit Irland stark zunahm. Inzwischen hat sich der Exporttrend umgekehrt: Die deutschen Exporte nach Großbritannien erhöhten sich im ersten Quartal 2019 um 5,5% gegenüber dem Vorjahr. Im März erreichte der ZUwachs 9,9%. Der Durchschnittswert der jüngsten sechs Veränderungswerte seit Oktober 2018 erreicht mit 0,5% erstmals seit April 2018 wieder einen positiven Wert. Der positive Trend könnte sich durch die Verlängerung der Übergangsphase bis zum tatsächlichen Austritt aus der EU noch verstärken.

Die deutschen Importe aus Großbritannien stiegen im ersten Quartal 2019 um 4,4%. Auch hier beschleunigte sich die Erholung im März mit einem Zuwachs von 7,2%. Im Gesamtjahr 2018 wurde ein kleines Plus von 0,4% gemessen.

Brexit bringt zusätzliche Hürden

Wenn es nicht gelingt, eine Vereinbarung mit der EU zu erreichen, fällt der Handel zwischen Großbritannien und Deutschland auf das rechtliche Niveau eines Drittstaates (WTO-Land) ohne Verfahrenserleichterungen zurück. Dies würde besonders hohe Zulassungshürden für die Lieferungen der chemischen und pharmazeutischen Industrie mit sich bringen. Allein die Transportverzögerungen durch die wieder einzuführenden Grenzkontrollen dürfte die Lieferketten zwischen beiden Ländern belasten. So sind für den Automobilsektor weitere Einbußen im bilateralen Handel zu befürchten. Auch Zölle machen den Verkauf in das jeweils andere Land weniger attraktiv.

Britische Wirtschaft steht vor Umbruch

Auch wenn Großbritannien den Brexit wirtschaftlich wohl verkraften wird, sind die Kosten der bevorstehenden Abkoppelung aus dem Binnenmarkt bereits erkennbar: Sowohl die Finanzbranche, als auch die Industrie verliert international zunächst an Bedeutung. Denn ausländische Unternehmen wollen zumeist den ungehinderten Zugang zum europäischen Binnenmarkt behalten und verlassen im Zweifel das Vereinigte Königreich in Richtung EU. Und die britischen Unternehmen profitieren nach dem Austritt nicht mehr von den Handelsabkommen der EU mit Drittländern, solange die britische Regierung keine eigenen Abkommen schließt.