Guyana hat vor kurzem entdeckt, dass es über riesige Tiefseeölvorkommen vor seiner Küste verfügt. Dieser Fund könnte Guyana mittelfristig sogar zu einem der führenden Ölproduzenten der Welt machen.

Mohamed Irfaan Ali, Kandidat der oppositionellen People’s Progressive Party/Civic (PPP/C), wurde am 2. August 2020 als neuer Präsident Guyanas vereidigt. Die Vereidigung fand kurz nach der Bekanntgabe der endgültigen Wahlergebnisse durch die Wahlkommission von Guyana (GECOM) statt, die für die PPP/C eine Mehrheit in der Nationalversammlung von einem Sitz ergeben hatte.

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Die anderthalb Jahre zuvor glichen einer politischen Achterbahnfahrt. Nach einem Misstrauensvotum im Dezember 2018 wurden die Wahlen um mehr als ein Jahr bis zum 2. März 2020 hinausgeschoben. Nach der Wahl dauerte es dann weitere fünf Monate, bis der Sieger feststand. Dem bisherigen Präsidenten David Granger wurde Wahlbetrug vorgeworfen, es gab eine Nachzählung und juristische Auseinandersetzungen. Unter dem Druck anderer Länder, darunter die USA und Großbritannien, die frühere Kolonialmacht Guyanas, lenkte Granger schließlich ein. Auch nach der Amtseinführung Alis spricht der ehemalige Präsident weiterhin von Betrug und stellte rechtliche Schritte gegen das Ergebnis in Aussicht. Dennoch rief er die Anhänger der Koalition aus seiner Partei A Partnership for National Unity (APNU) und der Alliance for Change (AFC) dazu auf, die Entscheidung zu respektieren.

Ölfunde sorgen für starkes ­Wachstum

Bei diesen Wahlen stand viel auf dem Spiel. Es ging um die Kontrolle unerwarteter Öleinnahmen: Guyana hat vor kurzem entdeckt, dass es über riesige Tiefseeölvorkommen vor seiner Küste verfügt. Dieser Fund könnte Guyana mittelfristig sogar zu einem der führenden Ölproduzenten der Welt machen. ExxonMobil hat im Dezember 2019 vorzeitig mit der Ölförderung in dem vor der Küste gelegenen Liza-Feld begonnen. Daher dürfte Guyana in diesem Jahr voraussichtlich eines der wenigen Länder mit einem positiven realen BIP-Wachstum sein. Genauer gesagt, dürfte die kleine Nation trotz der derzeit relativ niedrigen internationalen Erd­ölpreise seine Erdölproduktion stark er­höhen und damit die am schnellsten wachsende Wirtschaft der Welt sein. Schätzungen der Weltbank vom Juni 2020 gehen von einem außergewöhnlichen realen BIP-Wachstum von 51,1% aus. Entsprechend dürfte das derzeit drittärmste Land Südamerikas in wenigen Jahren eines der reichsten sein.

Verteilung der Einnahmen sorgt für Konflikte

Der Kampf um die Kontrolle der Erdöleinnahmen hat die ethnischen Spannungen zwischen den rivalisierenden Gruppen der Indo-Guyaner (die überwiegend die PPP/C unterstützen) und der Afro-Guyaner (die mehrheitlich der APNU-AFC-Koalition nahestehen) noch verschärft. Trotz des relativ friedlichen Machtwechsels unterstreichen die Spannungen die anhaltenden Risiken für die soziale Stabilität. Auch die Antwort der Regierung auf die andauernde Covid-19-Pandemie und die Verwendung der Öleinnahmen für bevorzugte politische Projekte könnten zu sozialen Unruhen führen.

Die Amtseinführung ist dagegen eine gute Nachricht, sowohl für die Unternehmen als auch für die Menschen in Guyana. Die andauernde politische Pattsituation in Guyana hatte die Regierung Granger daran gehindert, die Öleinnahmen auszugeben und mit Notfallmitteln die Folgen der Covid-19-Pandemie zu bekämpfen. Daher dürfte die Vereidigung der Regierung Ali die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie, die in Südamerika grassiert, lindern.

Eine wichtige Frage bleibt jedoch: Wird das kleine Land in der Lage sein, mit einer möglichen „Holländischen Krankheit“ (Dutch Disease) umzugehen? Die PPP/C hat erklärt, dass sie den von der Regierung Granger zur Verwaltung der Öleinnahmen eingerichteten Natural Resource Fund auflösen werde. Dieser – wenn auch nicht fehlerfreie – Fonds sollte die Öleinnahmen so in die Wirtschaft fließen lassen, dass es nicht zu einer raschen Aufwertung des Guyana-Dollar kommt oder die Fähigkeit der schwachen Institutionen Guyanas überfordert, die Mittel gut auszugeben. Derzeit ist nicht klar, ob die neue Regierung den Fonds durch ein anderes Instrument ersetzen wird und, falls ja, durch welches.

Politische Risiken dürften abnehmen

Die aktuellen Ereignisse wirken sich vielversprechend auf die Bewertung des mittel- bis langfristigen politischen Risikos (6/7) und des Enteignungsrisikos (5/7) aus. Was das mittel- bis langfristige politische Risiko betrifft, verbessern einige Faktoren mittelfristig die wirtschaftlichen Fundamentaldaten des Landes: die Verringerung des Leistungsbilanzdefizits (von sehr hohen 40% des BIP im Jahr 2019 auf rund 20% des BIP 2020 und weiterhin rückläufig), der Anstieg der Leistungsbilanzeinnahmen und ein Rückgang der Auslandsverschuldung.

In Bezug auf das Enteignungsrisiko ist das Risiko von Vertragsänderungen während der politischen Pattsituation zwar gestiegen, dürfte aber in den kommenden Monaten wieder abnehmen. Eine mögliche Anhebung beider Ratings wird hauptsächlich von der politischen Ausrichtung der neuen Regierung und insbesondere von ihrer Fähigkeit, soziale Spannungen einzudämmen, abhängen.

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