Was ist los in Lateinamerika?

Ressourcenreich und weitgehend frei von zwischenstaatlichen Konflikten – Lateinamerika könnte ein wirtschaftliches Schwergewicht sein, das die Arbeitsteilung zwischen Asien, Nordamerika und Europa gut ergänzt. Doch die wirtschaftliche und (innen)politische Realität steht dem Erfolg bisweilen im Weg. Rudolf Effing und Oliver Schedel berichten im Gespräch mit dem ExportManager dennoch von zunehmend positiven Perspektiven für die Region.

Rudolf Effing, Head Trade Finance Financial Institutions Americas Region, Deutsche Bank, und Oliver Schedel, Head Global Subsidiary Coverage Brazil, Deutsche Bank

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Die Wirtschaftsleistung in Lateinamerika wird laut Prognosen der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Lateinamerika und die Karibik in diesem Jahr um 0,8% schrumpfen. Wie beurteilen Sie diese Situation?

Rudolf Effing: Wir kommen zu einer ähnlichen Einschätzung. Aber diese Prognose ist ja ein Durchschnitt für die gesamte Region und stark geprägt von einigen prägnanten Entwicklungen. Zum einen ist da die dramatische Situation in Venezuela mit einer Inflationsrate von über 400% und einem Rückgang des realen BIP um 8%! Wenn man mal Venezuela herausrechnet, dann sieht die Wachstumslage Lateinamerikas leicht positiv aus. Zum anderen gibt es aber auch andere, nicht so stimulierende Faktoren. Mexiko beispielsweise, ist negativ belastet durch die derzeitige US-Politik. Brasilien, das ca. 40% der gesamten lateinamerikanischen Wirtschaft repräsentiert, hat glücklicherweise gerade eine Rezession überwunden, wird aber immer stärker belastet durch den mittlerweile landesweiten Korruptionsskandal. Argentinien geht es da besser, aber dort wartet man erst einmal auf die „Halbzeit“-Wahlen, die im Oktober anstehen. Insgesamt bin ich aber positiv gegenüber Lateinamerika eingestellt. Die Region hat bereits in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Krisen gut überwunden.

Wie geht es mit der brasilianischen Wirtschaft nach der Anklage des Präsidenten Michel Temer und seiner möglichen Verwicklung in den Korruptionsskandal weiter? Welche Auswirkungen auf den Brasilianischen Real und die Börse in São Paulo sehen Sie?

Rudolf Effing: Der Korruptionsskandal zieht sich mittlerweile durch alle Wirtschaftszweige und politischen Ebenen. Das hat natürlich Auswirkungen: Das Problem ist die Ungewissheit, wer noch alles davon betroffen ist. Das verursacht Druck auf den Brasilianischen Real (BRL) und die Profitabilität der meisten Firmen. Der günstige Wechselkurs sollte eigentlich den Export der brasilianischen Wirtschaft fördern, das passiert aber nicht, weil Firmen nicht investieren wollen. Die politische Situation muss erst stabiler werden.

Oliver Schedel: Indikatoren zeigen, dass es mit der brasilianischen Wirtschaft trotz der politischen Krise vorangeht, wenn auch schleppend. Im Verlauf dieses Jahres verzeichnete die brasilianische Wirtschaft während einiger Monate erstmals eine Deflation, und das nach etlichen Quartalen mit bis zu zweistelligen Inflationsraten. Die Zinsen sind von 15% auf 9,25% gesunken, und die Zentralbank hat weiter Luft, den Leitzins zu kürzen, um Investitionen und den Konsum anzukurbeln. Aktuell ist der Konsum insbesondere aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit von ca. 13–14% noch auf niedrigem Niveau. Das Wirtschaftsgremium hat gute Arbeit mit proaktiven und innovativen Mitteln, wie beispielsweise der Bereitstellung geparkter Rentenansprüche, geleistet und somit rund 30 Mrd BRL in die Wirtschaft fließen lassen. Dennoch ist die hohe Arbeitslosigkeit das größte Problem der Volkswirtschaft. Auch Investitionen in die Infrastruktur sind in Brasilien dringend erforderlich. Insgesamt hat die Industrie ihre Kapazitäten noch nicht voll ausgelastet, und der Wechselkurs ist sehr exportfreundlich. Vor kurzem wurde außerdem ein Privatisierungspaket i.H.v. 12 Mrd USD ins Leben gerufen, welches sehr investitionsfreundlich für ausländische Investoren ist. Nach Jahren, in denen kaum Reformen verabschiedet wurden, ist das Wort „Reform“ in jüngster Vergangenheit wieder in aller Munde. Eine Arbeitsmarktreform zur Flexibilisierung des Arbeitsrechts ist bereits verabschiedet worden und steigert die Attraktivität des Standortes Brasilien für Unternehmen deutlich. Aus wirtschaftlicher und politischer Sicht geht das Land in die richtige Richtung.

Ein wesentlicher Indikator für die gute Entwicklung der Wirtschaft ist die Automobilindustrie. Diese verzeichnete in Brasilien in den ersten Monaten des Jahres 2017 ein Wachstum von 30%. Ein Großteil des Wachstums ist zwar exportgetrieben, aber trotzdem zeigen sich positive Aussichten für Brasiliens Wirtschaft.

Welche Länder in Lateinamerika stufen Sie momentan und mittelfristig als besonders attraktiv für deutsche Unternehmen ein?

Rudolf Effing: Für mich ist Argentinien Spitzenreiter. Präsident Macri hat schnell agiert und die Weichen gut gestellt. Wir sind alle davon ausgegangen, dass die Wirtschaft schnell wächst. Das ist zwar nicht in dem erwarteten Ausmaß geschehen, aber ich bin der Meinung, dass es nach den Wahlen im Oktober rasant nach oben gehen wird. Immerhin hat Argentinien massive Bodenschätze, die unter der Kirchner-Regierung leider nicht ausreichend genutzt wurden. Obwohl Mexiko derzeit durch eine Flaute marschiert, halte ich auch Mexiko nach wie vor für interessant für deutsche Unternehmen, ebenso, wenn auch auf deutlich kleinerer Flamme, Chile, Peru, Nicaragua. Eigentlich sollten die meisten Länder interessant für deutsche Unternehmen sein – selbst Venezuela, obwohl hier natürlich größte Vorsicht geboten ist. Venezuela sitzt auf Ölreserven, die größer sind als die Saudi-Arabiens, hat weitere Bodenschätze und darüber hinaus äußerst fruchtbaren Boden, auf dem praktisch alles wachsen könnte.

Oliver Schedel: Brasiliens Wirtschaft ist mit vielen Höhen und Tiefen sehr volatil, bleibt jedoch ein sehr interessantes und vor allem im Hinblick auf seine Größe nicht zu vernachlässigendes Land. Brasilien hat über 200 Millionen Einwohner und ist nach BIP die neuntgrößte Volkswirtschaft der Welt. Ein Markteintritt mag zwar hart und kompliziert erscheinen, kann aber auch vielversprechend sein.

Was empfehlen Sie Unternehmen, die sich mit einem Markteintritt in Latein­amerika beschäftigen? Ist der Zeitpunkt momentan richtig gewählt angesichts der schwierigen Marktumgebung, in der sich einige Volkswirtschaften befinden?

Rudolf Effing: Jedes Land sollte hinsichtlich der Marktchancen einzeln betrachtet werden. Man sollte nicht glauben, dass jedes Land gleich ist, nur weil in den meisten Ländern Spanisch gesprochen wird. Dennoch sind Kenntnisse der spanischen Sprache sehr wichtig. „Latinos und Latinas“ sind stolz, und es wäre ein Fehler, die Region als Entwicklungsland abzustempeln.

Oliver Schedel: Nehmen wir als Beispiel die Banken. Es gibt kaum eine Bank, die alle Länder in Lateinamerika abdeckt. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Länder sehr heterogen und getrennte Einheiten sind. Es können nur wenige Synergien genutzt werden, und auch die Mentalität der Länder ist sehr unterschiedlich.

Herr Schedel, das Büro der Deutschen Bank in São Paulo existiert seit über 100 Jahren. Wie unterstützen Sie und Ihre Kollegen deutsche Unternehmen, die in Brasilien Marktchancen suchen?

Oliver Schedel: Brasilien ist für die Deutsche Bank ein wichtiger Standort. Wir bieten in Brasilien mit einer Vollbanklizenz alles, was ein deutscher Exporteur im Ausland braucht und fokussieren uns auf das Tagesgeschäft im kommerziellen Business. Hierbei offerieren wir insbesondere Cashmanagement- und Trade-Finance-Produkte. Unsere Kunden sind zu etwa zwei Dritteln Tochtergesellschaften unserer multinationalen Kunden aus der gesamten Welt sowie zu etwa einem Drittel brasilianische Konzerne.

Rudolf Effing: Ferner sind wir mit einer Vielzahl der renommierten Banken in der Region gut vernetzt, um unseren Kunden eine bestmögliche Abwicklung ihrer Außenhandelsgeschäfte zu ermöglichen.

Stichwort Risikoabsicherung: Bei einem Markteintritt in eine neue Region spielt die Sicherheit von Zahlungsströmen eine wichtige Rolle. Wie lassen sich Exporte nach Lateinamerika am besten absichern?

Rudolf Effing: Ich würde die Risikoabsicherung nicht nur auf neue Regionen oder Länder reduzieren.  Es ist ja nicht nur das Landesrisiko, das abgesichert werden sollte, sondern auch das Counterparty-Risiko. Aus dem weit entfernten Deutschland ist es oft schwierig, finanzielle Probleme, die ein Importeur in Lateinamerika haben könnte, zu erkennen. Obwohl Akkreditive schon seit Jahrzehnten als Auslaufmodell gehandelt werden, sind sie weiterhin eines der besten Instrumente zur Risikoabsicherung. Außerdem können sie auch als kostengünstiges Finanzierungsinstrument genutzt werden. Banken sind hier die besten Risikopuffer. Garantien sowie das amerikanische Gegenstück „Stand-by-LC“ werden immer beliebter; sind allerdings auch meistens schwieriger aufzusetzen. Für regelmäßige Exporte an denselben Importeur ist ihre Nutzung aber durchaus überlegenswert.

Oliver Schedel: Zusätzlich ist auch die Währungskursrisikoabsicherung sehr wichtig. Der Brasilianische Real z.B. ist eine der volatilsten Währungen der Welt, und man sollte auf dessen Entwicklung besser nicht spekulieren. Bei allen Währungen in Lateinamerika, die nicht an den US-Dollar gekoppelt sind, ist demnach eine Währungsabsicherung anzuraten.

Lateinamerika ist reich an Bodenschätzen. Wie wirken sich sinkende Rohstoffpreise auf die lokale Wirtschaft aus? Welche Abhängigkeiten haben die Länder?

Rudolf Effing: Sinkende Rohstoffpreise haben natürlich negative Auswirkungen auf die lokale Wirtschaft. Da gibt es eine klare Abhängigkeit. Wenn weniger eingenommen wird, sollte auch weniger ausgegeben werden. Wenn man den Kostenblock nicht reduzieren kann oder will, muss man andere Wege finden, um weiterhin liquide zu bleiben. Die Gelddruckmaschine anzuwerfen ist kein guter Dauerzustand – siehe Venezuela. Also muss man neue Industrien und Einnahmequellen finden.

Oliver Schedel: Für Länder wie Brasilien, bei denen hauptsächlich Rohstoffe exportiert werden, gibt es eine inverse Abhängigkeit  zwischen Rohstoffpreisen und der Währung. Sinken die Rohstoffpreise, dann leidet die Wirtschaft dieser Länder, was die Währung schwächt, aber die sinkenden Einnahmen der Preise zumindest teilweise kompensiert.

Herr Effing, Herr Schedel, vielen Dank für das Gespräch.

rudolf.effing@db.com

oliver.schedel@db.com

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